Das andere wichtige Geschäft, mit dem sich der Einwohnerrat am 25. Februar neben der Schuldenbremse zu befassen hat, ist ein dringendes Bauvorhaben: Das Stadtparlament soll für die Sanierung der Station Milchgasse, eines Teils des Pflegeheims Golatti, einen Baukredit von 7,8 Mio. Franken bewilligen.

Die Sanierung ist dringend, denn die Station Milchgasse erfüllt die Anforderungen nicht, welche der Kanton heutzutage via Pflegegesetz und -verordnung an ein Pflegeheim stellt. Und die Zeit drängt: Vor vier Jahren hat der Kanton eine erste Fristerstreckung bis Ende 2018 bewilligt. Nach heutiger Rechtslage müssen die Vorgaben bis zum 31. Dezember 2019 umgesetzt sein. Sonst kann der Station Milchgasse, gestützt auf das Pflegegesetz, die Bewilligung entzogen werden.

Dass nun «Matthäi am Letzten» ist, hat mit dem Kurs zu tun, den die Aarauer Politik vor fünf Jahren im Bereich Alter eingeschlagen hat. Damals wies der Einwohnerrat einen Zusatzkredit für die Projektierung der Sanierung der Station Milchgasse an den Stadtrat zurück. Mit dem Auftrag, dem Parlament Bericht und Antrag zu erstatten über die geeignete künftige Organisations-, beziehungsweise Gesellschaftsform der städtischen Pflegeheime.

Damit wurde die städtische Pflegeheim-Politik, wie sich hinterher zeigte, in eine Sackgasse manövriert, die viel Zeit kostete, denn der Versuch, die städtischen Heime mit der Umwandlung in eine gemeinnützige Aktiengesellschaft zu verselbstständigen, scheiterte im Mai 2017 an der Urne. Vier Monate später war der Einwohnerrat wieder auf Kurs: Er überwies eine Motion von SVP-Fraktionspräsidentin Susanne Heuberger, die eine Priorisierung des Heimbereichs in der Investitionsplanung forderte.

Im letzten Herbst hat der Stadtrat klargemacht, dass in rund einem Jahrzehnt alle Bauten der Aarauer Abteilung Alter wieder à jour sein sollen. Die Gesamtkosten der diversen Bauvorhaben werden voraussichtlich die 60-Millionen-Grenze überschreiten. Den grössten Brocken bildet der Neubau von Pflegeheim und Alterssiedlung Herosé mit einem Investitionsvolumen von 40 bis 50 Mio. Franken. Der «Kick-off» soll aber aus Gründen der Dringlichkeit in der Station Milchgasse erfolgen, die sich auf die drei Häuser Milchgasse 29, 33 und 35 verteilt.

Volksabstimmung notwendig

Der Stadtrat kündigte denn auch im Oktober 2018 an, dass die entsprechende Vorlage demnächst dem Einwohnerrat unterbreitet werde und dass die Volksabstimmung, die nötig ist, da die 6-Millionen-Grenze überschritten wird, am 19. Mai dieses Jahres stattfindet.

«Der Terminplan», heisst es nun in der Botschaft des Stadtrates, «erlaubt im Hinblick auf die auslaufende Betriebsbewilligung des Pflegeheims Golatti am 31. Dezember 2019 keine Unterbrüche oder Verzögerungen.» In der Station Golatti selber, dem früheren Frauenkloster St. Ursula, besteht kein Sanierungsbedarf.

In Herosé-Siedlung ausweichen

Während der rund zweijährigen Bauzeit (2020–2021) werden die Bewohnerinnen und Bewohner der Station Milchgasse vorübergehend in der Alterssiedlung Herosé untergebracht. Dort sind deswegen noch geringfügige bauliche Anpassungen nötig, die im dritten Quartal 2019 ausgeführt werden sollen. 12 der benötigten 27 Wohnungen in der Alterssiedlung Herosé stehen laut Botschaft heute schon leer. Weitere 15 sollen im Verlauf der nächsten zwölf Monate frei werden. Die 14 Wohnungen im 4. und 5. Stock werden auch während des Milchgasse-Provisoriums im Herosé weiterhin als Alterswohnungen genutzt.

Ziel des Stadtrates ist es, die Station Milchgasse noch bis zum demografischen Höchststand in 15 bis 20 Jahren weiter als Pflegeheim zu nutzen und die drei Häuser dann einer anderen Nutzung zuzuführen. Vor diesem Hintergrund hat sich der Kanton bereit erklärt, bei den Anforderungen an die Sanierung zwei Zugeständnisse zu machen: Aufgrund der begrenzten Nutzungsdauer und des Denkmalschutzes können vereinzelt auch Pflegezimmer bewilligt werden, die sich eine Nasszelle mit Dusche teilen. Zudem können in Ausnahmefällen auch bestehende Pflegezimmer bewilligt werden, welche die in der Pflegeverordnung festgelegte Mindestgrösse von 16 Quadratmetern nicht erreichen.

Fakt ist, dass in der Station Milchgasse nur die wenigsten der heutigen Nasszellen über eine Dusche verfügen. Gravierender ist jedoch, dass keine der bestehenden Nasszellen die Mindestanforderungen für rollstuhlgerechte Toiletten erfüllt. In diesem Punkt ist der Kanton unnachgiebig.

Das Fazit, welches in der Botschaft deshalb gezogen wird, ist klar: «Es müssen somit sämtliche bestehenden Nasszellen ersetzt werde.» Da sich eine rollstuhlgerechte Toilette von einer rollstuhlgerechten Dusche nur noch marginal unterscheide, liest man, habe die Projektdelegation «im Hinblick auf die Nutzungsflexibilität» beschlossen, in jeder Nasszelle eine Dusche vorzusehen.

Optimierte Zimmer

Von den 27 Zimmern sollen 25 auf 15 bis 19,5 Quadratmeter optimiert werden. Ein 14,5 Quadratmeter grosses Zimmer soll künftig als «Ferienzimmer» genutzt werden. Das Dépendance-Zimmer im ersten Obergeschoss des Hauses Milchgasse 35 soll beibehalten werden. Auch die Statik der Gebäude ruft nach Korrekturen: Aufgrund der verschärften Normen zur Erdbebensicherheit sind zusätzliche Verstärkungen des Tragwerks nötig.

Zum Teil werden auch die Decken ersetzt. Alle Elektroanlagen sowie die Komponenten der Heizungsanlage werden den heutigen Standards und Normen entsprechend erneuert. Auf eine kontrollierte Wohnraumlüftung wird, gestützt auf Rückmeldungen der Bewohnerinnen und Bewohner sowie auf Erfahrungen in anderen Heimen, verzichtet.