Aarau

Theaterstück spürt der Balance zwischen Familien- und Berufsleben nach

Die Saunabesucher Thomas Douglas (l.) und Jonas Rüegg. Schlosser

Die Saunabesucher Thomas Douglas (l.) und Jonas Rüegg. Schlosser

Die neuste Theaterproduktion «We are family» in der Tuchlaube ist eine dramatisierte Gesellschafts- und Sprachstudie. Darin zeigt sich, wie tief die ökonomisch geprägte Sprache im Denken des Einzelnen verwurzelt ist.

Vier Lebensentwürfe, vier Mal das ausformulierte Recht, nach dem eigenen Glück zu streben, vier Mal leiden an der Qual der Wahlmöglichkeiten, vier Unmöglichkeiten eines eigenständigen Ichs.

Das Bühnenstück «We are family», das heute Freitag und morgen Samstag im Theater Tuchlaube zur Aufführung kommt, führt seine vier Protagonisten, unmittelbar aus dem leerlaufenden Gang des modernen Lebens gerissene Mittdreissiger, in den Saunabereich einer Wellnessoase.

In diesem geheizten Neuzeittempel zur Optimierung des Scheins werden die beiden Frauen und die beiden Männer von einer übergrossen Babypuppe mit ihrer persönlichen Realität konfrontiert.

«Wo steht ihr im Leben?», lautet die Einstiegsfrage der Puppe und auch die dick aufgetragene Schlammkur kann nicht verhindern, dass von diesem Punkt an das aufwendig gezeichnete Selbstbild zu bröckeln beginnt.

Im Laufe der Konzeptualisierung der Theaterproduktion haben die Regisseurin Nicole Tobler und die Autorin Stefanie Grob viele Interviews mit erfolgreichen, berufstätigen Familienmenschen geführt und nach der Balance von Familien- und Berufsleben gefragt. Wie Nicole Tobler ausführt, ist der Dramentext, natürlich mit Zuspitzungen und Verschärfungen, eng an die Gespräche angelehnt.

Theorien um die Ohren

Dabei zeigt sich mit belustigendem bis erschreckendem Wiedererkennungseffekt für die Zuschauer, wie tief die ökonomisch geprägte Sprache in die Reflexion privater Lebensverhältnisse gedrungen ist. In grossem Masse unfähig zeigen sich die vier Saunabesucher auf der Bühne auch bei der Aufgabe, ein eigenes Ich zu entwickeln und eine eigene Präsenz zu markieren.

Viel lieber wünscht man sich zurück in die unbeschwerte und verantwortungsfreie Kindheit. Oder man schlägt sich soziologische Theorien um die Ohren, was letztlich aber nur die andauernde Abhängigkeit von einem Denken aus zweiter Hand offensichtlich macht.

Gerade das Theater als Ort des Rollenspiels erlaubt es, die Konstruktionen von Identität und Individualität aufzubrechen.

Therapeuten im Zehnerpack

Die Koproduktion «We are family» legt unsere Alltags- und Umgangssprache, die durch Gewohnheit oft stumpf geworden ist, auf den Seziertisch und gibt den Blick frei auf die kaum lösbaren Interessenkonflikte, die in ihr enthalten sind. Anhand der gesprächsleitenden Babypuppe wird zudem ein ironischer Seitenhieb getätigt auf die verschiedensten Befreiungsangebote, die Therapeuten und Wissenschaftler scheinbar im Zehnerpack vorrätig haben.

Auf der Bühne werden keine Lösungen präsentiert. Der Zuschauer ist dankbar dafür. Hinwegsehen kann man zudem, wenn man den dokumentarischen Ansatz dieses Theaters würdigt, über gelegentliche Einbrüche im Spannungsverlauf, die sich aus der grossen Herausforderung ergeben, Alltag bühnentauglich zu machen.

Weitere Vorstellungen Theater Tuchlaube, heute Freitag, 15. November, 20.15 Uhr. Im Anschluss Publikumsgespräch mit Christine Leimbacher, Leiterin Fachstelle Familien und Gleichstellung Kanton Aargau. Samstag, 16. November, 20.15 Uhr.

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