Bezirksgericht Aarau

Suff-Fahrt oder Stolperer? Frau verunfallt betrunken mit Velo – Richter sprechen sie frei

Fahrt mit Folgen: Betrunkene Fahrradlenkerin muss vor Gericht

Der Bericht von Tele M1 zum Prozess.

Mit über 2 Promille im Blut landet die Velofahrerin im KSA und muss daraufhin ihren Führerschein abgeben. Nun stand sie in Aarau vor Gericht.

Eine Frau, die vor einem Jahr betrunken mit dem Velo verunfallte, musste sich am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten.

Es war ein Frust-Suff mit Nachspiel. Vor gut einem Jahr stritt sich Carmen (alle Namen geändert), 44, mit ihrem Freund. Abends gegen 22 Uhr verliess sie ihre Wohnung in der Region Aarau, um in der nahegelegenen Beiz ein Glas Rosé zu kippen. Dort traf sie Bruno, eine Zufallsbekanntschaft, und aus einem Glas wurden eine Menge Gläser. Gegen 3 Uhr morgens verliessen die beiden das Lokal. Das ist Fakt. Erstellt ist auch, dass es zu einem Sturz kam, in welchem Carmens E-Bike eine Rolle spielte; dass Carmen und Bruno kurz darauf leicht verletzt vor der Wohnung eines Kollegen standen; dass dieser die Ambulanz rief und dass schliesslich die Polizei ermittelte.

Das vorläufige Resultat der feuchtfröhlichen Nacht: Verletzter Finger bei Bruno, ausgeschlagener Zahn und aufgetätschtes Kinn bei Carmen, leicht beschädigtes E-Bike – und wohl ein zünftiger Kater, denn zumindest bei Carmen wurden über 2 Promille Alkohol im Blut gemessen. Damit hätte das Ganze ein Ende haben können. Aber die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau eröffnete ein Verfahren und schickte Carmen im November einen Strafbefehl. Die Behörde ging davon aus, dass sie mit Bruno auf dem Gepäckträger gestürzt war. Die Vorwürfe: Führen eines motorlosen Fahrzeugs in angetrunkenem Zustand; Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit; Nichtbeherrschen des Fahrzeuges, Mitführen einer über 7 Jahre alten Person auf Fahrrad; Benützen Trottoir mit Fahrrad, ohne abzusteigen. Macht eine Busse von 2500 Franken; samt Gebühren und weiteren Kosten 4291 Franken. Geld, das Carmen nicht hat. Sie focht den Strafbefehl an und sass am Mittwoch vor dem Aarauer Bezirksgericht.

Nur vage Erinnerungen

«Erinnern Sie sich an diese Nacht», wollte Gerichtspräsident Andreas Schöb von der Beschuldigten – sportlich-elegant gekleidet, Pferdeschwanz, dezentes Make-up – wissen. «Vage», sagte sie und lächelte so, wie jemand lächelt, den man bei etwas Peinlichem erwischt hat. Was sie aber wisse: Sie sei nicht gefahren, sondern habe das Velo gestossen. Den Helm habe sie zwar aufgesetzt, aber nur aus Gewohnheit und weil sonst das Handtäschli im Körbli auf dem Gepäckträger keinen Platz gehabt habe. Wie genau der Unfall passiert sei, wisse sie nicht mehr – der Alkohol –, aber wahrscheinlich sei sie über ihre eigenen Füsse oder über die Velopedale gestolpert.

Kritik an Staatsanwalt

Carmens Verteidiger forderte einen Freispruch. Erstens hätte das fragile Velokörbli auf dem Gepäckträger des E-Bikes unter dem Gewicht Brunos Schaden genommen – was nicht so war, zweitens hätte es die betrunkene Carmen nicht geschafft, mit einem über 80 Kilo schweren Mann auf dem Gepäckträger loszufahren, und selbst wenn, dann wären die Verletzungen der beiden sowie die Schäden am Velo nach einem Sturz in voller Fahrt wesentlich gravierender ausgefallen (Stichwort: Schürfungen). Ganz abgesehen davon: «Die Staatsanwaltschaft hat hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen.»

Das sah auch das Gericht so: «Ich gebe dem Verteidiger recht: Es ist diskutabel, ob da nicht etwas übers Ziel hinausgeschossen wurde», so Richter Schöb. Für die Urteilsberatung hatte das Gericht nicht lange gebraucht: «Ein klarer Freispruch.» Und zwar erstens aus verfahrensrechtlichen Gründen: Weil die Aussage von Carmen zwar ordnungsgemäss protokolliert worden war, die Erstaussage von Bruno – in der er Carmen belastete – aber nicht, daher sei sie nicht verwertbar (in einer zweiten Befragung konnte er sich an nichts erinnern). Ausserdem, so Schöb, könnte sich der Unfall zwar abgespielt haben, wie im Strafbefehl geschildert – aber auch ganz anders. Etwa, indem Bruno gefahren sei oder indem er auf dem Gepäckträger des geschobenen Velos sass. «Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten und ich bin nicht überzeugt, dass es sich so zugetragen hat, wie Staatsanwalt und Polizei schreiben.»

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