Lange Nacht der Kirchen

Susanne Hochuli: «Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder wissen, was ihnen wichtig ist»

© Mario Heller

Susanne Hochuli erklärt, warum sie am Samstagabend in der katholischen Kirche spricht und wie ihre Pläne nach ihrer Amtszeit aussehen.

Frau Hochuli, Sie beteiligen sich heute an der «Langen Nacht der Kirchen». Wie wichtig sind Ihnen Religionen?

Regierungsrätin Susanne Hochuli: Ich habe insofern einen engen Bezug zu Religionen, als mich die Einflüsse, die sie auf die Gesellschaft und damit auf die Menschen ausüben, interessieren. In diesem Sinn geht es mehr um religiöse Fragen, die das Leben der Menschen betreffen, als um die Religionen an sich. Leider zeigen die Konflikte rund um den Erdball, dass Religionen bzw. religiöse Unterschiede auch dazu missbraucht werden, gewaltsame Konflikte auszutragen, bei denen es weniger um Glaubensfragen als um Machtpolitik geht. Ich bedaure das sehr, zumal ich keine Religion kenne, die sich auf Grundlagen abstützt, welche die Ausübung von Gewalt gegen Menschen propagiert.

Sie werden über «Kraftquellen zwischen allen Fronten» sprechen. Was dürfen Zuhörer erwarten?

Wenn ich von dem spreche, was «zwischen den Fronten» ist, meine ich zum einen eben gerade den Zwischenraum, der Angehörige unterschiedlicher Glaubensrichtungen trennt, obwohl ihre Religionen nach dem Gleichen streben. Ich meine zum andern aber auch die ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen, auch in der Arbeit, die zuweilen durch Fronten gekennzeichnet sind, die nicht sein müssten. Und schliesslich meine ich auch das eigene gespalten Sein, das uns manchmal erfasst. Es ist dann, wie wenn wir zwischen uns selber stehen würden. Um all diese Konflikte auflösen zu können, braucht es Energie – und diese kommt aus unterschiedlichen Kraftquellen. Für mich kommt sie aus der Bewegung und aus der Natur – und aus der Freiheit, die mich dann physisch, psychisch und geistig umgibt.

Das ist eine persönliche Befindlichkeit. Gibt es auch eine gesellschaftliche Komponente?

Ich habe den dringenden Wunsch, dass unsere Welt wieder erfüllt ist von Menschen, die wissen, was ihnen wichtig ist, und mehr darüber nachdenken, was sie dafür tun können, dass das, was ihnen etwas bedeutet, bedeutsam bleibt – als sich dauernd Gedanken darüber zu machen, wie scheinbar Bedeutendes möglichst unauffällig unbedeutend wird, weil man gerade noch einmal den Abgang zum rechten Zeitpunkt geschafft hat. Oder, mit anderen Worten: Wir können nicht in der Vergangenheit frei sein. Wir können nicht in der Zukunft frei sein. Entweder sind wir es jetzt oder nicht. Das, was uns an Gegenwart umgibt, ist der Schlüssel zum Freisein im Individuellen und zur Freiheit im Politischen.

Glauben Sie an eine höhere Macht, an einen Gott?

Wenn ich nach meinem Glauben gefragt werde, sage ich immer dies: Ich bin nicht gläubig, aber auch nicht ungläubig. Das bedeutet, dass ich zwar nicht mehr einer Glaubensgemeinschaft angehöre, deswegen aber meinen Glauben an eine höhere Macht nicht verloren habe. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Religion und die Kirche eine grosse Rolle gespielt haben. Gleichzeitig war aber auch die Spiritualität immer präsent. Das hat mich geprägt, obwohl ich mich weder als Spiritualistin oder als Esoterikerin bezeichnen würde. Aber, ja: Ich glaube, dass uns die Welt nicht einfach überlassen wurde, damit wir uns auf ihr austoben, sondern als Schöpfung in die Hand gegeben wurde, um sie individuell und gesellschaftlich als Lebensraum zu erhalten. Darin kann ich durchaus etwas erkennen, das mit Glauben zu tun hat.

Sollten die Kirchen ihre Anliegen eher offensiver an die Öffentlichkeit tragen?

Die Kirchen – und ich spreche von den Landeskirchen – tun das nach meinem Dafürhalten schon heute sehr gut. Ich rede nicht einer Kirche das Wort, die sich gleichsam als Partei gebärdet. Aber ich spreche von der Kirche als Institution, die ein Menschenbild und eine Gesellschaft zu verteidigen hat, die beide auf Nächstenliebe aufbauen. Das tönt zwar altmodisch, ist es aber nicht. Schauen wir uns das zivilgesellschaftliche Engagement an, wie es in den vergangenen Wochen und Monaten an vielen Orten unseres Kantons aus kleinen intakten Zellen freiwilliger Unterstützung, auch aus solchen der Kirche insbesondere, entstanden ist. Ich rede von all den Gruppen von Helferinnen und Helfern, die Asylsuchenden Deutschunterricht geben, Beschäftigungsmöglichkeiten organisieren, Sitten und Gebräuche im Alltag erklären, Kontakt und Austausch ermöglichen – kurz: einen Beitrag dafür leisten, dass das Fremdsein in unserem Land erträglich ist und ein Wegstück zum Ziel, die Menschen, die bei uns bleiben werden, zu Teilhabern und Mitwirkenden unserer Gesellschaft werden zu lassen.

Könnten Sie sich vorstellen, sich künftig vermehrt in kirchlichem Umfeld zu engagieren?

Ich kann und will mich zum heutigen Zeitpunkt nicht festlegen – ich bin bis Ende Jahr voll und ganz Regierungsrätin. Dass das, was ich mache, immer etwas mit Menschen und mit der Gesellschaft, in der sie leben, zu tun haben wird, steht für mich aber fest. Die Form dafür gibt es aber noch nicht. Und das ist auch nicht schlimm. Im Gegenteil: Ich werde mir die Zeit nehmen, um herauszufinden, was ich nach meiner Amtszeit als Regierungsrätin unternehmen werde. Zum Beispiel auf der 1000-Kilometer-Wanderung, die mich Anfang Jahr an die Ostsee führen wird.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1