Lebten sie im Mittelalter – sie wären längst tot. Dahingerafft von der Seitenkrankheit, einem entzündeten Blinddarm. Vielleicht wäre auch die Pest zuvorgekommen. Oder der Scheiterhaufen, wegen Jeras roter Haare und ihrem Wissen über Heilkräuter. Und Höiu wäre vielleicht im falschen Moment einem rauflustigen Zeitgenossen und dessen Schwert in die Quere gekommen.

«Es hat schon auch seine Vorteile, nicht im Mittelalter zu leben», sagt Höiu (30) und zurrt sich sein Schwert an den Gürtel. Nicht nur wegen der geringen Lebenserwartung, auch wegen der Stellung der Frau, findet Jera (28). Und wegen Zahnpasta und Zahnbürsten, der baumwollenen Unterhosen mit Gummizug und dem Feuerzeug. Aber sonst wäre es den beiden im Mittelalter pudelwohl gewesen. Dieses Raue, Echte, Herzhafte, das hat es ihnen so angetan, dass sie das Mittelalter in Teilzeit nachleben: Von Dienstag bis Donnerstag arbeiten sie als Yves und Nadine Hayoz als Behindertenbetreuer. Seit einem Jahr arbeiten sie in der warmen Jahreszeit von Freitag bis Montag als Höiu und Jera an Mittelalterveranstaltungen, verdienen mit ihrem Hotel und der «Mampferey», dem Essensstand und Catering-Unternehmen ihre Silberlinge. Jetzt steht der Saisonstart vor der Tür, am 7. März am Schotten-Markt in Rothrist schlagen sie erstmals wieder ihre Zelte auf.

Kettenhemd für spezielle Anlässe

Das Mittelalter erlebt einen wahren Boom, Veranstaltungen schiessen landauf, landab aus dem Boden. An einer solchen Veranstaltung auf Schloss Liebegg hat es 2007 auch Höiu und Jera den Ärmel reingenommen. Da merkten die beiden, immer fasziniert von Burgen und Ruinen, dass man das Mittelalter auch leben kann. «Dort im Schlosshof realisierten wir, dass man ein Kettenhemd nicht nur bestaunen, sondern auch reinschlüpfen kann», sagt Höiu. Von da an kreuzten die beiden in selbst genähter und gebastelter Vollmontur an den Mittelaltermärkten auf, Jera als eine Art keltische Feuerartistin, Höiu als Ritter mit Hemd und Wams. Und das Kettenhemd? «Das nur zu speziellen Anlässen», sagt er und lacht. Das Gewicht gehe nach ein paar Stunden ganz schön ans Eingemachte.

Müde Knochen brachten sie denn auch auf die Idee zu ihrem Mittelalter-Hotel. «Wir fanden es schade, dass man den ganzen Tag über das Mittelalter mit Haut und Haar erleben konnte, zum Schlafen aber nach Hause musste», sagt Jera. Also schreinerte Höiu als gelernter Zimmermann in seiner Werkstatt auf dem Huggler-Areal in Suhr die Holzkonstruktion für verschiedene Zelte des Mittelalter-Hotels – und damit kam die ganze Sache erst so richtig ins Rollen.

Denn kaum waren die Zelte fertig, kam den beiden in den Sinn, dass die Übernachtungsgäste ja auch irgendwo essen müssen. Also schreinerte Höiu einen Essensstand. Und weil man zum Essen auch Bechern muss, schreinerte Höiu eine Bar für Met, den Honigwein. Und weil die Leute nicht nur an Mittelalterveranstaltungen essen und bechern und wie Ritter und Burgfräuleins herumlaufen wollen, sondern auch an Geburtstagen und Hochzeiten, gründeten die beiden gleich ein Catering-Unternehmen und einen Kostümverleih. Das ganze Unternehmen nannten sie «Corvus Nidum», «Nest der Krähe» oder «Rabennest».

Heute gibts Halunkeneintopf

Mit diesem ganzen Angebot im Gepäck sind Höiu und Jera letztes Jahr die warmen Monate über durchs Land gezogen, von Mittelalterveranstaltung zu Mittelalterveranstaltung. Das Geschäft mit den müden Knochen läuft ausgesprochen gut: Das Gesindelzelt, in dem 14 müde Recken und holde Weiber sich für 32 Silberlinge auf Stroh ausstrecken können, ist regelmässig voll belegt. Wer sich nicht neben den Pöbel legen will, für den gibt es das Nordmanns-Zelt, ein Einzelzelt mit Strohbett und Waschschale, das Söldner-Zelt mit Matratze und mittelalterlicher Minibar, oder das Adelszelt, Fusswäsche inklusive – je nach Dicke des Geldbeutels.

Beim Essen hingegen muss keiner wie ein armer Schlucker speisen. Haferbrei, das tägliche Brot für den untersten Stand, bekommt keiner serviert. Vielmehr gibt es Halunkeneintopf oder Linsengerichte, Landvogt-Spätzli, Fleischspiesse. Lauter gute Dinge, die damals den Mehrbesseren aufgetischt wurden. Weil manche moderne Ritter mit den Baumwollunterhosen auch die guten Manieren ablegen, setzen Höiu und Jera Tischregeln durch. Die haben sie sich nicht etwa aus den Fingern gesogen. «Sie stammen aus dem 11. Jahrhundert, als Frauen zu Tisch zugelassen wurden», sagt Jera. Und so dürfen Bauern beim Essen rülpsen und sich schneuzen, nicht aber die hübschen Leute. Und wenn sich der Bauer schneuzen muss, dann bitte nicht mit der Hand, mit der er das Fleisch anfasst. Ausserdem sollte man nicht ins heisse Essen blasen, die Finger von der Burgfrau lassen und die Beine nicht übereinanderschlagen.
Dass es an diesen Gelagen auch ganz schön rau und ruppig zu- und hergehen kann, das gefällt den beiden.

«Der Umgang ist viel einfacher, viel direkter», sagt Höiu. Das wechsle mit der Kleidung; kaum trage man sein Gewand, sei man ein anderer Mensch. «Man darf jemand anders sein, man ist jemand anderes.» Jera sagt, sie fühle sich selbstbewusster in ihrem Gewand, weniger angreifbar. Da macht es ihr auch nichts aus, schräg angeschaut zu werden. «In der Szene wird man nicht belächelt, man ist willkommen, so, wie man ist.»

Dass ihr verklärt romantisches Mittelalter mit dem echten nicht immer übereinstimmt, so ganz ohne Seuchen, ohne Gestank, ohne Hungersnöte und harte Winter, spielt für die beiden keine Rolle. «Natürlich ist das ein romantisches Mittelalter», sagt Höiu. «Aber für uns ist es jedes Mal wie ein Traum, den wir für ein paar Tage leben können.»