Erlinsbach

«Täfeli-Lüthy»: Sein Haus ist verschwunden – der Geruch nach Himbeere bleibt

Die ehemalige Täfelifabrik Lüthy ist verschwunden.

Die ehemalige Täfelifabrik Lüthy ist verschwunden.

Das heruntergekommene Haus an der Erlinsbacher Küttigerstrasse steht nicht mehr. In ihm gründete Karl Lüthy vor fast 100 Jahren eine Zuckerfabrik.

An der Küttigerstrasse ist in den letzten Tagen ein Haus verschwunden. Kein schönes, sondern ein verlottertes, baufälliges Haus. Aber eines mit Geschichte. Die alten Erlinsbacher haben den Geruch dieser Geschichte bestimmt noch in der Nase, ein Geruch nach Rahm, Himbeeren und Eukalyptus. Es ist die Geschichte vom «Täfeli-Lüthy».

In den Zwanzigerjahren war es, als Karl Lüthy im Erdgeschoss der Liegenschaft an der Küttigerstrasse gemeinsam mit Bruder Hans-Jakob die Zuckerfabrik Lüthy gründete. In Kupferkesseln wurde der Zucker über glühenden Kohlen geschmolzen, zu Würsten gerollt, in Täfeli-Form gewalzt und die Täfeli schliesslich zum Abkühlen in Kessel gefüllt.

Damit sie da nicht aneinander festklebten, wurden die Kessel ständig gedreht. Beim Durcheinanderpurzeln platzten die Brauen ab, die feinen Zuckerrückstände an den Kanten.

Dieses Abfallprodukt machte die beiden Töchter von Karl Lüthy zu begehrten Mädchen auf dem Pausenplatz. So jedenfalls erzählte es Erika Hochstrasser-Lüthy in einer AZ-Adventsgeschichte im Dezember 2016.

Immer wieder sei ein Säckli mit abgeschlagenen Zuckerrändli im Schulthek in die Schule mitgewandert. «Meine Schulkameraden hatten natürlich immer grosse Freude daran.»

Geistesgegenwärtig zog er die Ostereier-Maschine raus

Als Tochter musste Erika Hochstrasser auch mithelfen im Betrieb: Aus der klebrigen, noch warmen Zuckermasse musste sie Würste rollen. Dann wurden sie durch eine der vielen Maschinen in Schablonen gepresst: Als Ostereier, Himbeeren, Brickets, Apfel- oder Kirschenförmli, Caramelstängeli oder Schleckstängelkugeln. Die Maschinen dafür baute der «Täfeli-Lüthy» als gelernter Mechaniker selber.

Verkauft wurden die Täfeli ebenfalls an der Küttigerstrasse, in einem kleinen Lädeli neben der Fabrik. Da gab es übrigens nicht nur Täfeli, sondern auch Mehl und Zucker zu kaufen. Die Mädchen brachten die Täfeli ausserdem in die Läden im Dorf oder lieferten sie in die Nachbarorte.

Lange Jahre lief das Geschäft gut. In den Fünfzigerjahren aber kamen die Schweden, die den Markt mit ihren Täfeli fluteten. Ausserdem stieg der Zuckerpreis massiv an. 1958 wurde die Fabrik geschlossen, die Maschinen landeten im Alteisen.

Eine der Maschinen aber wurde gerettet; Christian Wüthrich hat damals die Ostereier-Maschine aus der Mulde gezogen. Heute steht sie im Kultur- und Begegnungszentrum Wygärtli.

Gemeinde hat keine Pläne mit der nun freien Fläche

Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt: Das Haus übernahm die Einwohnergemeinde, die es unter anderem als Asylunterkunft nutzte. Als die letzte Bewohnerin auszog, beschloss der Gemeinderat, das Haus abzureissen.

«Es war in einem so schlechten Zustand, dass eine Sanierung nicht mehr möglich gewesen wäre», sagt Gemeindeschreiber Bruno Vogel auf Anfrage.

Wo das Haus bis vor ein paar Tagen noch stand, befindet sich jetzt ein Kiesplatz, der künftig mit einer Hecke von Trottoir und Strasse abgetrennt werden soll. Ein Projekt für den nun freien Platz gebe es keines, so Vogel. Auch verkaufen will die Gemeinde das Stück Land an bester Lage, direkt neben Schule und Einkaufsmöglichkeiten, nicht. Vogel: «Die freie Fläche tut dem Dorf gut.»

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