Kulturprojekt

Stadtrat Daniel Siegenthaler über die «Alte Reithalle»: «Aarau erhält mit diesem Ort eine einmalige Chance»

«Vermehrt kommerzielle Veranstaltungen im KuK»: Daniel Siegenthaler.

«Vermehrt kommerzielle Veranstaltungen im KuK»: Daniel Siegenthaler.

Stadtrat und SPler Daniel Siegenthaler spricht über die Chancen des Kulturprojekts, über das die Aarauer am 10. Juni abstimmen. Ein städtischer Beitrag von 7,7 Millionen Franken ist für den Bau der Alten Reithalle nötig.

Die Alte Reithalle ist ein klassisches Nice-to-have-Projekt. Wie erklären Sie sich, dass zu diesem grossen Geschäft vor der Abstimmung kaum eine Kontroverse entstanden ist?

Daniel Siegenthaler: Die Steuerungsgruppe hat sehr gute Arbeit geleistet. Es wurden viele Bedürfnisse abgeholt. Darum ist das Projekt sehr breit abgestützt. Seit dem Start mit der Idee der Mittleren Bühne, dem «Oxer», gab es verschiedene Änderungen. Das Projekt wurde dabei stets verbessert – und es kamen neue Partner dazu.

Hat die SVP als einzige Vorlage-Gegnerin den Ton nicht gefunden?

Die SVP spricht auf ihren Plakaten von 21 Millionen, der Beitrag der Stadt beläuft sich auf 7,725 Millionen Franken. Gleich viel steuert der Kanton bei. Kultur kostet etwas. Sie ist eine öffentliche Aufgabe. Es ist deshalb problematisch, wenn man einfach von defizitären Institutionen spricht. Weder das KuK noch das Stadtmuseum oder das Theater Tuchlaube machen Defizite, welche die Stadtkasse belasten. Sie erhalten nur die regulären städtischen Beiträge.

Reithallen-Gegner argumentieren, das Projekt sei eine Wette darauf, dass das Argovia Philharmonic im Trend und erfolgreich bleibe.

Das Argovia Philharmonic ist eine etablierte Institution mit sehr grosser Ausstrahlung. Es ist ein Glücksfall, dass die Alte Reithalle diesem Orchester eine Heimat bieten kann. So kann es sich auf hohem Niveau qualitativ weiter entwickeln.

Was würde mit der Alten Reithalle passieren, wenn das Argovia Philharmonic – wie auch schon in Erwägung gezogen – in die Bärenmatte Suhr wegziehen würde?

Das ist kein Thema. Das Argovia Philharmonic hat bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, dass es in die Alte Reithalle will. Im Gegenteil, die Stadt beziehungsweise das KUK müssten befürchten, dass Argovia Philharmonic in die Bärenmatte nach Suhr ziehen wird, wenn die Alte Reithalle nicht realisiert würde.

Könnte man die Lücke überhaupt füllen?

Noch einmal, das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Das Commitment von Argovia Philharmonic ist eindeutig: Ohne ihre Sponsoren, die für die Alte Reithalle über 5 Millionen Franken spenden, wäre das Projekt wohl kaum realisierbar.

Was ist das grösste Risiko bei der Sanierung der Alten Reithalle?

Von einem eigentlichen Risiko kann nicht gesprochen werden. Bei der Akustik haben wir in der Alten Reithalle bereits gute Erfahrungen gemacht, welche zeigen, dass sie ein sehr guter Aufführungsort ist – auch für klassische Musik.

In der Alten Reithalle sollen auch kleine Institutionen wie das Figurentheater Fabrikpalast Platz haben. Der Fabrikpalast hat jetzt schon Mühe, in seinen kleinen Strukturen in der Telli zu überleben. Wie soll er sich die Mieten der Alten Reithalle leisten können?

Der Fabrikpalast ist kein Mieter, sondern wird mit seinem Programm, genauso wie die Theatergemeinde und die B’bühne, Partner in der neuen Trägerschaft. So ist sichergestellt, dass innovatives Figurentheater und klassisches Schauspiel auch weiterhin einen prominenten Platz im Kulturleben der Stadt haben werden. Ich glaube, die zur Verfügung stehenden «Zeitfenster» werden das grössere Problem sein als die Höhe der Mieten.

Die kleinen Institutionen können also erwarten, dass sie einen Rabatt bekommen?

Für andere Nutzer wird es wie im KuK ein spezielles Reglement geben, das zwischen kommerziellen und kulturellen Veranstaltungen unterscheiden wird. Dies wird in einem detaillierten Betriebskonzept geregelt, das in den nächsten Monaten ausgearbeitet wird. Die künstlerische Leitung wird letztlich entscheiden, wer einen Platz bekommt.

Aarau hat einschlägige Erfahrung. Bei der Beendigung der Sanierung des damaligen Saalbaus (heute KuK) im Jahr 1996 gab es das Problem, dass der Saal für potenzielle Nutzer zu teuer wurde. Wie wird das bei der Alten Reithalle verhindert?

Ich kann das Betriebskonzept nicht vorwegnehmen. Der Betrieb muss im Rahmen der Mittel, wie wir sie definiert haben, laufen. Der Preis ist auch eine Frage der Einschätzung. Veranstaltern muss es auch etwas wert sein, in der Alten Reithalle zu sein.

Und sie müssen es finanzieren können.

Das ist so – wir werden auch für kleinere Institutionen Lösungen suchen. Aber klar ist, dass die lokalen Musikvereine, Amateur- und Schultheater die Alte Reithalle zu besonderen Konditionen nutzen können. Dies ist auch im Sinne der zukünftigen Leitung.

Könnten Sie sich vorstellen, dass in der Alten Reithalle ein Jodlerabend stattfindet?

Aber sicher. Wir haben unterschiedliche Interessenten, insbesondere auch lokale Orchester und Vereine.

Was ist denn der künftige Nutzen des Kultur- und Kongresszentrums (KuK)? Wird es leer stehen?

Im KuK sollen künftig vermehrt kommerzielle Veranstaltungen durchgeführt werden. Das zweite «K», das Kongresshaus, wird wichtiger. Das ist so aufgegleist. Das KuK ist verwaltungsintern transferiert worden, von der Kultur, die ich verantworte, zur Abteilung Liegenschaften, für die mein Stadtratskollege Hanspeter Thür zuständig ist. Im letzten Jahr hatten wir bei den kommerziellen Anlässen bereits eine Zunahme – mit entsprechend positiven finanziellen Auswirkungen.

Worin liegt der wahre Wert des Kulturprojektes Alte Reithalle?

Es wird ein schweizweit einzigartiges Mehrspartenhaus, in dem vielfältige Kultur stattfinden kann. Es ist ein Haus, das ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Nutzer anspricht – und all das in einer einmaligen Ambiance und an einer zentralen Lage.

Also geht es auch um Ausstrahlung für die Stadt?

Natürlich. Aarau erhält mit diesem Ort eine einmalige Chance. Die Alte Reithalle wird ein neuer Leuchtturm, neben anderen wie dem KIFF und dem Kunsthaus. Ich hoffe, dass die Bevölkerung diese Chance wahrnimmt.

Erwarten Sie von der Alten Reithalle einen Kick für das Aarauer Nachtleben?

Die Bar im Stall belebt die Stadt schon heute. Von daher ist es wichtig, dass sie erhalten bleibt.

Die Stadt Aarau investiert 7,7 Millionen Franken in die Alte Reithalle. Fehlt danach das Geld für andere Projekte, etwa im Sportbereich?

Die 17 Millionen Franken für das Fussballstadion sind im Investitionsplan. Wir haben ein Projekt für eine Sporthalle, bei dem wir mit Privaten etwas aufgleisen möchten. Und wir haben das KIFF, bei dem der Stadtrat sich für einen Beitrag zum Projektierungskredit für einen Neubau ausgesprochen hat.

Also ist der Neubau des KIFF wegen der Alten Reithalle nicht in Gefahr?

Nein. Im Gegenteil. Ich spüre eine grosse Unterstützung für das KIFF, sowohl im Stadtrat wie auch in der Aarauer Bevölkerung.

Was würde passieren, falls die Alte Reithalle im Betrieb mehr kosten sollte als geplant?

Wir gehen davon aus, dass das Betriebsbudget von 1,767 Millionen Franken eingehalten werden kann – so wie es in der Botschaft zur Abstimmung steht. Die jetzige Sommerbespielung und das Programm in der Tuchlaube kosten derzeit rund 1,2 Millionen Franken. Künftig hat man eine halbe Million Franken mehr, obwohl es die Stadt nicht mehr kostet, denn die zusätzlichen Mittel kommen vom Kanton und der Vermietung der Halle.

Der Zeitplan für die Realisierung der Alten Reithalle ist sehr eng: Haben Sie keine Angst, dass das Projekt durch Einsprachen verzögert wird, wie das jetzt gerade auch beim benachbarten Neubau des Gebäudes Hotel Argovia (ehemals «Goldige Öpfel») der Fall ist?

Es sollte nicht zu Verzögerungen kommen, wie wir sie bei anderen Projekten erlebt haben. Wir haben in der Nachbarschaft der Alten Reithalle wenig Wohnnutzung. Wichtigster Nachbar ist der Kanton, der das Projekt mitunterstützt.

Wie ist es mit den Immissionen für die Nachbarschaft?

Es wird keinen zusätzlichen privaten Verkehr geben. Die Zahl der Parkplätze steigt nicht, sondern wird leicht reduziert. Und die Veranstaltungen werden nur geringe störende Emissionen verursachen, da das Haus gegen aussen besser isoliert wird.

Während der Bauphase wird es zwei Jahre lang keine Sommernutzung der Alten Reithalle geben. Das ist eine grosse Herausforderung für all die Institutionen, die sich in den letzten Jahren damit profiliert haben. Ist es auch ein Risiko?

Wir tun alles, damit die Zeit des Unterbruchs möglichst kurz wird. So wird das Cirqu’-Festival gerade noch stattfinden, ehe im Sommer 2019 der Bau beginnt. Danach können wir uns, ein positiver Ausgang der Abstimmung vorausgesetzt, auf die Eröffnung im Oktober 2020 freuen. Das Fehlen der Sommernutzung ist natürlich schade, denn sie hat den Wert der Alten Reithalle aufgezeigt. Sehr viele Leute haben dank ihr die Halle kennen gelernt.

Warum soll jemand, der weder ins Theater geht noch klassische Konzerte oder Tanzvorführungen besucht und sich auch nicht für modernen Zirkus interessiert,
dem Kredit zustimmen?

Einerseits, weil man damit die Chance bekommt, sich etwas anzusehen, das man bisher nicht gekannt hat. Andererseits sollte sie oder er, beispielsweise als Sportinteressierte, auch bereit sein, einem kulturellen Projekt zuzustimmen.

Ist die Alte Reithalle eigentlich ein elitäres Projekt?

Es stehen ganz unterschiedliche soziale Schichten dahinter. Eine der Chancen der Alten Reithalle besteht darin, dass sie grosse Teile der Bevölkerung ansprechen wird. Zum Beispiel die Freunde des Tanzes: Es ist erstaunlich, was für eine grosse Resonanz das Tanzfest hatte, das Anfang Mai erstmals in Aarau stattfand. Letztes Jahr haben 21 000 Menschen aus Aarau und Umgebung das Programm in der Reithalle und der Tuchlaube besucht. Das zeigt doch eindrücklich, dass hier kein elitäres Publikum angesprochen wird.

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