Noch fünfmal schlafen, dann werden wir wissen, welche der neun Stadtratskandidaten es geschafft haben. Dann wird feststehen, ob Aarau ab Januar 2018 eine Stadt mit einer grün-linken Regierung ist. Und ob die Freisinnigen das Stadtpräsidium zurückerobern konnten oder sich für den zweiten Wahlgang am 26. November zumindest in eine gute Situation manövriert haben.

Die Ausgangslage bei den Stadtpräsidenten-Wahlen ist spannend: Die SP möchte mit Daniel Siegenthaler den Sitz der nicht wieder kandidierenden Jolanda Urech verteidigen. Die FDP hofft mit Hanspeter Hilfiker auf ein Comeback, nachdem ihr Lukas Pfisterer vor vier Jahren eine bittere Niederlage beschert hatte, als es um die Nachfolge von Marcel Guignard (FDP) ging. Die Pro-Aarau-Vertreterin Angelica Cavegn Leitner rechnet sich unter anderem dank ihres guten Abschneidens bei den Vizeammann-Wahlen 2013 (damals schlug sie überraschend Regina Jäggi, SVP) gute Chancen aus. Fest steht: Falls nichts Überraschendes passiert, wird Hanspeter Hilfiker am Sonntag das beste Ergebnis erzielen. Ob er allerdings bereits im ersten Wahlgang gewählt wird, wie das gewisse Optimisten unter den Freisinnigen hoffen, ist zu bezweifeln. Wahrscheinlicher ist, dass Hilfiker zwischen 40 und 45 Prozent der Stimmen auf sich vereinen kann. Also so viel, wie das lockere «Wir ziehen am gleichen Strick»-Bündnis von FDP, SVP und CVP im letzten Herbst bei den Grossratswahlen machte. Kommt Hilfiker bereits am Sonntag auf über 45 Prozent, wird er im zweiten Wahlgang nur schwer zu schlagen sein.

Die Stimmen des Mitte-Links-Lagers werden bei den Stadtpräsidentenwahlen unter den beiden Anwärtern Daniel Siegenthaler und Angelica Cavegn aufgeteilt. Also ist davon auszugehen, dass beide um die 30 Prozent der Stimmen holen. Aber: Wer wird eher darüber, wer eher darunter liegen? 35 Prozent für Siegenthaler und 25 Prozent für Cavegn? Oder umgekehrt? Oder ganz knapp, was die Ausgangslage für das Mitte-Links-Lager im zweiten Wahlgang sehr schwierig machen würde. Denn: Will es Erfolg haben, muss es sich auf eine Kandidatur einigen. Für beide Kandidaten spricht ihr grosser privater Bekanntenkreis. Siegenthaler hat zudem eine starke Partei im Rücken, Cavegn profitiert vom Frauenbonus. Letzterer ist nicht zu unterschätzen. Denn Stimmbürgerinnen, aber auch Stimmbürger, die keinen der drei Kandidaten gut kennen und nicht einer Partei folgen, werden möglicherweise die Frau bevorzugen.

Aus dem gleichen Grund wird die Frauenfrage auch die Stadtratswahlen mitentscheiden. Seit der Kandidatur von Silvia Dell’Aquila (Komitee «Für unser Aarau») ist sogar nicht mehr ausgeschlossen, dass die Frauen ihre Mehrheit im Stadtrat verteidigen können. Die bisherigen Stadtratsmitglieder Franziska Graf-Bruppacher (SP) und Werner Schib (CVP) dürften die Wiederwahl schaffen. Graf hat die Schulfusion durchgebracht und damit die wichtigste Volksabstimmung der laufenden Legislatur gewonnen. Schib gilt als solider Schaffer. Geht man davon aus, dass Daniel Siegenthaler in den Stadtrat gewählt wird, sind noch zwei Sitze zu vergeben: Der Grüne Hanspeter Thür könnte es Kraft seines Namens und seines nationalen Leistungsausweises schaffen. Doch seine Partei ist, das hat der Stadtratswahlkampf gezeigt, recht schwach. Simon Burger (SVP) hat sich in den letzten Wochen bemüht, Farbe zu bekennen, ohne jemandem zu fest auf die Füsse zu treten. Er hat das Handicap, dass es der SVP seit 2001 nicht mehr gelungen ist, einen Kandidaten aus der Stadt (exklusive Rohr) durchzubringen. Suzanne Marclay-Merz (FDP) hat sich den Slogan #frischwärtsAarau gegeben. Ob ihr Kampf für ein modernes Aarau nicht etwas zu abstrakt war? Fest steht: Wer gegen die Schulfusion mit Buchs war, wird sich daran erinnern, dass Suzanne Marclay als einzige Stadtratskandidatin Nein gesagt hatte. Das könnte ihr Stimmen bringen – ebenso wie der Fakt, dass ein Aarau ohne zwei FDP-Stadträte für viele schwer vorstellbar ist. Die Chancen von Silvia Dell’Aquila sind schwer einzuschätzen. Gelingt es ihr, die Leute, für die sie vor allem steht, auch wirklich zu mobilisieren? Verzeihen ihr die SP-Mitglieder die wilde Kandidatur? Silvia Dell’Aquila könnte wie Suzanne Marclay dank der Frauenfrage entscheidende Stimmen gewinnen.

Es schwer abzuschätzen, welche zwei der vier neuen Kandidaten es schaffen werden. Sicher ist: Jede Stimme ist wichtig – und das müsste eine Motivation sein, sich an den Wahlen zu beteiligen.