Aarau
Statiker verrechnet sich – Millionen-Schaden an neuem Klinik-Gebäude

Bei einem Haus, welches das Kantonsspital mieten wird, hingen die Decken durch. Erst waren provisorische Baustützen, dann zusätzliche Stahlträger nötig. Klar ist: Der Statiker hat einen gravieren Fehler gemacht – das hat auch finanzielle Folgen.

Sabine Kuster
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Millionen-Schaden an neuem Klinik-Gebäude
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Provisorische Baustützen mussten angebracht werden.zvg
Danach wurden auf allen Stockwerken Stahlträger eingebaut.

Millionen-Schaden an neuem Klinik-Gebäude

Pascal Meier

Im Haus an der Herzogstrasse unweit des Bahnhofs sollen bald Ärzte wieder gutmachen, was der Natur nicht schön gelungen ist oder eine Krankheit verunstaltet hat: Das Kantonsspital Aarau (KSA) wird Anfang 2016 mit einer Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten und der Gesichtschirurgie einziehen. Einer brachialeren Behandlung musste das Haus selbst zuerst unterzogen werden, um zu korrigieren, was dem Statiker gründlich missraten ist.

Gehören tut der Bau den Frei Architekten. Diese besassen ein altes Haus auf dem Grundstück beim westlichen Eingang zum Kantonsspitalareal. Weil am Hauptsitz an der Bleichemattstrasse Raum frei wurde, wurde das Büro von der Herzogstrasse dorthin verlegt und die Architekten beschlossen, die alte Villa abzureissen.

Auf diesem Gelände und dem Nachbargrundstück bauen die Architekten nun ein fünfgeschossiges Haus laut Baugesuch für 8,65 Millionen Franken. In einem oberen Stock sind Wohnungen vorgesehen. Auf den übrigen vier Stockwerken wird das Kantonsspital für die neue Klinik rund 3000 Quadratmeter Fläche mieten. Das Haus soll laut KSA die «Eingangspforte» aufs Spitalgelände werden.

Decken mussten gestützt werden

Die Pläne tönen gut. Doch im letzten Moment wurden gravierende Fehler des Ingenieurs entdeckt. Decken hingen so stark durch, dass erwogen wurde, den Rohbau wieder abzureissen. Schlimm war es beim Vordach: Es hing 12 Zentimeter herunter und musste mit Baustützen, wie sie für Deckenschalungen verwendet werden, provisorisch abgestützt und nach oben gedrückt werden.

Eigentlich ist die Statik des Gebäudes konventionell und bewährt konzipiert: In der Gebäudemitte steht der tragende Lift- und Treppen-Schacht, im Bereich der Fassade wurden Stützen gebaut. Doch Decken und Armierungen dazwischen waren zu wenig stark dimensioniert.

Im KSA-internen Mitteilungsblatt «Inform» vom Februar sagte Christian Frei, Mitinhaber der Frei Architekten, es sei bei einer Routinekontrolle im November eine Durchbiegung gewisser Decken festgestellt worden. «Die statischen Nachberechnungen haben ergeben, dass die Lastentragung in gewissen Teilen des Gebäudes die hierfür bestehenden Normen nicht vollumfänglich erfüllt», so Christian Frei.

Die Bauherrschaft Frei Architekten entschied sich gegen den Abriss und liess auf allen Stockwerken inklusive den beiden Untergeschossen einen zusätzlichen Kranz Stützen plus Träger einbauen. Dafür musste der Unterlagsboden wieder herausgerissen werden. Die Stützen und Träger wurden Mitte Februar angeliefert. Sie sind nun eingebaut.

Kein Nachteil fürs Kantonsspital

Spital-Sprecherin Andrea Rüegg sagt dazu: «Aus Sicht KSA gibt es zwar eine Verzögerung, finanziell hat dies aber für uns keine Auswirkungen.» Im Mitteilungsblatt hatte Architekt Frei gesagt: «Ich möchte betonen, dass die Gesamtstabilität des Gebäudes nie infrage gestellt war.» Zudem seien die Auswirkungen der eingebauten Stützen auf die Innenausgestaltung minimal und kaum sichtbar.

Auf die Frage, wer die Kosten für die erforderlichen Sanierungsmassnahmen trage, sagte Frei: «Für den Schaden haften die beteiligten Planungs- und Bauunternehmen. Dem KSA entstehen dadurch keine finanziellen Nachteile.» Und weiter: «Dem verantwortlichen Bauingenieur ist ein Berechnungsfehler in der Statik unterlaufen. Die Verantwortung tragen die Planungsfirmen und die ausführenden Unternehmen.»

Ein mit dem Fall vertrauter Ingenieur spricht von einem Schaden in der Grössenordnung von drei Millionen Franken. «Das Problem ist, dass die Versicherung des schuldigen Statikers nur einen Betrag deutlich unter einer Million Franken abdeckt.» Zur Höhe des Schadenbetrags wollen die Frei-Architekten keine Stellung nehmen.

Der Fall an der Herzogstrasse gibt in Ingenieurskreisen offenbar zu reden. Der Ingenieur schneidet ein grundsätzliches Problem an: «Müssen jetzt alle Gebäude, in deren Bau der Statiker involviert war, überprüft und nachgerechnet werden? Sie könnten einsturzgefährdet sein.»

Statik ist keine öffentliche Sache

Der Einsturz der Tiefgaragendecke in Gretzenbach 2004 und der Deckeneinsturz des Hallenbads Uster 1985 sind nicht vergessen. Dass ein grösserer Neubau in der Schweiz eingestürzt ist, daran kann man sich allerdings nicht erinnern.

Laut Stadtbaumeister Felix Fuchs ist die Überprüfung der Statik keine öffentliche Aufgabe, auch hätten die zusätzlichen Stützen keine Baubewilligung gebraucht, da im Innern von Gebäuden nur Spezielles wie Brandschutzvorrichtungen bewilligungspflichtig ist. Es gibt also keine staatliche Bauaufsicht, welche die bisherigen Bauten bzw. Berechnungen des Ingenieurs überprüfen wird. Die Bauherren müssten selber aktiv werden.

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