Herr Hilfiker, Sie sind ein Bücher-Fan. Wie viele Bücher besitzen Sie?

Hanspeter Hilfiker: Es sind zwischen 2000 und 3000. Von denen habe ich aber nicht alle gelesen. Ich habe viele Geschichts- und Architekturbücher mit einem hohen Bildanteil. Ich lese vor allem, wenn ich pendle. Im Zug habe ich immer ein Buch dabei.

Welche drei Bücher würden Sie retten, wenn es brennt?

Bei den Sachbüchern wohl «Millennium». Dieses britische Buch sucht in Jahrhundertschritten eine prägende Person, den «Agent of Change» des Zeitalters. Bei den Romanen «Der amerikanische Architekt» von Amy Waldman. Im Buch geht es um einen Architekturwettbewerb im politischen Umfeld. Ich habe auch gerne Autoren, die im gleichen Alter sind wie ich. Urs Augstburger zum Beispiel.

Während sich andere ein Gartenhaus leisten, liessen Sie sich ein kleines Bibliotheksgebäude neben Ihr Einfamilienhaus stellen. Wie kamen Sie zu Ihrer Liegenschaft im Gönhardquartier?

Das ist das Haus meiner Grosseltern mütterlicherseits. Als meine Tante, die früher im Haus lebte, 75 Jahre alt war, machten wir einen Wohnungstausch: Sie übernahm meine Eigentumswohnung an der Schiffländestrasse im Schachen, ich ihr Einfamilienhaus. Es stammt aus den Dreissigerjahren. Bevor ich 2011 einziehen konnte, musste es renoviert werden – und ich brauchte Platz für meine Bücher. Darum das Bibliotheksgebäude im Garten.

Sie sind in Buchs aufgewachsen. Wann kamen Sie nach Aarau?

1996 – zuerst an die Milchgasse. Ich lebe gerne mitten in der Stadt. Das Gönhardquartier ist mir fast etwas zu ruhig.

Stadtpräsidenti-Kandidat und FDP-Stadtrat Hanspeter Hilfiker, aufgenommen am 31. Mai 2017 im Schlossplatz Aarau.

Stadtpräsidenti-Kandidat und FDP-Stadtrat Hanspeter Hilfiker, aufgenommen am 31. Mai 2017 im Schlossplatz Aarau.

Sie waren ab 2003 Einwohnerrat. 2009 versuchte die FDP, mit Ihnen ein drittes Stadtratsmandat zu sichern. Sie haben die Wahl verpasst. Tat das nachhaltig weh?

Nein, denn die Niederlage war absehbar. Es war eine interessante Erfahrung. Ich durfte nicht ernsthaft mit einer Wahl rechnen. Es war das Jahr vor der Fusion mit Rohr. Wir wussten, dass Regina Jäggi als Gemeindeammann von Rohr kandidieren wird. Und das Anrecht der SVP auf einen Sitz war eigentlich unbestritten.

Sie sind jetzt seit 2013 Stadtrat. Was war Ihr grösster Erfolg?

Ich habe meine Anliegen im Grossen und Ganzen im Einwohnerrat durchgebracht. Besonders wichtig ist für mich neben dem neuen Stadtmuseum und der Keba die Alte Reithalle. Da versuchen wir etwas Besonderes: Wir wollen einen Neubau realisieren – zu bisherigen Betriebskosten. Der Normalfall bei der öffentlichen Hand ist anders: Etwas Neues verursacht höhere Kosten.

Haben Sie in dieser Legislatur auch eine Volksabstimmung gewonnen?

Den Zusatzkredit für die Kunsteisbahn (Keba). Der ursprüngliche Vorschlag war, keine Volksabstimmung durchzuführen. Ich wollte das aber; der Stadtrat hat diese Meinung geteilt.

Und was würden Sie als grössten Misserfolg bezeichnen?

Schon die Schliessung der Keba. Sie schmerzt, ist mühsam – und es hätte nicht passieren dürfen.

Können Sie sich vorstellen, bei der Keba einen derart schwerwiegenden Fehler gemacht zu haben, dass Ihre Stadtpräsidenten-Ambitionen deswegen infrage gestellt sind?

Es bleibt immer etwas hängen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass ich persönlich einen grossen Fehler gemacht habe. Und es wurde nichts bewusst verheimlicht.

Sind die grössten Fehler vor Ihrem Amtsantritt im 2013 passiert?

Der Ur-Fehler war schon das ursprüngliche Baugesuch mit den eingeschränkten Öffnungszeiten (2011). Den haben wir nie mehr richtig weggebracht. Ziel ist jetzt, dass die Sportvereine ab August mit dem Training auf dem Eis beginnen können.

Hilft Ihnen der Fall Keba, sich als Krisenmanager zu profilieren?

Nur, wenn es gut herauskommt.

Als Kultur- und Sportminister dürfen Sie vor allem öffentliche Gelder ausgeben. Das muss Spass machen.

Geldverteilen ist eine gefällige Sache. Aber es gibt auch viele Ansprüche. Die Herausforderung besteht darin, dass man nicht einfach immer mehr verteilen kann. So geben wir im Kulturbereich heute etwas weniger aus als 2013. Es waren eher magere Jahre. Die Steuererträge entwickeln sich nicht wie erwartet, trotz Steuererhöhung.

Stadtpräsidenti-Kandidat und FDP-Stadtrat Hanspeter Hilfiker, aufgenommen am 31. Mai 2017 im Schlossplatz Aarau.

Stadtpräsidenti-Kandidat und FDP-Stadtrat Hanspeter Hilfiker, aufgenommen am 31. Mai 2017 im Schlossplatz Aarau.

Sie waren Manager bei Rückversicherungen, deren Namen die Öffentlichkeit kaum kennt. Was haben Sie genau gemacht?

Rückversicherer versichern Versicherungen. Ihre Kunden sind also die Versicherungsgesellschaften. Die Rückversicherer selber sind häufig eher kleine Firmen. So hatte die UNIQA Re in Zürich, deren zweiköpfiger Geschäftsleitung ich angehörte, 15 Angestellte. Dazu kamen etwa 100 Fachfunktionen in Tochtergesellschaften.

Mussten Sie je im grösseren Stil Leute entlassen?

In meiner Zeit als Geschäftsleitungsmitglied der UNIQA Re musste ich in Österreich 30 Prozent einer Einheit abbauen. Es ging um mehrere Personen.

Versicherungsmanager stehen im Ruf, Abzocker zu sein. Haben Sie in der Finanzindustrie richtig gut verdient?

Ich habe dort gut verdient. Besser, als wenn ich zum Stadtpräsidenten gewählt würde. In vielen Dienstleistungsbranchen, etwa bei Banken oder Versicherungen, werden die Führungsjobs besser bezahlt als bei der öffentlichen Hand. Ich hatte unter anderem Leute in meinen Teams, die ohne Führungsfunktion und mit einer kaufmännischen Ausbildung gegen 200 000 Fr. verdienten.

Aber ...

... all diese Branchen sind immer wieder in Umstrukturierungen, oft jedes zweite Jahr. 2003 habe ich in einer Firma gearbeitet, die ganz geschlossen wurde. Ich war 38, erst ein halbes Jahr in der Direktionsfunktion, hatte eben eine Wohnung gekauft – zum Glück fand ich schnell wieder etwas.

Warum haben Sie Anfang 2016 an die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur gewechselt?

Bei der UNIQA Re sah ich keine grosse Entwicklungsmöglichkeit mehr. Darum begann ich mich 2013 umzusehen. Ich hätte nach Deutschland gehen können, wäre aber Wochenaufenthalter geworden – was ich nicht wollte. Und vor allem: Damals bewarb ich mich gerade zum zweiten Mal als Stadtrat. Anfang 2016 ergab sich dann die Möglichkeit mit der ZHAW: Sie suchten einen Rückversicherungsspezialisten. Ich baue dort ein Weiterbildungsprogramm auf, das gegenwärtig erstmals läuft. Das ZHAW-Engagement hat den Vorteil, dass ich unabhängiger arbeiten kann, etwa als Berater oder in Mandaten.

Haben Sie ein Zimmer in Winterthur?

Nein, ich pendle mit dem Zug. Ich wünschte aber, die Verbindungen wären besser; Aarau hat von der Durchmesserlinie nicht profitiert. Zum Glück muss ich nicht jeden Tag im Büro sein.

Sie legen Wert auf Ihre Abstammung, freuen sich darauf, übernächste Woche wohl Aarauer Ortsbürger zu werden. Aus was für einem Milieu stammen Sie?

Mein Vater, aus Kölliken, war Ingenieur und hat 35 Jahre lang bei «Sprecher + Schuh» gearbeitet. Der Grossvater väterlicherseits war Arbeiter in der Schuhfabrik Bally in Schönenwerd. Meine Mutter, eine Aarauer Beamtentochter, war primär im Haushalt tätig. Aufgewachsen bin ich in Buchs, zuerst am Schulweg, dann an der Industriestrasse in einem Horta-Block. Ich habe eine Schwester.

Warum haben Sie in St. Gallen an der HSG studiert?

Es war die Chance, wegzukommen ... Bei der Studienwahl haben mich lange drei Richtungen interessiert: Geschichte, Architektur und Wirtschaft. Der Favorit war Architektur. Ich habe mich insgesamt drei Mal für das Studium an der ETH angemeldet, der Zwang zur dauernden Kreativität hat mich jedoch abgeschreckt. Architektur ist mir dennoch wichtig geblieben, ich verfolge die Szene gerne und schätze Städtereisen. Studiert habe ich schliesslich Wirtschaft mit Vertiefungsrichtung Versicherung.

Waren Sie in der Pfadi?

Nein. Ich war gar kein Vereinsgänger. Auch ein Sportclub wäre nichts für mich gewesen – in der Schulzeit habe ich Sport gehasst. Dafür habe ich immer viel gelesen, hatte einen eher kleinen, dafür engen Kreis von Freunden.

Sie sind ein talentierter Redner. Gefällt Ihnen das Rampenlicht?

Ja, ich schätze den öffentlichen Auftritt, vor allem zu Themen, bei denen ich etwas beitragen kann.

Auch den Apéro-Smalltalk?

Ich gehe gerne an solche Anlässe. Aber sie sollten etwas fokussiert sein, ein Thema haben. Es ist angenehm, in einem guten Rahmen etwas zu diskutieren.

Auf Ihrer Homepage verraten Sie uns zwar, dass Sie vier Göttikinder haben, sagen aber nichts über Ihren Zivilstand. Hat es da eine Altlast?

Nein. Ich bin nicht verheiratet und seit einigen Jahren Single, und das ist gut so. Ich habe nie gesagt, ich will alleine wohnen und keine Kinder haben – aber es hat sich so ergeben. Besonders wichtig ist mir deshalb ein enger, stabiler Freundeskreis.

Ist Ihr Single-Status im Kampf um das Stadtpräsidium ein Handicap?

Ich glaube nicht. Ich bin jetzt seit über zehn Jahren im politischen Geschäft – und das war nie ein Thema.

Die SP hat in der Stadt Aarau zurzeit einen wahnsinnigen Lauf. Warum sind Sie überzeugt davon, dass die Freisinnigen das Stadtpräsidium zurückerobern können?

Die SP kann gut mobilisieren. Sie hat gutes Personal. Aber die Freisinnigen haben auch einen guten Lauf – im ganzen Land. Wir haben seit vielen Jahren wieder deutlich an Wählergunst gewonnen.

Stadtpräsidenti-Kandidat und FDP-Stadtrat Hanspeter Hilfiker, aufgenommen am 31. Mai 2017 im Schlossplatz Aarau.

Stadtpräsidenti-Kandidat und FDP-Stadtrat Hanspeter Hilfiker, aufgenommen am 31. Mai 2017 im Schlossplatz Aarau.

Ihr Trumpf?

Wir haben Kandidierende mit einem breiteren Erfahrungsspektrum als die Sozialdemokraten. Ich bin überzeugt, dass die Wählerinnen und Wähler schätzen, wenn Kandidierende auch in der privaten Wirtschaft, nicht nur im öffentlichen Sektor arbeiten. Dafür steht die FDP. Trotzdem sind unsere Kandidierenden mit den lokalen politischen Themen vertraut.

Sie machen einen Werbespot für sich.

Für das Amt des Stadtpräsidenten ist der reine Quereinstieg nicht ideal. Es fehlt die Erfahrung des politischen Prozesses. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass eine öffentliche Verwaltung nicht gleich funktioniert wie ein privates Unternehmen. Mir ist das seit langem klar. Erfahrungen aus der Privatwirtschaft helfen aber, konstruktive Lösungen zu finden.

Was ist das grösste Problem der städtischen Politik?

Die Knappheit der Mittel. Wir müssen dafür besorgt sein, dass wir die Ressourcen so gut wie möglich einsetzen. Das wird in den nächsten Jahren das Hauptthema bleiben.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Velofahrer mit den «Voilà»-Taschen sehen?

Eine gute Erinnerung an «Aarau Aktiv», der Vorgängerorganisation von «Aarau Standortmarketing». Ich war fünf Jahre Präsident von «Aarau Aktiv» und drei Jahre von «Aarau Standortmarketing». Von «Aarau Aktiv» sind «Musig i de Altstadt» und «Voilà» die bekanntesten Vermächtnisse.

Verkauft sich die Stadt Aarau unter Ihrem Wert?

Wir sind im Moment gut positioniert, bekommen auch hohe Anerkennung. Aber wir müssen dafür besorgt sein, dass wir unser Potenzial ausschöpfen. Da gibt es leider Tendenzen zur Selbstgefälligkeit.

Konkret?

Gegenwärtig steht zum Beispiel der Detailhandel vor grossen Veränderungen. Die Umstrukturierung vieler Branchen wird massive Auswirkungen auch in Aarau haben. Wir sind gut positioniert, müssen aber ein attraktives Zentrum für diejenigen bleiben, die langfristig Wertschöpfung erzielen.

Als Kulturminister ist die Reithalle Ihr grösstes Projekt. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass der Souverän die Millionen bewilligen wird?

Wir haben ein überzeugendes Konzept, eine gute Nutzung der Halle mit einer gesicherten Finanzierung. Wir machen nicht einfach mehr, sondern etwas Zusätzliches, das gut in die vorhandenen Strukturen eingebettet ist – und finanziell tragbar.

Welche Kultur konsumiert eigentlich der Kulturminister?

Ich schätze klassische Orchestermusik, gehe ins Theater und besuche Museen, war früher oft im Kino. Mit Opern kann ich weniger anfangen.

Eitelkeit scheint für Sie kein Fremdwort zu sein. Treiben Sie viel Sport?

Ich habe früher nicht gerne Sport getrieben. Aber ich habe gemerkt, dass es nicht gut ist, wenn ich einfach im Büro sitze und esse. Ich gehe seit langem wöchentlich zwei- bis dreimal im Gönhardwald joggen und fahre ab und zu Velo.

Wohin fahren Sie in die Sommerferien?

Ich habe es nicht gerne allzu heiss. Darum gehe ich im Sommer in die Berge, seit ein paar Jahren jeweils eine Woche ins Engadin. Ich nehme immer zwei, drei richtig dicke Bücher mit und wandere etwas – aber nicht allzu lang.

Ach, keine Städtereise?

Doch, ich liebe Städtereisen, aber nicht im Hochsommer. An diesem Wochenende bin ich in Madrid. Seit zehn Jahren verbringe ich mit meinen Nichten ein Wochenende in einer europäischen Stadt. Kürzlich waren wir in Lissabon.