Aarau

Theater greift politisch brisanten Stoff auf.

Auf dem Platz vor dem Stadtmuseum Aarau wird eine Fluchtszene aus dem Theaterstück «Das Verhör» gespielt. Markus Christen

Auf dem Platz vor dem Stadtmuseum Aarau wird eine Fluchtszene aus dem Theaterstück «Das Verhör» gespielt. Markus Christen

Die Theatergruppe der Neuen Kanti spielt «Das Verhör»: Das Stück erzählt von einigen Mädchen in der Schweiz von 1942, die sich über den Bundesrat empören, weil der sechs jüdische Flüchtlinge im Jura abgewiesen hat.

Mit diesem leidenschaftlichen Widerstand von 22 Schülerinnen gegen die gelebte Grenzpolitik der Schweizerischen Eidgenossenschaft hatte niemand gerechnet, umso gründlicher sollte mit ihm abgerechnet werden: Im September 1942 unterschrieben und verschickten die 14- und 15-jährigen Mädchen aus dem sanktgallischen Rorschach einen Brief an die «sehr geehrten Herren Bundesräte», in dem sie ihrer Empörung über die Rückweisung von sechs jüdischen Flüchtlingen im Jura eindrücklich Luft verschafften.

Hinter dem Appell, der im Kern eine affektive Eruption des Gewissens und in Eigenregie verfasst worden war, vermutete der damalige Justizminister Eduard von Steiger das destruktive Wirken politischer Agitatoren. Er schaltete die Bundesanwaltschaft ein, die Schulkinder wurden zum Verhör vor den Gemeindeschulrat geladen.

Dieses Verhör, das einseitig und aus heutiger Sicht befremdend auf der oberlehrerhaften Klaviatur des Machtgefälles spielt, steht im Zentrum der neuesten Produktion der Theatergruppe AUJA! der Neuen Kantonsschule Aarau. Geschildert werden auf einer Bühne im Stadtmuseum und auf dem Platz vor dem Stadtmuseum ineinander übergreifend die Ungewissheit, mit der die flüchtende Existenz sich konfrontiert sieht, und das mutige Aufbegehren Heranwachsender.

Aktuelle politische Brisanz

Das dokumentarische Bühnenstück mit dem Titel «Das Verhör – ein Flüchtlingsdrama», das den Schlusspunkt setzt für die Wechselausstellung «Demokratie» des Stadtmuseums, bedient sich ausschliesslich historischer Quellen. In aufwendiger Recherchearbeit hat die Kulturwissenschaftlerin Gerda Baumgartner zudem das Schicksal der sechs jüdischen Flüchtlinge rekonstruiert.

Nicht vorherzusehen war bei Produktionsbeginn die aktuelle politische Brisanz, die das Schauspiel entfaltet. «Es handelt sich bei unserem Schauspiel nicht um eine kurzfristige Solidarisierungsaktion», sagt Regisseur und Theaterleiter Beat Knaus. «Wir verweisen nicht ständig auf die Gegenwart. Jedoch wirft das Stück Fragen auf, denen sich der Zuschauer stellen muss und stellen soll.»

«Ideale Identifikationsfiguren»

Der Brief der Rorschacher Schülerinnen an den Bundesrat kann in der Wechselausstellung besichtigt werden. Er bildete den Ausgangspunkt für die Theaterarbeit. «Interessiert hat mich der Brief und seine Geschichte vor allem aus zwei Gründen», sagt Regisseur Knaus. «Beeindruckend ist, wie eine Schulklasse die Chuzpe aufbringt, dem Bundesrat die Stirn zu bieten.» Ausserdem würden im Freifach Schultheater überwiegend Schülerinnen mitwirken. «Die Schülerinnen aus Rorschach stellen aus theaterpädagogischer Sicht ideale Identifikationsfiguren dar.»

Unterstützt und begleitet wird die Theatergruppe von den Sängerinnen der Formation Jazz Vocals und einem vierköpfigen Orchester unter der Leitung von Ruedi Debrunner. Damit die Musik das aufgeführte Stück Historie atmosphärisch aufladen kann, hat Debrunner gar das Gesangbuch der Rorschacher Schule aus dem Jahr 1942 ausfindig gemacht.

Aufwendige Recherchearbeit

Vor mehr als einem Jahr begann die Kulturwissenschaftlerin Gerda Baumgartner mit der Arbeit, das Schicksal der sechs an der Schweizer Grenze zurückgewiesenen jüdischen Flüchtlinge zu rekonstruieren. Ausgangspunkt ihrer Recherchen bildeten verschiedene Zeitungsartikel, die im Jahr 1942 über die Zurückweisung berichteten. Namen kannte Baumgartner keine.

«Was als kleinerer Auftrag an mich herangetragen wurde, nahm immer grössere Dimensionen an», sagt Baumgartner. Über mannigfache Kontakte gelangte sie schliesslich an eine Historikerin in Genf, welche sich mit dem Fall beschäftigt hatte und im Besitz der entscheidenden Dossiernummern des Bundesarchivs war. «Durch die polizeilichen Verhörakten gelangte ich schliesslich an die Namen der Flüchtlinge», so Baumgartner.

Besuch bei letzter Flüchtenden

Über ein Verwandtschaftsnetzwerk im Internet konnte im Folgenden der Kontakt zur Tochter von Tauba Süsskind hergestellt werden. Süsskind, die sich heute Tony Weber nennt und 89 Jahre alt ist, ist mutmasslich die letzte Hinterbliebene der Flüchtlingsgruppe. «Sowohl die Tochter als auch die Mutter reagierten sehr emotional auf meine Kontaktaufnahme», sagt Gerda Baumgartner. Tauba Süsskind verbinde mit der Schweiz ambivalente Gefühle, denn auf die Zurückweisung der Flüchtlingsgruppe im Jura folgte später die Aufnahme in Zürich. Auch dieses Fluchtkapitel ist Gegenstand des Theaterstücks «Das Verhör», es sei dazu an dieser Stelle nichts Näheres verraten.

Im Mai besuchte Gerda Baumgartner Tauba Süsskind in Tel Aviv und führte mit ihr ein Interview. «Ich hatte den Eindruck, dass sie es für wichtig erachtet, dass dieses dunkle Kapitel der Geschichte im Bewusstsein bleibt und sich auch die jungen Menschen damit beschäftigen», sagt Baumgartner. Vom Brief aus Rorschach an den Bundesrat hat Süsskind übrigens erst durch Gerda Baumgartner erfahren: «Sie hat mir gesagt, dass es ihr damals natürlich Mut gemacht hätte, hätte sie gewusst, dass sich Mädchen im gleichen Alter für sie und ihre Schicksalsgenossinnen an der Grenze eingesetzt haben.»

Aufführungsdaten «Das Verhör»: Samstag, 25.6., und So., 26.6., jeweils um 17 und 20 Uhr. Montag, 27. 6., bis Mittwoch, 29. 6., um 20 Uhr. Stadtmuseum Aarau. Vorverkauf über www.auja.ch.

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