Es ist stickig im Zirkuszelt, die Luft flirrt vor Hitze und Anspannung. Der rote Vorhang wird zur Seite gezogen. Da stehen sie, die Feuerkünstler, breitbeinig, mit sturem Blick, die linke Faust auf die rechte Handfläche gepresst, wie asiatische Kampfsportler. Im Hintergrund tönt geheimnisvolle Musik. Die Artisten entzünden ihre Fackeln und drehen sich im Kreis, formieren sich neu und stehen sich schliesslich gegenüber. Plötzlich ein Raunen: Jürgen hat sich den Finger verbrannt.

Alles halb so schlimm, da steht schon jemand mit einem Kühlspray bereit und es sitzt auch noch kein Publikum im Zelt. Es ist der Tag vor der grossen Aufführung, die letzten Proben für den Jubiläumsanlass laufen. Heute Freitag zeigen die Bewohner der Stiftung «Seehalde» die Kunststücke, die sie in den letzten Tagen mit dem Mitmachzirkus «Wunderplunder» einstudiert haben. Die Zirkuswoche ist der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Jubiläum der Stiftung, die an den Standorten Seon und Rombach 68 Menschen mit Behinderung betreut.

Jonglieren, Balancieren, Tanzen

Im Schachen proben acht Gruppen unter Zeltpavillons an ihren Kunststücken. Es wird jongliert, balanciert oder getanzt. Zu Beginn der Zirkuswoche konnte jeder Klient wählen, bei welcher Nummer er dabei sein möchte.

Jolanda Gass, Presseverantwortliche beim Zirkus Wunderplunder, übt gerade mit der Clown-Truppe. «Unsere Nummer heisst «Wo bleiben die denn?», sagt sie und lacht. Der Name passe sehr gut, da die zwei Klienten, mit denen sie arbeitet, etwas verträumt seien und sich auch ab und zu einfach verkriechen würden. Das sei aber kein Problem, sagt die aufgestellte Frau mit der Clown-Nase. «Wir arbeiten mit den jungen Erwachsenen mit Beeinträchtigung gerade so, wie es ihnen angenehm ist.»

Der Zirkus Wunderplunder ist ein Mitmachzirkus, bei dem alle mitmachen können. Von Senioren über Schüler, bis hin zu Asylsuchenden – oder Menschen mit Beeinträchtigung. Der Zirkus ist jeweils vom Mai bis Oktober auf Tournee, im Winter ist er in der Kulturfabrik Burgdorf untergebracht.

Exponieren macht Spass

Als Artisten treten rund die Hälfte der Seehalde-Klienten auf, jeder von einem Betreuer begleitet. Beim Jubiläumsanlass helfen aber alle Klienten mit; wer nicht in der Arena steht, hilft beim Rahmenprogramm mit, das an den Standorten in Rombach und Seon stattfindet. Unter dem Motto Zirkus werden Instrumente gebaut, Schminke hergestellt und eine Zirkuszeitung gestaltet.

«Es ist das grösste Projekt in der Geschichte der Stiftung», sagt Anünd Wepfer, Mitglied der Gesamtleitung. Es stecke eine Riesen-Logistik dahinter, bis jeder am richtigen Ort sei. Doch durch den Zirkus könnten die Klienten und ihre Betreuer das gewohnte Umfeld für einmal verlassen und so eingeschliffene Muster auflockern und sich von einer neuen Seite kennenlernen. Den Menschen mit Beeinträchtigung falle es oft sehr leicht, sich zu exponieren. «Sie haben kaum Berührungsängste und zeigen sehr viel Freude an den verschiedenen Kunststücken», so Wepfer.

Aufführung im Zirkuszelt im Schachen Aarau heute Freitag, 18 Uhr. Hutkollekte