«Aarau als Ganzes, seine Altstadt, seine Quartiere, seine Bevölkerung und seine Bräuche habe ich lieb gewonnen.» Die Liebeserklärung steht ganz am Anfang der Rede, die Marcel Guignard am 29. Juni 1987 im «Rathausgarten» im Kreis seiner Partei, der FDP, hielt. Sie war gleichsam die Bewerbung um das Amt des Stadtammanns. Am 13. September 1987 wurde er als Nachfolger von Markus Meyer gewählt. Die Wahl war unbestritten. Die Freisinnigen waren sich ihres Kandidaten so sicher, dass das Zelt für die Wahlfeier im Schachen bereits Tage zuvor aufgestellt worden war.

Nun tritt Marcel Guignard ab. Nach 26 Jahren. Die politische Landschaft hat sich verändert. Auch die Stadt hat sich verändert. Sie ist urbaner geworden, gastlicher, offener. Die Menschen ziehen wieder vom Land in die Stadt, nicht nur Junge, sondern auch Senioren, die das vielfältige Angebot an Dienstleistungen, Einkaufsmöglichkeiten, Kultur, Freizeit, Verkehr schätzen. Das ist eine allgemeine Erscheinung, ein Trend, den Aarau unter der Ägide von Marcel Guignard nicht nur nachvollzogen, sondern aktiv gestaltet hat. Aarau ist eine lebendige Stadt geworden, eine moderne, inspirierende Stadt.

Gelegentliche Zweifel

Stadtpräsident Marcel Guignard zeichnete sich durch Durchhaltevermögen aus. Der neue Bahnhof, im August 2010 eingeweiht, hat ihn während seiner ganzen Amtszeit beschäftigt. «Solche Projekte dauern», sagt er. Manchmal seien ihm gerade beim Bahnhofprojekt auch Zweifel gekommen – und Frustration. Dann etwa, als der Grosse Rat 2001 entschied, sämtliche Fachhochschul-Departemente nach Brugg-Windisch zu verlegen, auch die in Aarau stationierten Fachbereiche. «Für die Planung des Bahnhofs bedeutete das: Alles zurück auf Feld 1.»

Die Stadt Aarau trat die Flucht nach vorn an, ergriff die Initiative. Anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2003 – «200 Jahre Kanton Aargau» und «200 Jahre Hauptstadt Aarau» – lancierte die Stadt das «Projekt Uni Aarau». Es thematisierte während dreier Tage den Universitäts- und Hochschulstandort Aarau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit der Einrichtung des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA) – ein universitäres Zentrum, von der Stadt Aarau und der Universität Zürich gemeinsam aufgebaut und geführt – schlug die Stadt Aarau in der Bildung neue Wege ein. Eine derartige Zusammenarbeit zwischen einer Universität und einer Gemeinde ist in der Schweiz einzigartig.

Stadtpräsident Guignard konnte hartnäckig sein. So leicht liess er sich nicht von einem Projekt abbringen, auch wenn dieses im ersten oder auch im zweiten Anlauf scheiterte, wie etwa die Sanierung der Altstadt, die in der ersten Abstimmung fallierte, oder das Stadion-Projekt, das viele Anläufe brauchte.

Wichtige Projekte realisiert

Das Kultur- und Kongresshaus KUK, der neue Werkhof und die Überbauung des alten Werkhofareals, der Sauerländertunnel als Ergänzung zum neuen Staffelegg-Zubringer, die Neugestaltung der Altstadtgassen, die Verlängerung der hinteren Bahnhofstrasse, das Primarschulhaus Telli, der Bahnhof, das neue Wohngebiet in der «Aarenau» – die Liste der wichtigen Infrastrukturprojekte, die Guignard mit seinen Leuten im Stadtrat und in der Verwaltung auf die Schiene gebracht und realisiert hat, ist lang und bemerkenswert. Weitere Projekte sind weit gediehen, das neue Stadion für den FC Aarau im Torfeld Süd oder der Ersatzbau für die in die Jahre gekommene Kettenbrücke. Die Hintere Bahnhofstrasse mit der Verbindung zum Rosengarten ist in den Stadtraum integriert. Mit dem Gestaltungsplan um den WSB-Bahnhof und bis hin zum Torfeld Süd entwickelt Aarau seine urbane Qualität weiter.

Marcel Guignard war von 1993 bis 2013 Mitglied des Grossen Rates. Journalisten attestieren ihm, ein guter Fürsprecher von Aarau und der Gemeinden gewesen zu sein. Guignard war bis August dieses Jahres auch Präsident des Schweizerischen Städteverbandes.

Nimmt andere Positionen ernst

Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen zeichnen Marcel Guignard aus, auch Gesprächsbereitschaft. Dies attestiert ihm sogar Micha Siegrist, Einwohnerrat und Geschäftsführer des VCS, der den Entscheidungsträgern beim Stadion-Projekt das Leben nicht leicht gemacht hat. Siegrist sagt: «Guignard ist ein Jurist im guten Sinn. In den Verhandlungen um das Stadion hat er bewiesen, dass er auch andere Positionen ernst nimmt. Er ist weit besser als der Ruf, den er bei den Linken geniesst.»

Der Freisinnige, der vor 26 Jahren kampflos ins Amt gehievt wurde, hat seine politische Herkunft nie verleugnet, er hat sie aber auch nie über das Wohl der Stadt gestellt. Marcel Guignard: «Es gibt nicht nur eine Sicht der Dinge.»

«Ich habe Marcel Guignard als solide, faire und integre Persönlichkeit erlebt», sagt seine Nachfolgerin, die künftige Stadtpräsidentin Jolanda Urech. «Er war absolut verlässlich. Die demokratischen Institutionen hielt er hoch. Stadtratsentscheide, auch unliebsame, vertrat er deshalb stets loyal und ohne Wenn und Aber.» Sie habe Marcel Guignard auch als kulturell interessierten Menschen erlebt, sagt Urech, Bildende Kunst und Literatur bedeuteten ihm viel. «Schön war, ihn zum Beispiel an einer Vernissage zu treffen. Da konnte man ihn als offenen und interessierten Mann kennenlernen.» Zudem wüssten Insider: Sobald er jemanden um eine Zigi bat und genüsslich an ihr zog, hatte man es definitiv mit einem weltoffenen und humorvollen Genussmenschen zu tun, der gemütlich verweilen konnte.

Stadtbaumeister Felix Fuchs arbeitete fast die ganze Amtszeit mit Guignard zusammen. Viele grosse Projekte garten in seiner Küche. «Konstruktiv und nicht nachtragend», schildert Fuchs seinen Chef. «Ich schätze seine Ausgeglichenheit, sein ausgesprochenes Rechtsempfinden, sein Bemühen um Konsens. Für Marcel Guignard war wichtig, dass ein Projekt mehrheitsfähig ist, von einer breiten Bevölkerung getragen wird.» Felix Fuchs erlebt den abtretenden Stadtpräsidenten als «umsichtig, offen, überlegt und haushälterisch im Umgang mit Finanzen». Im persönlichen Umgang sei Guignard offen und niemals nachtragend gewesen. «Er liess sein Gegenüber allfällige Schwächen eines Vorschlags oder eines Antrags gern selber erkennen.»

Ein kritisches Wort über Guignard hört man selten. Nach seinen Schwächen gefragt, meint der ebenfalls abtretende Stadtrat Carlo Mettauer: «Er konnte laut werden, ungeduldig». Doch verfüge Guignard über eine hohe Integrität, im Kollegium habe er sich immer sehr loyal verhalten. «Marcel Guignard ist ein Mann mit Kultur».

Will wieder an die Uni

«Für mich geht eine erfüllte, interessante und gute Zeit zu Ende», sagt Marcel Guignard. Ihm gelinge es in der Regel gut etwas abzuschliessen. Und trotzdem blicke er natürlich gern zurück. Einer aktiven Zeit mit viel Hektik folge nun eine ruhigere, beschaulichere Zeit. «Ich werde mich in dieser neuen Situation wohl erst zurechtfinden müssen. Ich freue mich aber darauf, endlich die Interessen zu pflegen, die zu kurz gekommen sind.»

Marcel Guignard möchte wieder mehr Zeit zum Lesen habe, mit seiner Frau Annelies öfter Ausstellungen und Konzerte besuchen und reisen. Beide denken daran, gemeinsam an der Uni Vorlesungen zu gesellschaftspolitischen, literarischen oder historischen Themen zu besuchen. Seine Frau Annelies sei ihm während der ganzen Amtszeit eine verständige und kritische Ratgeberin gewesen. Als Bezirksschullehrerin und ehemalige Aarauer Schulpflegerin hätte sie sich zwar gerne vermehrt selber in der Politik engagiert. Sie habe sich aber zurückgehalten, um nicht den Vorwurf familiärer Kungelei zu provozieren, sagt Guignard. Dass Annelies Guignard den Stadtpräsidenten bei vielen öffentlichen Auftritten begleitet hat, wurde geschätzt, zumal die «First Lady» eine herzliche und gewinnende Persönlichkeit ist.

Für die Zukunft der Stadt habe er ein gutes Gefühl. «Ich bin zuversichtlich, dass sie sich weiter gut entwickelt.» Und er hofft, dass sich das Verhältnis zwischen Aarau und seinen Nachbarn offener gestaltet, dass es in Zukunft besser gelingt, die Vorteile einer engeren Zusammenarbeit herauszustreichen. Marcel Guignard ist überzeugt: «Es braucht in der Region Aarau eine intensivere institutionelle Zusammenarbeit.»