Aarau
Stadtpräsidentin Urech: «Meine Wahl bestätigt wohl einen Trend»

Die neu gewählte SP-Stadtpräsidentin Jolanda Urech schreibt ihren Erfolg auch der veränderten Stadtbevölkerung zu. Im Interview sagt sie, warum sie froh ist, dass Aarau ein zweiter Wahlgang erspart wird und was ihre erste Amtshandlung sein wird.

Hubert Keller und Katja Schlegel
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Jolanda Urech, die neu gewählte SP-Stadtpräsidentin von Aarau

Jolanda Urech, die neu gewählte SP-Stadtpräsidentin von Aarau

AZ

Frau Urech, wie haben Sie letzte Nacht geschlafen?

Jolanda Urech: Ich habe sehr gut geschlafen. Ich bin früh aufgewacht und habe mir noch einmal die Bilder vom Sonntag durch den Kopf gehen lassen. Es war unglaublich, was ich erleben durfte. Alle haben mir gratuliert, haben mir Blumen überreicht, hatten sogar Tränen in den Augen. Das war überwältigend.

Blumen haben Sie auch von Lukas Pfisterer bekommen. Irgendwann werden die verwelkt sein und Sie müssen mit ihm in einem bürgerlichen Stadtrat zusammenarbeiten. Wie stellen Sie sich das vor?

Es hat mich ungemein gefreut, dass Lukas Pfisterer vorbeigekommen ist und uns eine gute Zusammenarbeit gewünscht hat. Eine gute Zusammenarbeit ist mir sehr wichtig. Ich glaube auch, dass die Bevölkerung erwartet, dass dieser Stadtrat zusammenarbeiten, gemeinsam Probleme lösen und Ideen umsetzen kann. Persönliche Querelen haben da nichts zu suchen.

Wie wollen Sie den immer noch bürgerlichen Stadtrat führen?

Kooperativ. Mir ist wichtig, dass alle Räte ihre Kompetenzen, Meinungen und Haltungen einbringen können. Am Schluss wird es natürlich immer darum gehen, etwas zu entscheiden und Beschlüsse zu fassen. Aber auch da ist klar: Ich bin eine von sieben, die Stadtpräsidentin hat nicht mehr Gewicht oder Stimmen im Rat als die anderen. Mir ist auch wichtig, dass es uns gelingt, Sachpolitik zu machen. Natürlich kommen wir aus verschiedenen politischen Lagern, aber gerade mit der Optik der verschiedenen Lager und der Berufserfahrung jedes Einzelnen ergeben sich am Schluss ausgewogene Lösungen. Auf das vertraue ich.

Das grosse Problem der Stadt sind die Finanzen. Bei der linken Fraktion – so scheint es – ist man eher freizügig im Umgang mit Geld, die Bürgerlichen fahren eine rigorose Sparpolitik. Ist da ein Konflikt nicht vorprogrammiert?

In den letzten zwei, drei Jahren haben sich die Positionen verhärtet. Ich kann mir vorstellen, dass mit der neuen Legislatur ein Neuanfang möglich ist, mit dem man diese Positionen loslassen und wertfrei Probleme benennen und anpacken kann. Auch im Hinblick auf den sogenannten Stabilo-Prozess, mit dem unser Finanzhaushalt wieder ins Gleichgewicht gebracht werden soll.

Vor zehn Jahren wäre die Wahl einer Frau zur Stadtpräsidentin, dazu noch aus der SP, undenkbar gewesen. Jetzt zieht sich der Wandel von bürgerlich zu links wie ein roter Faden durch den Aargau. Bestätigt Ihre Wahl diesen Trend?

Nebst dem Vertrauen in meine Person bestätigt meine Wahl wohl auch einen Trend. Die Bevölkerung in den urbanen Zentren hat sich verändert. Es gibt mehr Zugezogene und mehr Junge, die andere Ansprüche ans Leben und den Alltag in einer Stadt haben. Scheinbar ist es den Mitte-links-Parteien besser gelungen, diese Anliegen aufzunehmen und dafür Antworten, Lösungen oder Vorschläge zu präsentieren. Bürgerliche Parteien haben wohl zu sehr den schlanken Staat in den Mittelpunkt gestellt.

Sind Sie deswegen nicht nur zur Stadtpräsidentin, sondern auch mit dem Spitzenresultat in den Stadtrat gewählt worden?

Exekutivwahlen sind auch Persönlichkeitswahlen. Es gibt Gemeinden, in denen Parteilose gewählt werden. Es geht zum Schluss immer ums Vertrauen, die Partei ist zweitrangig. Mein Leistungsausweis aus den vergangenen zwölf Jahren als Stadträtin hat die Wähler überzeugt. Sie haben gesehen, wie ich arbeite und wofür ich mich einsetze, für meine Arbeit gibt es konkrete Beispiele. Ich musste nichts erfinden oder versprechen.

Wie soll sich Aarau unter Ihrer Führung entwickeln?

Mir ist sehr wichtig, dass der soziale Zusammenhalt der verschiedenen Bevölkerungsschichten und Generationen weiterhin gepflegt wird. Weiter soll Aarau als Regionszentrum ein gutes Einvernehmen mit den Nachbargemeinden haben. Und als Kantonshauptstadt darf Aarau ruhig selbstbewusster auftreten.

Bis jetzt haben die Nachbargemeinden Aarau nicht zu spüren gegeben, dass man mit der Stadt anbandeln will.

Es ist eine Frage des Augenkontakts auf gleicher Höhe, des Vertrauens. Wir haben einen Prozess mit den Nachbargemeinden aufgegleist, der aufzeigt, wo wir als Region hin wollen: in Richtung Fusion oder verstärkte Kooperation. Ich bin zuversichtlich, dass auf diesem Weg viel passieren kann. Ganz wichtig wird dabei die Haltung der Bevölkerung sein, die Druck in die eine oder andere Richtung geben wird.

Was wird Ihre erste Amtshandlung sein?

Am 1. Januar 2014 werde ich die Neujahrsansprache im Kultur- und Kongresshaus halten.

Wie haben Sie den Wahlkampf erlebt?

Als fair. Der Fokus war allerdings extrem auf das Präsidium gerichtet, die anderen Kandidatinnen und Kandidaten waren kaum gefragt. Für die SP kann ich beanspruchen, dass wir einen guten und authentischen Wahlkampf geführt haben. Ich habe sehr viele gute Rückmeldungen erhalten.

Freuen Sie sich darauf, jetzt nach dem Wahlkampf in die Stadt gehen zu können, ohne Ihr Gesicht auf den Plakaten zu sehen?

(lacht) Ich glaube, die Leute haben genug davon, unsere Köpfe zu sehen. Ich bin froh, wird uns allen ein zweiter Wahlgang mit einer neuen Kampagne erspart. Am Sonntagabend habe ich kaum glauben können, dass ich am Montagmorgen aufwachen werde und keinen Wahlkampf mehr führen muss.

Was ist denn an diesem Morgen anders?

Es ist etwas weg, was die letzten Monate omnipräsent war. Während des Wahlkampfes musste ich ständig taktieren, entscheiden und abwägen. Man steht im Schaufenster und unter ständigem Druck. Jetzt habe ich das Gefühl, endlich mit der Arbeit beginnen zu können. Vor mir liegen vier Jahre, in denen ich arbeiten kann, und das stellt mich auf. Ich muss mich nicht mehr ständig verkaufen, sondern bin akzeptiert und gewählt – als das, was ich bin.

«Talk Täglich» auf Tele M1 mit Jolanda Urech, Renate Gautschy (Präsidentin der Aargauer Gemeindeammänner) und Politikwissenschafter Philippe Koch. Moderation: Christian Dorer, Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Heute Dienstag ab 18.30 Uhr (stündliche Wiederholung).

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