Bezirksgericht Aarau
Statt Gras gabs für zwei junge Handwerker in der Telli Prügel

Drei Männer standen wegen Mittäterschaft bzw. Gehilfenschaft zu Raub vor Gericht. Eine Gang wollen sie nicht sein, sagen die drei.

Ueli Wild
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Vorwurf: Ein 16-Jähriger soll in der Aarauer Telli zwei Handwerker verprügelt und diese ausgenommen haben.

Vorwurf: Ein 16-Jähriger soll in der Aarauer Telli zwei Handwerker verprügelt und diese ausgenommen haben.

Alex Spichale

Fast genau zwei Jahre ist es her. Da wollten in Aarau zwei junge Handwerker, einer aus dem Bernbiet, der andere aus der Ostschweiz, das Tagwerk mit ein bisschen Hochgefühl aus der Cannabis-Tüte krönen. Süsse Düfte blieben den beiden freilich verwehrt. Stattdessen endete ihr Versuch in einem Albtraum, der gestern vor dem Bezirksgericht Aarau ein gerichtliches Nachspiel fand.

Die beiden Teilnehmer eines überbetrieblichen Kurses quatschten in der Stadt zwei Typen an, die sie an einen 16-jährigen Bosnier verwiesen. Dieser, so hiess es, könne ihnen den Weg zum gesuchten Gras ebnen. Den Mittelmann trafen sie hierauf beim Einkaufszentrum Telli.

In der Dunkelheit hinter dem Block

Was sich dann abspielte, lässt sich vereinfacht so zusammenfassen: Der Bosnier stand im Kontakt mit einem sechs Jahre älteren Schweizer Dealer, der aber gerade kein Gras verkaufen konnte oder wollte. Hingegen schrieb er dem 16-Jährigen eine SMS-Mitteilung: «Nimm en uus, chum nachher elei Chindsgi, das Natel wett i.» Das tat der Bosnier: Zuerst führte er den Berner in der Dunkelheit hinter den Block zum Sportplatz, vermöbelte ihn, nahm ihm das – geringfügige – Bargeld und das Natel ab. Dasselbe widerfuhr später auch dem wartenden Ostschweizer. Und: Drei andere gut 20-Jährige, darunter der SMS-Schreiber, standen, von den Opfern als Bedrohung empfunden, daneben.

Der Berner, ein 21-jähriger Zimmermann, trat als Privatkläger auf. Wie war es möglich, dass sich der kräftig gebaute junge Mann derart vorführen liess? Er habe Angst gehabt, sagte er. Sein Peiniger habe gesagt: «Mach keinen Scheiss, sonst schlitze ich dir den Hals auf.» Auch sei er von einem der andern drei Männer von hinten festgehalten worden und habe sich nicht wehren können. Beim eher schmächtigen Gegenüber handelte es sich ausserdem um einen Karate-Kämpfer. Inzwischen wurde dieser von der Jugendanwaltschaft wegen des Raubs verurteilt.

«Zuschauer» als Beschuldigte

Vor dem Bezirksgericht erschien er gestern als Auskunftsperson. Als Beschuldigte hatten sich die drei «Zuschauer» vor dem Gericht zu verantworten. Für den Schweizer Dealer, dem nebst Drogendelikten auch der Besitz von Waffen und pornografischer Darstellungen mit Tieren vorgeworfen wurde, forderte der Staatsanwalt wegen Mittäterschaft eine unbedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Er habe den 16-jährigen Haupttäter angestiftet und sich am Raub beteiligt. (Auf ihm wurden bei der Festnahme die Natels der beiden Opfer gefunden.) Für die andern beiden, einen heute 21-jährigen Kosovaren und einen 22-jährigen Türken, verlangte der Staatsanwalt unbedingte Freiheitsstrafen von sieben respektive elf Monaten.

Als Auskunftsperson versuchte der Haupttäter dem Gericht weiszumachen, dass der Raub von A bis Z auf seinem Mist gewachsen sei. Unter den Fragen der Gerichtspräsidentin und vom Staatsanwalt mit der den Dealer kompromittierenden SMS-Meldung in die Enge getrieben, krebste er dann Schritt für Schritt zurück. Der Anwalt des Schweizers argumentierte jedoch, wer von Anfang an zur Tat entschlossen sei, könne nicht mehr angestiftet werden. Sein ansonsten geständiger Mandant könne daher weder als Anstifter noch als Mittäter verurteilt werden. Wegen Gehilfenschaft sei ihm eine 15-monatige bedingte Freiheitsstrafe aufzuerlegen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Der Zufall habe sie an jenem Abend zusammengebracht, sagten der Türke und der Kosovare. Sie seien zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Nein, eine Gang, mit dem Schweizer als Kopf, seien sie nicht gewesen. Sie beide hätten unter Kollegen miteinander geplaudert, doch irgendwann hätten sie begriffen, was sich unmittelbar neben ihnen abspielte und sie hätten «stop» gerufen. Der Kosovare räumte hinterher ein, es sei eine Dummheit gewesen, nicht einzugreifen. Der Vorwurf der fehlenden Zivilcourage sei strafrechtlich nicht relevant, erklärte sein Verteidiger. Da könne von Gehilfenschaft keine Rede sei. Deshalb sei sein Mandant von Schuld und Strafe freizusprechen. Die Behauptung des Privatklägers, er sei von einem zweiten Täter festgehalten worden, sei wohl als «Selbstschutzbehauptung im Rahmen des Opferstolzes» zu verstehen.

Das Urteil wird heute bekannt gegeben.