Am Dienstag konnten Sie einen Rechnungsüberschuss von 15,6 Millionen Franken bekannt geben. Es muss in Ihrer Zeit als Stadtpräsident eine der besten Wochen gewesen sein?

Hanspeter Hilfiker: (lacht) Der erfreuliche Abschluss hat sich schon seit einer Weile abgezeichnet. Besonders positiv ist, dass der Selbstfinanzierungsgrad der Investitionen auf dem Niveau ist, das wir uns vorgenommen haben.

Viel Geld in der Kasse weckt Begehrlichkeiten: SVP-Einwohnerrat Simon Burger hat auf Twitter bereits eine Steuersenkung gefordert ...

Das ist für den Stadtrat im Moment kein Thema. Steuereinnahmen sind sehr stark abhängig von der konjunkturellen Lage, die in den Jahren 16, 17 und 18 sehr gut war. Zwischenzeitlich ist die Entwicklung etwas weniger positiv. Und die Aargauische Kantonalbank wird wegen ihrer Reservebildung 2019 wohl rund zwei Millionen Franken Steuern weniger zahlen.

Aber es ist schon so, dass sich die Stadt jetzt wieder etwas mehr leisten kann. Was ist nach der Alten Reithalle als Nächstes dran?

Zum Beispiel der Pont Neuf, ein neues Oberstufenschulhaus, die Sanierung der Schachenhalle und natürlich das Stadion. Wir reden von 200 Mio. Franken Investitionen in den nächsten zehn Jahren.

Wer viel Geld in der Kasse hat, unterliegt der Gefahr, leichtsinnig Fehlinvestitionen zu tätigen. Warum sind Sie überzeugt, dass sich die 33,6 Millionen Franken für die Liegenschaft «Auf Walthersburg» für die Stadt lohnen?

Es ist eben keine Investition wie die vorher genannten. Die «Walthersburg» wird nicht über das Verwaltungsvermögen, sondern über das städtische Finanzvermögen finanziert. Es ist eine reine Finanzanlage, die langfristig einen stabilen Ertrag sicherstellen soll. Unser Finanzvermögen beläuft sich im Moment auf rund 230 Mio. Franken. Davon sind rund 110 Mio. reine Finanzanlagen wie Aktien und Obligationen. Etwa 70 Mio. sind in Liegenschaften investiert. Wir wollen mit dem «Walthersburg»-Kauf den Liegenschaftsanteil erhöhen. Die Perspektive von Finanzanlagen ist heute schwierig, wir hatten in unserem Anlagefonds 2018 eine Rendite von minus 2,7 Prozent.

Aber wenn diese Siedlung doch ein gutes, risikofreies Geschäft wäre, würde Swiss Re doch nicht verkaufen …

Ursprünglich war Swiss Re Mitgründerin der Betriebsgenossenschaft des Seniorenzentrums, heute ist sie nicht mehr aktiv dabei. Swiss Re will sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Die Betriebsgenossenschaft hat nach schwierigen Jahren verschiedene Lösungen für ihre Zukunft gesucht. Da ist im Gespräch zwischen Genossenschaft, Stadt und Swiss Re die Idee aufgekommen, dass die Stadt die Liegenschaft übernimmt. Swiss Re hat uns in der Folge das Areal exklusiv angeboten.

Die Botschaft an den Einwohnerrat lässt die Frage der genauen Finanzierung – über Anlagefonds oder durch Aufnahme von Fremdkapital – noch offen.

Der Stadtrat hat das noch nicht entschieden. Wir haben aber heute eine hohe Liquidität in unserem Anlagefonds, Grössenordnung 20 Mio. Franken. Es drohen uns in absehbarer Zeit Negativzinsen. Es ist deshalb naheliegend, den Liegenschaftskauf grösstenteils oder ganz mit den liquiden Mitteln zu zahlen. Allfällige Lücken kann die Einwohnergemeinde problemlos über Fremdkapital decken.

Wenn Sie die Liegenschaft als Finanzvermögen führen, müssen Sie sie aber nach rein ökonomischen Gesichtspunkten bewirtschaften. Wenn die Alterssiedlung nicht mehr läuft, müssen Sie eigentlich hart sein und den Mietvertrag auflösten.

Der heutige Ertrag kommt vollständig von den 60 Wohnungen, die Hälfte davon sind Alterswohnungen. Diese Mieterträge brauchen wir. Die Stadt Aarau wird künftig in der Betriebsgenossenschaft des Seniorenzentrums eine aktivere Rolle einnehmen. Die Genossenschaft muss sich neu ausrichten, das Pflichtleistungspaket überarbeiten, die Kostenstrukturen anschauen. In verschiedenen Bereichen gibt es beispielsweise die Möglichkeit einer Kooperation mit unseren Pflegeheimen. Auch müssen nicht alle Alterswohnungen von älteren Menschen bewohnt sein. Das Vermietungspotenzial aller Wohnungen auf der Walthersburg ist sehr hoch.

In welchem Fall droht die Gefahr, dass die Einwohnergemeinde Steuergeld einschiessen muss?

Die Gebäude sind im guten Zustand –- besser, als wir erwartet hatten – und an einer Top-Lage. Liegenschaftsanlagen sind heute fast der stabilste Ertragsbringer. 11 000 Quadratmeter Bauland, im Zelgli, Zone W2 – das alleine hat einen Grundstückswert von gegen 15 Mio. Franken. Der Gebäudeversicherungswert liegt bei 24 Mio. Franken.

Die Stadt hat schon früher ab und zu Grundstücke gekauft, etwa in der Aarenau und im Scheibenschachen. Oder die Gönhardgüter.

Ja. Der Anlagehorizont der Stadt ist sehr lang, und wir haben klar gesagt: Wir verkaufen keine Grundstücke. Wir sind keine Immobilienhändler. Der «Walthersburg»-Kauf wäre also aus heutiger Sicht ein Kauf für die Ewigkeit.

Vier Einwohnerräte, unter anderem die Co-Präsidentin der SP Aarau, haben diese Woche einen Vorstoss mit einem Sammelsurium von Forderungen eingereicht. Wird zu viel in die «Walthersburg»-Vorlage hineinprojiziert?

Viel zu viel. Vor allem bin ich erschrocken, dass Einwohnerratsmitglieder Finanz- und Verwaltungsvermögen nicht unterscheiden. Da wurden total schiefe Vergleiche gemacht. Etwa mit der hinausgeschobenen Sanierung der Sporthalle. Der Neubau der Halle hätte der Stadt jährlich zwei Millionen Franken Ausgaben in der Laufenden Rechnung verursacht, je 1 Mio. Abschreibung und Betriebskosten. Die «Walthersburg» hingegen bringt uns gute 1,3 Mio. Franken Finanzertrag.

Und der vom Stadtrat abgelehnte Kauf des Zwinglihauses im Scheibenschachen?

Die Reformierte Kirche hatte uns die Liegenschaft zum Kauf angeboten. Aber wir haben uns preislich nicht gefunden, lagen etwa einen Drittel auseinander.

Man hat beim Lesen der «Walthersburg»-Botschaft den Eindruck, der Stadtrat sehe für das Seniorenzentrum über das Jahr 2024 (Vertragsende) hinaus keine oder kaum eine Zukunft. Ist das so?

Die Situation hat sich etwas entschärft, 2018 hat das Seniorenzentrum eine Schwarze Null geschrieben. Wir möchten der Genossenschaft die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln.

Die 33,6 Millionen Franken sind eine der grössten Investitionen in der Geschichte der Stadt Aarau. Es ist ein Makel, dass das Volk nichts dazu zu sagen hat.

Es ist eben keine Investition, sondern eine Finanzanlage, die Umschichtung eines Vermögensteils. Dafür ist der Einwohnerrat zuständig. Aber es kann natürlich das Referendum ergriffen werden.

Könnten Sie sich ein obligatorisches Referendum, wie dies im Fall des Stadions geplant ist, vorstellen?

Der Stadtrat schlägt das nicht vor, aber der Einwohnerrat könnte es beschliessen.