Aarau

«Tauben umbringen bringt nichts» – Mit Verständnis statt Gewalt gegen die Plage

Giuseppe Graziano und Elisabeth Kaufmann (Mitte) kümmern sich um das Taubenproblem. Claudia Graziano hilft mit.Iseli

Giuseppe Graziano und Elisabeth Kaufmann (Mitte) kümmern sich um das Taubenproblem. Claudia Graziano hilft mit.Iseli

Mit einer neuen Strategie wollen die Experten gegen die Taubenplage in der Stadt Aarau vorgehen. Wichtig dabei sei, dass man Verständnis für ihr Wesen aufbringe, wenn man etwas gegen die Tauben machen wolle. Gewalt sei das falsche Rezept.

Von aussen weist nichts darauf hin, dass sich in diesem herrschaftlichen Haus am Graben der städtische Taubenschlag befindet. Wer ihn besuchen will, muss gut zu Fuss sein. Die Treppe führt an mehreren Arztpraxen vorbei.

Im Estrich verrät das Haus, wie alt es wirklich ist. Das Gurren und Geflatter im Taubenschlag bleibt aus, die Tauben sind ausgeflogen. Dafür erwartet die Besucher ein beissender Gestank.

Giuseppe Graziano wurde von der Stadt herbeigezogen, um der Taubenplage Herr zu werden.

Im Gespräch mit dem Experten wird schnell klar, dass er dies nicht mit Methoden machen wird, die sich manch geplagter Bürger wohl wünschen würde.

«Tauben umbringen bringts nichts», sagt er. Viel zu schnell würde sich die Population von solchen Verlusten wieder erholen, die Lücken würden von auswärtigen Tauben gefüllt.

«Auch Massnahmen wie Netze oder Stacheln nützen nichts», sagt Grazianos Tochter Claudia, die ihren Vater als Taubenverantwortliche vertritt, während er sich von einer Operation erholt.

Bei diesen Aussagen schwingt bei den Grazianos keine Resignation mit, sondern schon eher eine Sympathie. Giuseppe Graziano hat ein Herz für Tauben, er züchtet sie und hat ungefähr 200 zu Hause. «Wenn man etwas gegen die Tauben in der Stadt machen will, muss man Verständnis für ihr Wesen aufbringen», darin sind sich Vater und Tochter einig.

Neuer Standort für Schlag gesucht

Von Natur aus sind Tauben Höhlenbewohner, deshalb gefällt es ihnen auch in der Stadt sehr gut. Dort finden sie zum Brüten überall kleine Nischen, die sie an Felsspalten erinnern.

Das Ziel ist es nun, die Tauben vom Brüten in der Stadt abzubringen, indem man ihnen im Taubenschlag Nistplätze zur Verfügung stellt. Der Taubenschlag wird regelmässig geputzt und kontrolliert, sodass hygienische Zustände gewährleistet werden können.

Die Tiere werden gefüttert, kranke Tauben werden entfernt und getötet. Die Eier in den Nestern werden gegen Gipseier ausgetauscht, so kann der schnellen Vermehrung entgegengewirkt werden. Jedoch können nicht alle Eier ersetzt werden. Es muss eine Generation Tauben entstehen, die selber wieder im Schlag und nicht wild brüten wird.

Der Taubenschlag beim Kasinopark ist momentan der einzige in der Stadt. Er soll vergrössert werden, ein zweiter ist in Planung. «Die Suche nach einem Standort in einer städtischen Liegenschaft gestaltet sich äusserst schwierig», sagt Lisa Kaufmann von der Umweltfachstelle. Niemand wolle die Tauben bei sich haben.

Kaufmann und Graziano sind schon in Olten auf die gleiche Art und Weise gegen die Tauben vorgegangen. Das System mit den Taubenschlägen funktioniere dort sehr gut, erklärt Graziano. Die Population könne gut kontrolliert und Krankheiten vermieden werden. Bis es so weit ist, vergehen jedoch einige Jahre.

Die Tauben müssen zu ihrem Glück gezwungen werden. Zuerst muss man sie einfangen und im Schlag einsperren, damit sie sich an ihr neues Zuhause gewöhnen können. Vom Füttern der Tauben auf der Strasse rät der Experte ausdrücklich ab: «Je mehr Futter die Tiere bekommen, desto schneller vermehren sie sich.»

Giuseppe Graziano erkennt in Olten jede Taube an ihrem Aussehen, das ist auch sein Ziel für Aarau. In Olten finden im Taubenschlag regelmässig Tage der offenen Tür statt. Kaufmann kann sich das auch für Aarau vorstellen.

«So können sich die Leute selber davon überzeugen, wie die Gelder investiert werden und dass die Tauben hygienisch gehalten werden», sagt sie. Neben den Taubenhassern gäbe es auch jene, die Mitleid mit den Vögeln hätten.

Nach dem Aufenthalt im düsteren Estrich blendet draussen die Sonne. Wer zum Dachfenster hinaufschaut, sieht die Tauben, die geduldig warten, bis die Luke zu ihrem Schlag wieder geöffnet wird.

Meistgesehen

Artboard 1