Aarau
Stadtrat soll Stadionprojekt neu überdenken – ehe es am Boden liegt

Der grüne Einwohnerrat Markus Hutmacher stellt den Stadtrat zu einem heiklem Zeitpunkt infrage: die Stadionstrategie soll überarbeitet werden. Die Diskussion laufe in die falsche Richtung, jetzt müsse es mit dem Stadionprojekt endlich vorwärts gehen.

Sabine Kuster
Drucken
Teilen
Schlechtwetterlage für den Aarauer Fussball: Für Einwohnerrat Markus Hutmacher kommt auch eine Sanierung des Brügglifelds immer noch infrage. Mario Heller

Schlechtwetterlage für den Aarauer Fussball: Für Einwohnerrat Markus Hutmacher kommt auch eine Sanierung des Brügglifelds immer noch infrage. Mario Heller

Mario Heller

Der Aarauer Einwohnerrat Markus Hutmacher hat im Namen der Grünen ein Postulat eingereicht mit der Forderung: «Der Stadtrat soll seine Stadionstrategie überarbeiten.»

Dazu drängen sich doch ein paar Fragen auf: Wie kommt Hutmacher dazu, das Projekt mitten im Verfahren infrage zu stellen? Zu einem Zeitpunkt, wo die Ungeduld unter den Fussballfans ein Maximum erreicht hat? Arbeitet der grüne Einwohnerrat also doch mit dem Beschwerdeführer zusammen? Es ist ein längeres Gespräch nötig, um seine Beweggründe zu klären. Im Unterschied zum Beschwerdeführer tut er dies auch.

Herr Hutmacher, Sie fallen der Stadt in den Rücken mit diesem Postulat.

Markus Hutmacher: Nein, aber wenn wir so weiterfahren, wird das Projekt mit grösster Wahrscheinlichkeit scheitern. Es läuft nun seit fünf Jahren und kommt nicht vom Fleck. Jetzt ist die Anstands-Schweigepflicht vorbei.

Sie sind ein Stadion-Gegner.

Das war ich, ich stehe aber hinter dem Volksentscheid, ein Stadion zu bauen. Ich bin letztes Wochenende zweimal als Zuschauer am Rande von Fussballfeldern gestanden. Meine beiden Kinder spielen Fussball. Ich habe nichts gegen Fussball, im Gegenteil. Jetzt muss das Projekt endlich vorwärtsgehen.

Sie kritisieren in Ihrem Postulat, das jetzige Stadionprojekt sei nicht rentabel, weil für die Verkaufsfläche kein Ankermieter gefunden werden könne. Das haben Sie schon vor fünf Jahren gesagt, sind damit aber nicht durchgekommen. Jetzt fangen Sie wieder damit an.

Im Postulat weise ich darauf hin, dass der Bedarf in Aarau an Verkaufsflächen weitgehend gedeckt ist. Entsprechend bezweifle ich, dass ein zugkräftiger Ankermieter gefunden und das Projekt wirtschaftlich tragfähig werden kann. Auch wenn dieses Argument vor fünf Jahren nicht überzeugen konnte, zeigen die heute vorliegenden Fakten, dass es eben doch nicht falsch war. Aber der eigentliche Grund für das Postulat liegt darin, dass viele Leute einfach auch genug vom «Gstürm» um das Stadion haben. Ich glaube, die Diskussion läuft in die falsche Richtung.

Wie meinen Sie das?

Es war doch klar, dass es bei einem solch grossen Projekt Einsprachen geben wird. Das ist immer so, mit dieser Verzögerung haben der Stadtrat und die Bauherrin HRS rechnen müssen. Was ich bemängle, ist, dass dreieinhalb Jahre vergingen, bis brauchbare Baubewilligungsunterlagen vorlagen.

Ein Jahr lang verhandelte die Bauherrschaft HRS mit dem VCS über das Nutzungskonzept.

Ich glaube, HRS konnte anfangs noch gar nicht bauen. Sie war noch daran, das Stadion in Thun zu bauen, ebenfalls ein grosses Projekt.

Das wurde aber 2011 eingeweiht.

Es bleibt eine Vermutung. Fakt ist: Der Stadtrat steht zu stark auf der Seite der Bauherrin. Auch in anderen Fragen entschied der Stadtrat unglücklich. So sitzen zum Beispiel im Verwaltungsrat der Stadion AG der Stadtbaumeister und der für Hochbauten zuständige Stadtrat. Es geht doch rechtsstaatlich nicht, dass die Vorgesetzten der Baubewilligungsbehörde auch im Verwaltungsrat der Betriebsgesellschaft sind.

Warum bemängeln Sie das erst jetzt?

Weil das Projekt nicht vorwärtskommt. Der Stadtrat hat zu sehr gemacht, was HRS wollte, aus Angst, der Investor steige aus. Der Einwohnerrat soll dem Stadtrat nun den Rücken stärken, damit dieser nicht in erster Linie die wirtschaftlichen Interessen der HRS berücksichtigt, sondern das Stadion ans Ziel bringt.

Für die Beschwerde kann der Stadtrat nichts.

Nein, aber dafür, wie die Verhandlung lief. Ich habe nie mit dem Beschwerdeführer gesprochen und kenne seine genauen Forderungen nicht. Aber in der Aargauer Zeitung stand, dass der letzte Streitpunkt die Nutzung des Rockwell-Parkhauses am Sonntag war. Dabei kann es für die Spiele unter der Woche ja eh nicht gebraucht werden. Warum sind diese Parkplätze für die 60% der Anlässe am Wochenende zwingend, aber für den Rest nicht? Warum hat man diese Konzession nicht gemacht, damit endlich gebaut werden kann? Statt das zu hinterfragen, geht der Volkszorn in die falsche Richtung.

Zum Beschwerdeführer.

Ja. Weil alle nur noch hässig sind, schaut niemand mehr genau hin, woran das Projekt krankt.

Sie nützen die Gelegenheit doch nur, um auf die Interessen der Grünen zurückzukommen und ein kleineres Stadion mit weniger Parkplätzen zu fordern.

Natürlich geht es uns auch um den Verkehr. Aber wir versuchen, eine Sache ganzheitlich anzuschauen. Wenn zum Beispiel das Multiplexkino in die Mantelnutzung kommt, kann das den beiden Stadtkinos den Nacken brechen, und darunter würde auch die Gastronomie in der Altstadt leiden. Ich verlange explizit nicht den Ausstieg aus dem Projekt, sondern nur, dass es einem Realitätscheck unterzogen wird. Vielleicht wäre es sinnvoll, Alternativen zu prüfen.

Das käme für die Steuerzahler teurer.

Das ist nicht sicher. Nun deutet jedenfalls vieles darauf hin, dass das Projekt Schiffbruch erleiden könnte. Da muss man doch aufstehen! Die Migros kommt mit dem Einzug ins Bahnhofgebäude als Ankermieter wahrscheinlich nicht mehr infrage. Aldi bringt schon im Gais-Center nebenan nicht die gewünschte Besucher-Frequenz. Es gibt im Stadion-Mantel keinen Bedarf für diese Art von Vermietung.

Wofür dann? Für Wohnungen?

Ich weiss es nicht, ich bin nicht Projektplaner. Das müssen Stadt und HRS überdenken.

Sie kritisieren das Projekt grundlegend, machen aber keine Vorschläge. Das ist nicht sehr konstruktiv.

Einer unserer Vorschläge ist, das Projekt zu verkleinern. Das Beispiel des Stadions von Schaffhausen zeigt, dass es auch schnell gehen kann, bis die Baubewilligung vorliegt: Im September beschloss der Grosse Stadtrat in Schaffhausen einen Investitionsbeitrag von zwei Millionen Franken für ein neues Super-League-taugliches Stadion. Die Stadt gab das Land im Baurecht ab, es sind nur 8000 Plätze im Stadion geplant und nur 4500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Nicht 11 000 wie in Aarau.

Die Schaffhauser lehnten das Projekt dennoch ab.

Aber nicht, weil es nicht rentiert hätte. Sie waren teilweise mit dem Standortwechsel nicht einverstanden oder wollten gar keinen Beitrag leisten, weil der Investor sagte, er würde auch nach einem Nein seitens der Stadt bauen. Meine Grundkritik ist die, dass der Aarauer Stadtrat zu viele Fehler gemacht hat in der Vergangenheit und zu wenig unabhängig entschieden hat. Wie konnte es sonst passieren, dass der Stadtrat im Einwohnerrat versprach, der Sportartikelverkauf würde aus dem Projekt gestrichen, wenn das Rolling Rock nicht einziehe? Dieses Versprechen wurde gegenüber HRS nicht einmal kommuniziert, geschweige denn eingefordert.

Das Stadion muss rentieren und die Stadt will das Stadion.

Die Stimmung kann auch kippen in Aarau. Niemand weiss, was die Aarauer sagen, wenn sie über einen Nachtragskredit für den Bau des Stadions entscheiden müssen. Wenn das Projekt dann am Boden liegt, ist es gestorben. Deshalb soll der Stadtrat seine Strategie jetzt überdenken.