Unter dem Titel «Zwei Afghanen nach Streit von Güterzug erfasst» berichtete die «Schweiz am Wochenende» am 8. Juni über einen Vorfall beim Bahnhof Aarau. «Es ist für Mohammad Hossein Rezaii und seine afghanischen Kollegen ein grosses Anliegen, zum Bericht in der AZ vom 8. Juni Stellung zu nehmen», schreibt Susanne Klaus, Leitung Projekt UMA «Leben und Lernen» in der Aarauer Telli. Sie hat ihm geholfen folgenden Text zu schreiben:

«In der Nacht vom 6. Juni sind zwei meiner Freunde über eine Absperrung beim Aarau Bahnhof geklettert, danach wurden sie vom Zug erfasst und starben. Laut Polizei entbrannte zuvor ein Streit, wie die ‹Schweiz am Wochenende› im Titel des entsprechenden Artikels schrieb. Ich war einer der Augenzeugen. Die Bilder, wie der Zug meine beiden Freunde erfasste, zu vergessen, ist unmöglich. In der Zwischenzeit haben wir von Aminullah und Iftikar Abschied genommen. Der Zeitungsartikel und die Medienmitteilung der Polizei stimmen für mich so nicht und werfen ein falsches Licht auf meine verstorbenen Freunde. Es wurde geschrieben ‹zuvor entbrannte ein Streit› und ‹sie rannten auf die Gleise›. Dies entspricht nicht der ganzen Wahrheit.

«Es tut mir leid für ihre Familien»:  Bismillah Mohsini hat die zwei getöteten Afghanen gut gekannt

TeleM1-Bericht vom 6. Juni 2019: «Es tut mir leid für ihre Familien»: Bismillah Mohsini hat die zwei getöteten Afghanen gut gekannt

      

Wie ich es erlebt habe: Einer meiner Freunde wollte sterben, er ist über die Absperrung geklettert, hat sich auf das Gleis gesetzt und auf den Zug gewartet. Mein zweiter Freund wollte ihn vom Gleis ziehen und ihn vom heranrollenden Zug retten. Zuvor haben sie genau darüber gestritten. Es war ein Streit darum, sich nicht das Leben zu nehmen.

Das Leben ist für uns Jugendliche, die wir ohne Familie in der Schweiz sind, nicht einfach.

So war es auch für meinen Freund unerträglich. Sein Zuhause war in einer Gemeindeunterkunft, wo er unterirdisch zusammen mit vielen Männern in einem Zimmer wohnte. Er versuchte Deutsch zu lernen, eine Lehre oder eine Arbeit zu finden, bis ihn der Mut verliess und er sich entschied, sein Leben zu beenden.

Was bleibt ist die Leere, die schrecklichen Bilder, die ich nie mehr aus dem Kopf bringe, und die vielen Onlinekommentare wie: ‹selber schuld›, ‹das geschieht, wenn man sich nicht an die Regeln der Schweiz hält›, ‹die beiden haben ihr Leben wegen eines dummen Streits aufs Spiel gesetzt›.»

Die Sicht der Staatsanwaltschaft

Zum Text von Mohammad Hossein Rezaii erklärt Fiona Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft: «Unsere Aufgabe bei einem aussergewöhnlichen Todesfall ist es, abzuklären, ob ein Delikt vorliegen könnte. Das können wir bei diesem tragischen Unfall ausschliessen. Das Verfahren ist jedoch noch nicht eingestellt, da die Verfahrensakten noch nicht komplett sind. Was wir gestützt auf die Aussagen der Auskunftspersonen feststellen konnten, war, dass es im Vorfeld dieses tragischen Unfalls eine Auseinandersetzung gegeben hatte. Was jedoch der Grund und der Inhalt dieser Auseinandersetzung war, konnte trotz umfangreichen Abklärungen nicht abschliessend geklärt werden.»