Eigentlich hätte die Kirchgemeindeversammlung am Mittwochabend über den Kredit für die Neugestaltung des Innenraums der Stadtkirche abstimmen sollen. Doch es kam alles anders – und im Innenraum bleibt alles so, wie es ist. Ohne eine Rückfrage nahmen die 77 Stimmberechtigten den Entschluss der Kirchenpflege zur Kenntnis, das Projekt nicht weiter zu verfolgen.

Es ist das vorläufige Ende einer unglücklichen Geschichte: 2012 hatte die Kirchenpflege der reformierten Kirche Aarau eine Künstlerin mit der Neugestaltung von Kanzel und Abendmahltisch beauftragt. Einheitlicher und schlichter sollte der Innenraum werden und den Hauch von Mehrzweckhalle verlieren. Doch die Kirchenpflege hatte die Rechnung ohne ihre Gemeinde gemacht: Die einen fühlten sich vom Vorpreschen der Kirchenpflege übergangen, andere wollten alles beim Alten lassen, wieder anderen gefielen die Entwürfe der Künstlerin nicht. Die Kirchenpflege blies den ersten Versuch ab.

Zweiter Anlauf mit Fingerspitzengefühl

Im Sommer 2013 nahm die Arbeitsgruppe einen neuen Anlauf – diesmal mit viel Fingerspitzengefühl. Die Kirchgemeinde wurde über jeden Arbeitsschritt informiert; die Ideenskizzen wurden im November vorgestellt, der Entscheid über die Ausarbeitung des Konzepts im Dezember zur Abstimmung vorgelegt, im Februar wurde ein Workshop mit den Architekten und Möbelbauern organisiert. Das Projekt schien auf gutem Weg.

Fast doppelt so hohe Kosten

Und dann, Mitte Mai, stellten die Architekten der Kirchenpflege ihre Entwürfe vor. Entwürfe, die begeisterten. Aber auch Entwürfe, die mit Kosten von geschätzten 360 000 Franken jeglichen Rahmen sprengten – die Architekten hatten ein Kostendach von 200 000 Franken. Der Kreditantrag hätte auf satte 400 000 Franken verdoppelt werden müssen. Die Kirchenpflege beschloss, das Projekt bis im Winter 2014 auf Eis zu legen.

Und nun liegt das Projekt noch nicht einmal mehr auf Eis, die Kirchenpflege will den Kredit auch nicht im Winter traktandieren. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass für ein Projekt in diesem Bereich weder die Zeit reif noch die Mittel einfach so verfügbar sind», sagte Kirchenpflegepräsident Frank Gantner am Mittwochabend. Die Kostenüberschreitung von nahezu dem Doppelten sei einfach zu viel.

Kirchenpflege habe Mut gefehlt

Fast zwei Jahre Arbeit – für nichts. Pfarrer Christian Bader, sowohl Mitglied der Arbeitsgruppe als auch der Kirchenpflege, ist enttäuscht darüber, dass der Kirchenpflege der Mut gefehlt hat, das Projekt trotz massiver Mehrkosten nicht doch noch zu traktandieren. «Schliesslich wurde das Projekt – abgesehen von den Kosten – mit Begeisterung aufgenommen.» Auch wenn man mit dem Kreditantrag vor der Kirchgemeinde gescheitert wäre, so hätte man es wenigstens probiert. Auch den Vorschlag der Arbeitsgruppe, Sponsoren für die restlichen 200 000 Franken zu suchen, hat die Kirchenpflege laut Bader abgelehnt. «Dass man nun das ganze Dossier in die Schublade steckt, schmerzt mich.»

Das zuständige Architekturbüro konnte am Donnerstag noch keine Stellungnahme zur Kostenüberschreitung abgeben.

Box: Die Kirchgemeindeversammlung in Kürze

Die Rechnung 2013 schliesst positiv ab. Trotz eines Rückgangs von 100 auf 5483 Mitglieder verzeichnet die Kirchgemeinde einen Überschuss von 100 000 Franken gegenüber dem Budget. Diese fliessen in das Eigenkapital, das somit 433 800 Franken beträgt. Wie Jean Marc Legler erläuterte, empfiehlt die Landeskirche Aargau ein Eigenkapital von 40 Prozent des jährlichen Steuerertrages auszuweisen. Bei Steuereinnahmen von drei Millionen Franken wären das für die Kirchgemeinde Aarau 1,2 Millionen Franken. «Um den empfohlenen Eigenkapitalwert zu erreichen, sollten in den nächsten Jahren ähnlich positive Ergebnisse verbucht werden», so Jean Marc Legler. Die Rechnung wurde einstimmig genehmigt.

Aus der Kirchenpflege treten Vizepräsidentin Christine Wey (Musik und Erwachsenenbildung) und David Reichart (Öffentlichkeitsarbeit und Informatik) aus. Auch Geschäftsleiter und Kirchenpfleger Markus Stopper, der im Mai bei einem tragischen Unfall verstorben ist, muss ersetzt werden. Bei den Synodalen ist ebenfalls eine Vakanz zu verzeichnen. (cam)