Aarau

Tempo 30 statt zusätzlichen Fussgängerstreifen auf der Bahnhofstrasse?

Ungefähr hier müsste ein zusätzlicher Fussgängerstreifen liegen. Von links her erkennbar die Einmündung Bankstrasse.

Ungefähr hier müsste ein zusätzlicher Fussgängerstreifen liegen. Von links her erkennbar die Einmündung Bankstrasse.

An der Idee eines zusätzlichen Fussgängerstreifens über die Aarauer Bahnhofstrasse, die via Online-Petition lanciert wurde, scheiden sich die Geister. Die FDP-Einwohnerrätin Anna Wartmann setzt auf die radikale Idee von Christian Oehler.

Die Kommentare im Netz zum AZ-Artikel zur Petition reichen sinngemäss von «den faulen Fussgängern tut ein wenig Bewegung gut» bis hin zur Forderung, alle Autos aus der Stadt zu verbannen. Es gibt aber auch sachlich gehaltene Beiträge wie die Präzisierung, ein weiterer Fussgängerstreifen müsste zwingend mit einem Lichtsignal versehen werden, weil sich sonst der Verkehr noch mehr staue. Der Streifen ohne Ampel beim Aargauerplatz lässt grüssen. «Wenn kein Verkehr kommt, kann man ja rüber», schreibt einer. «Und wenn der Verkehr rollt beziehungsweise Gefahr besteht, einfach weiterlaufen, bis dann mal die Unterführung kommt. Die meisten Leute wollen ja eh zum Bahnhof und müssen nicht vorher rüber.»

Freilich umfasst die Strecke vom Streifen bei der Kasinostrasse bis zur Bahnhofunterführung rund 250 Meter. Ein Musiker, der offenbar regelmässig nach der Probe über die Strasse rennen muss, um nicht eine geschlagene Stunde auf den Zug zu warten, vermisst deshalb die verschwundene Unterführung bei der UBS, die den direkten Zugang zum Bahnhof ermöglichte – ohne die Warterei vor zwei Lichtsignalanlagen. Ein Radfahrer sieht die wahre «Kampfzone» im Bereich Bahnhofstrasse bei der Einmündung der Bankstrasse (zwischen AKB und Pestalozzi-Schulhaus). Ein Kommentator, der keine Notwendigkeit für einen weiteren Fussgängerstreifen erkennen kann, schreibt, was es bräuchte, sei eine Begegnungszone mit Tempo 20 und Vortritt der Fussgänger vor dem fahrenden Verkehr.

Einbezug des Postulats Oehler

Ganz so weit will FDP-Einwohnerrätin Anna Wartmann nicht gehen. Auf Twitter schreibt sie im Sinne eines Gedankenanstosses: «Wenn in Aarau Tempo 30 eingeführt würde, könnte man die Ampeln und Zebrastreifen entfernen. Der Verkehr würde flüssiger und die Fussgänger hätten mehr Freiheit.»

Damit orientiert sich Wartmann an einem Vorstoss ihres Fraktionskollegen Christian Oehler, den dieser im letzten September im Einwohnerrat deponiert hat. Die stadträtliche Stellungnahme zum Postulat «Sicherere Strassen durch weniger Verkehrsleitsysteme» steht noch aus. Oehler möchte, dass die Stadt, zusammen mit dem Kanton, im Rahmen eines Pilotprojekts abklärt, wie sich bestimmte Vereinfachungen beim Verkehrsleitsystem auf die Verkehrssicherheit und die Strassenunterhaltskosten auswirken. Sein Ziel wäre es, auf Kantons- und Gemeindestrassen «im gleichen Strassenzug/Strassenraum» eine einheitliche Lösung zu erzielen.

Als Weg stellt Oehler eine radikale Lösung zur Debatte: Verzicht auf Verkehrsampeln, weitgehender Verzicht auf Signalisationen aufgrund der von Stadt und Kanton zu prüfenden Kriterien, Einführung einer einheitlichen Höchstgeschwindigkeit – was auf Tempo 30 hinausläuft. Zu klären bliebe, wieweit damit unter Berücksichtigung aller Konsequenzen die Ansprüche, welche die verschiedenen Verkehrsteilnehmer an die Bahnhofstrasse stellen, befriedigt werden könnten.

Würde der Kanton mitspielen?

Eine andere Frage stellt sich aber schon viel früher: jene nach der Haltung des Kantons. Die Bahnhofstrasse ist nämlich eine Kantonsstrasse. Und der Kanton Aargau vertritt bisher dezidiert die Auffassung, dass auf Hauptverkehrsstrassen der Verkehr fliessen können muss. «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg», schreibt dazu Anna Wartmann. Ein Abweichen vom Gesetz und damit von Tempo 50 innerorts ist zwar unter gewissen Umständen möglich, doch die Aarauer Bahnhofstrasse erfüllt prima vista keine der dafür nötigen Bedingungen. Zwei Ausnahmen gibt es im Kanton: in Olsberg und Windisch. Dort gibt es je eine schmale Verbindungsstrasse mit wenig Verkehr, auf der Tempo 30 zugelassen wurde.

Das Postulat Oehler definiert keinen Perimeter, aber dass auch auf den Kantonsstrassen im ganzen Stadtgebiet Tempo 30 eingeführt wird, kann nicht die Idee sein. Kantonsstrassen, die ganz oder zumindest teilweise auf Aarauer Boden verlaufen, sind etwa der Autobahnzubringer T5, der Staffeleggzubringer, die neue Verbindungsspange K209, die Entfelder-, die Schönenwerder- und die Schachenstrasse. Umgekehrt stellt sich die Frage, ob denn die bestehenden Begegnungszonen auf Aarauer Gemeindestrassen (Graben) im Sinne des Postulats Oehler zugunsten von Tempo 30 generell aufgehoben werden und die Autos und Velos auch hier wieder Vortritt vor den Fussgängern haben sollen.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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