Aarauer Quartiere
Tannengutquartier: Die Durchgangsheimat

Im Tannengut wohnen die meisten nur auf Zeit – viele Wohnungen sind eng. Es ist das Zuhause für 250 Aarauer, 44 Prozent sind Ausländer, mehr als die Hälfte von ihnen jünger als 35.

Sabine Kuster
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Familie Mpezo wohnt im Quartier Tannengut. Hier ist die Familie vor dem Treppenaufgang zu ihrer Wohnung zu sehen. Alex Spichale

Familie Mpezo wohnt im Quartier Tannengut. Hier ist die Familie vor dem Treppenaufgang zu ihrer Wohnung zu sehen. Alex Spichale

Während sich die Bewohner im Dammquartier um den Ruf ihres Quartiers sorgen, ist das Tannengut ein Aarauer Quartier ohne Ruf. Es ist schlicht zu wenig bekannt. Eines von Aaraus kleinsten Quartieren liegt versteckt am Nordhang des Hombergs im Rombachtäli. Es ist das Zuhause für 250 Aarauer. 44% sind Ausländer, nur im dünn besiedelten Torfeld Nord ist der Anteil noch höher. Mehr als die Hälfte der Ausländer ist weniger als 35 Jahre alt. Viele der Häuser sind alt, nur auf der Sonnenseite im Rombachtäli in der Gemeinde Rombach wird fleissig gebaut.

Ein bunter Mix aus Bewohnern

Für die meisten ist das Tannengut bloss eine Durchgangsstation: Sobald der Lohn steigt und man eine grössere Wohnung findet, ziehen die Leute wieder weg. «Seit zwei Jahren ist der Wechsel enorm», sagt Regula Lüthi, «es ist eine ewige Züglete.» Sie wohnt seit über 40 Jahren am Erzgrubenweg, eine Sackgasse, an deren Ende der Wald beginnt. Bisher sei der Mix der Nationalitäten ein guter gewesen, «aber heute könnte ich von keinem der Häuser sagen, wer da wohnt.» Sie deutet auf die Häuschen auf der anderen Strassenseite: Jeweils vier Wohnungen sind in einem, zwei unten, zwei oben – drei Zimmer auf 60 Quadratmetern.

Vereinzelt wurden zwei Wohnungen zu einer grossen erschlossen, denn für die heutigen Ansprüche der Menschen, sind die Wohnungen klein. Vierköpfige Familien wohnten früher darin, so auch die Familie Lüthi. Heute bewohnt die Familie ein grösseres Haus gleich daneben. «In den Wohnungen leben Singles, die ausziehen, wenn sie mit ihrem Partner zusammenleben wollen und vor allem, wenn Kinder dazukommen.

Auch ein 52-jähriger Dekorationsgestalter ist nur übergangsmässig hier. Erst seit einem Jahr wohnt er hier und hat schon eine neue Wohnung in Aussicht, er ist bloss zum Arbeiten hierhergekommen. Kontakt habe er wenig zu den Nachbarn, sagt er. Der Wald beginnt vor seinem Fenster. «Nachts hört man die Rehe und Füchse husten, ich schwörs», erzählt er.

Zu viert wirds eng

Nur jene, die es sich nicht leisten können, bleiben auch mit zwei Kindern hier wohnen. Jimmy und Pelagie Mpezo zum Beispiel, mit ihren beiden kleinen Kindern. Sie stammen aus dem Kongo, Jimmy Mpezo ist schon seit 10 Jahren in der Schweiz, seine Frau seit drei Jahren. Mit dem Wäschekorb unter dem Arm steht sie in der Tür, zwischen ihren Beinen äugt neugierig ein Sohn hervor. Es sei schon eng hier, sagt sie, aber die Nachbarschaft sei gut. Deutsche, Portugiesen, Afrikaner, im Sommer treffe man sich nach Feierabend und am Wochenende draussen. «Nur im Winter verschwinden alle schnell in ihren Wohnungen», sagt Pelagie Mpezo. Fürs Foto soll die Reporterin wiederkommen, wenn ihr Mann auch zu Hause ist, die ganze Familie gehöre ins Bild.

Ein Geheimtipp am Waldrand

Trotz des knappen Raumes kosten die meisten Wohnungen 1000 bis 1300 Franken im Monat – teuer für ein Quartier am steilen Schattenhang. Nur wenige sind günstiger. Regula Lüthi ist es dennoch wohl hier: «Das Tannengut ist ideal, wenn man kein Auto hat, in einer Viertelstunde ist man zu Fuss am Bahnhof.» Die Sonne scheine auch im Winter bis mindestens um ein Uhr mittags. Unten an der Küttigerstrasse stehen ein Lebensmittelladen, eine Apotheke, die Post. Im angrenzenden Wald geht ihr Mann joggen, sie sagt: «Für unsere Kinder war er super, sie haben ganze Nachmittage in ihren Waldhütten verbracht.»

Zum Tannengut gehören aber nicht nur die kleinen Häuschen am Erzgrubenweg. Das Tannengut sind auch die vier grossen Wohnhäuser etwas weiter unten. Hier sind die Wohnungen grösser, moderner, etwas teurer – aber von einem ebenso bunten Mix aus Kulturen, Alten und Jungen bewohnt.