Kein Privatchauffeur, keine Einkleide-Dame, kein Sekretär, der Kaffee bringt. Allzu viele Privilegien hat Aaraus Stadtpräsidentin nicht.

Die Kaffeemaschine steht in Jolanda Urechs Büro, das Velo steht im Keller neben allen anderen und elegant gekleidet ist sie ohne fremde Hilfe. Sogar jetzt. Es ist heiss wie im Sommer. Schweissflecken drohen die weisse Bluse zu ruinieren. Jolanda Urech fährt auf dem Velo durch den Schachen. Ihr Ziel ist eines der einzigen Privilegien des Stadtoberhauptes: ein Rebhäuschen.

Versteckt am Waldrand des Hungerberges liegt es. Eine schmale Treppe führt am Haus des ehemaligen Stadtarchivars Martin Pestalozzi vorbei den Hang hinauf. Aber wo ist der Rebberg, der zu einem Rebhäuschen gehört? Pestalozzi kommt der Stadtpräsidentin zufällig grad entgegen, an der Leine sein Cocker Spaniel, unter den Arm geklemmt ein paar Rollen, um Schubladen auszukleiden. Er kennt die Antwort: «Nach der Reblausinvasion 1850 und damals schlechtem Klima für Reben hat man den Rebberg hier aufgegeben und Obstbäume gepflanzt.»

Stadtpräsidentin Jolanda Urech vor dem Rebhäuschen am Hungerberg. Eine Idylle – bloss konnte sie diese noch nie richtig nutzen. Sabine Kuster

Stadtpräsidentin Jolanda Urech vor dem Rebhäuschen am Hungerberg. Eine Idylle – bloss konnte sie diese noch nie richtig nutzen. Sabine Kuster

Versteckte Idylle

Jolanda Urech greift zum Schlüssel im Sack und schaut zum Häuschen hoch: auf einen Felsblock gebaut, die Läden in den Farben Aaraus gestrichen. Zweimal war sie schon da für einen kurzen Augenschein. Richtig genutzt hat sie es noch nie. Ihr Vorgänger, Marcel Guignard, war oft hier, als die Kinder noch klein waren. Es war sein Garten-Ersatz. Und was für einer: Die Parzelle mit dem Rebhäuschen ist eine Idylle. Unter einem riesigen Kastanienbaum und einer Buche steht ein Steintisch, daneben eine Brätelstelle und ein Brunnen, das Gras steht hoch, die Obstbäume blühen.

Als die Guignard-Kinder grösser wurden und der Stadtammann nur noch selten beim Rebhäuschen war, machte er den Vorschlag, dass künftig der ganze Stadtrat das Rebhäuschen nutzen könne. So richtig ist es also nicht mal mehr nur ein Privileg des Stadtoberhauptes.

Gekauft hat die Parzelle die Stadt Aarau 1956 aus der Erbschaft der Familie Binder für 26 000 Franken. Wofür genau weiss man heute nicht mehr. «Unsere Stadt hat eben viele Geheimnisse», sagt Jolanda Urech und lächelt. Sie hat sich unter dem Efeurankentor durchgebückt, den Schlüssel im Schloss gedreht, das Fenster im Rebhäuschen geöffnet, Licht in den kargen Raum mit Tisch und einer Bank gelassen. Jetzt sitzt sie unter den grossen Bäumen am Steintisch. Im Rücken die Stadt.

Aarau ist auf Platz 6 im Städteranking der «Bilanz». Bedeuten Ihnen solche Rankings etwas?

Jolanda Urech: 162 Städte wurden verglichen. Dass es Aarau auf den 6. Rang geschafft hat, macht mich stolz und bedeutet, dass die Stadt eine sehr hohe Lebensqualität aufweist.

Ist man nicht sowieso stolz auf den Ort, in dem man lebt?

Sicher hat man zu seiner Heimat immer eine besondere emotionale Bindung. Wenn sich jedoch Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung decken, ist das bestätigend und motivierend.

Nehmen wir an, der Spardruck bleibt. Der Pont Neuf wäre das letzte Glanzlicht, die Millionen für die Alte Reithalle oder das Stadion würden nicht mehr bewilligt. Bliebe Aarau trotzdem attraktiv?

Die Attraktivität von Aarau und die Zufriedenheit der Bevölkerung hangen nicht von einzelnen Bauten ab. Es kommt darauf an, ob Ideen umgesetzt werden und die Bevölkerung aktiv am öffentlichen Leben teilnimmt. Wenn wir nun sparen müssen, bedeutet das nicht unbedingt weniger Lebensqualität.

Wie kann die Stadt die guten Ideen und das Zusammenleben fördern?

Der öffentliche Raum muss gut gestaltet sein und es braucht Raum, um die Ideen umzusetzen.

Ist dieses Bewusstsein beim Stadtrat schon da? Gibt er dem Unausgegorenen eine Chance?

Dieses Bewusstsein ist gewachsen in den letzten Jahren. Wir wollen unterstützen, Startups fördern und Räume vermitteln. Wir erstellen Datenbanken dafür, denn das Bedürfnis ist gross. Zudem hat sich das Leben draussen stark verändert. Die öffentlichen Räume werden genutzt, wo immer sie entstehen: Die Leute sind in den Kaffees, auf den Treppen an der Aare... Und bis jetzt funktioniert das Miteinander gut. Manchmal kommt mir Aarau vor wie ein grosses Wohnzimmer.

Woher kommt das? Haben die Leute mehr Freizeit?

Vielleicht – vielleicht wird sie aber einfach anders genutzt. Gleichzeitig sind die Arbeitszeiten flexibler geworden. Der Kasinogarten, die Altstadt sind über Mittag voller Menschen. Das zeigt, dass sich die Leute hier wohlfühlen.

Aarau, die Wohlfühloase. Selbst der Stadtrat geriet in letzter Zeit selten in Kritik.

Ich stelle fest, dass sich alle Stadtratsmitglieder mit grossem Engagement für ihr Ressort einsetzen. Und zwar darüber hinaus, wie ihr Amt definiert und entschädigt wird. Alle scheinen ihr Wunschressort zu haben. Trotzdem weiss man nie, was kommt. Aus heiterhellem Himmel wird manchmal alles auf den Kopf gestellt.

Sie mögen die Harmonie. Sie haben es gerne gut mit den Leuten.

Ich bin im Sternzeichen eine Waage. Die Waage ist auf Harmonie und Ausgleich aus. Das hat natürlich Vor- und Nachteile.

Stresst es Sie, wenns mal nicht harmonisch ist?

Ich halte Konflikte nicht gut aus. In einem solchen Fall suche ich das Gespräch, die Aussprache. Das ist meine Veranlagung.

Geben Sie deswegen früh nach?

Nein, das denke ich nicht. Ich bin aber kompromissbereit, wenn mich Argumente überzeugen.

Sie äussern sich in der Öffentlichkeit stets äusserst vorsichtig.

Die Erfahrung lehrt einen, dass es nicht gut kommt, wenn man Unausgereiftes bekannt gibt. Unbedachte Äusserungen können schnell negativ auf einen zurückfallen.

Sie wurden vorsichtiger.

Ja. Ich habe gelernt, nur zu sagen, was hieb- und stichfest und im Stadtrat konsolidiert ist. Es ist wichtig, dass man sich ans Kollegialitätsprinzip hält. Andernfalls braucht es im Nachhinein viel Energie, sich als Team wieder zu ordnen. Der geschlossene Auftritt gegen aussen ist zudem für die Glaubwürdigkeit des Gremiums wichtig.

Gibt es als Stadtpräsidentin auch Frust in der Wohlfühlstadt?

(denkt lange nach) Wir investieren schon lange viel Zeit und Energie ins Sparen.

Sparen ist nicht Ihr Parteiprogramm...

Nun ja. Eine ausgeglichene Rechnung finde ich selbstverständlich wichtig. Aber es ist nicht gut, dass das Sparen so viele Kräfte bindet. Und es deshalb schwierig ist, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu motivieren, ihnen dennoch zu zeigen, dass ihre Arbeit geschätzt wird.

Obwohl es schon länger keine Lohnerhöhung mehr gegeben hat.

Ja. Auch im Einwohnerrat wird manchmal schlecht über die Verwaltung geredet. Das hören die Betroffenen. Dabei wollen sie das Beste für die Stadt. Wenn im Rathaus motivierte Leute arbeiten, kommt dies der Bevölkerung zugute. Dieses Thema fand ich belastend in den letzten Monaten. Auch, weil sich die Stadt trotz Sparen weiterentwickeln muss. Wir müssen zu unserer Lebensqualität Sorge tragen und nicht nur im Jetzt denken.

Was verzaubert Sie hingegen?

In dieser Stadt gibt es viele junge, aufgestellte Leute. Ich spüre, dass sie gerne hier leben und sich wohlfühlen. Sie engagieren sich, sie gestalten die Stadt und füllen sie mit Leben. Das stellt mich total auf.

Sie sind zweieinhalb Jahre im Amt. Kommt Ihnen das lange vor?

Einerseits verging die Zeit schnell. Andererseits habe ich das Gefühl, ich sei schon lange im Amt. Es war eine intensive Zeit. Auch weil aufgrund von Pensionierungen wichtige personelle Wechsel anstanden. Es beginnt eine neue Ära im Rathaus. Gleichzeitig läuft viel in der Stadt, es stehen wichtige Projekte und Entscheidungen an. Es ist ein Glück, in einer solch interessanten Phase dabei sein zu dürfen.

Sie möchten die Ära also noch weiter begleiten?

(Lacht) Es ist noch zu früh, zu dieser Frage etwas zu sagen.

Ist es jetzt ein ganz anderes Leben als vorher?

Ja. Als Stadtpräsidentin repräsentiert man die Stadt. Nicht nur an offiziellen Anlässen, sondern immer. Ich bin durch und durch die Stadtpräsidentin. Ich kann nicht einfach als Jolanda in die Stadt. Von dem Moment an, wo ich zur Haustüre raus gehe, bin ich sie. Aber ich kann gut damit umgehen und fühle mich wohl.