Aarau
Stadtbaumeister Fuchs geht: Er kennt in Aarau auch nicht jeden Winkel

Stadtbaumeister Felix Fuchs tritt nach einem Vierteljahrhundert ab. Gekommen ist er als Bahn-Fan, er geht auch als solcher. Dazwischen liegen grosse Bummler-Bauprojekte, wenige Schnellzüge. Dabei ist er ein ungeduldiger Mensch.

Sabine Kuster
Drucken
Teilen
Felix Fuchs blickt vom AEW-Hochhaus auf Aarau hinunter. Genügend Distanz war ihm wichtig – dennoch war er Stadtbaumeister mit Haut und Haaren.

Felix Fuchs blickt vom AEW-Hochhaus auf Aarau hinunter. Genügend Distanz war ihm wichtig – dennoch war er Stadtbaumeister mit Haut und Haaren.

Sabine Kuster

Felix Fuchs heisst der Mann, der nach 26 Jahren als Stadtbaumeister sagt: «Ich kenne in Aarau noch bei Weitem nicht jeden Winkel.» Nein, er ist keiner, der sich im Detail verliert. Er weiss, wann es besser ist, etwas nicht zu wissen. Extra habe er oft nicht wissen wollen, wer wo wohnt in Aarau, sagt er.

Felix Fuchs hat immer die Distanz behalten, wollte objektiv bleiben, die Übersicht nicht verlieren. Jetzt hat er die Übersicht buchstäblich: Er steht auf dem Dach des AEW-Hochhauses. Von unten dringt der Lärm einer Stadt herauf, die lebt. Vor einem Jahr war Aarau mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet worden, es war, als würde Felix Fuchs für sein Lebenswerk geehrt.

Wenn man hier oben steht, wirkt alles nahe beieinander. Am engsten die Altstadt, eine Verschachtelung von Mauern, dazwischen eine neue Mauer: der Anbau des Stadtmuseums. Strittig war er wegen der Lage und der Kosten. Zu den Baukosten im Allgemeinen will Felix Fuchs später auf diesem Rundgang durch sein Aarau noch etwas sagen.

Nach zwei Monaten befördert

Im Süden wirkt die Gartenstadt jetzt im Sommer, wo die Bäume die Häuser verdecken, fast wie ein Wald. Im Westen der Schachen. Im Osten der Bahnhof, der Grund, warum der Bahn-Fan damals überhaupt Stadtbaumeister von Aarau wurde.

Gerufen worden war Fuchs als Stadtplaner. 38 Jahre alt war er 1989, ein Zürcher, aufgewachsen in Küsnacht, Abschluss als Architekt an der ETH mit einer Diplomarbeit über den Städtebau. Er wohnte damals in Solothurn, arbeitete seit sieben Jahren in einem Planungsbüro. «Es ist Zufall, dass es mich hierher verschlagen hat», sagt er. Er habe das Inserat in der NZZ in den Ferien in Griechenland gesehen und sich beworben, um seinen Marktwert zu testen. Eigentlich habe er nicht gleich eine ganze Verwaltung mit 80 Mitarbeitern führen wollen. Aber nach nur zwei Monaten schlug ihn Stadtammann Marcel Guignard für den Posten als Stadtbaumeister vor.

Das Stadtbaumeisteramt in Aarau ist einzigartig: Baubewilligungen, Hochbau, Tiefbau, Stadtentwicklung, Werkhof, Friedhof, Grünflächenpflege, Umweltfachstelle – alles unter einem Dach. Das ist in den meisten ähnlich grossen Städten aufgeteilt, auch in Baden. Fuchs reizte gerade das: die Bündelung der Interessen einer Stadt. Man könnte auch sagen: der grosse Gestaltungsspielraum oder der Einfluss.

Er forderte mehr Tempo

Er weiss, dass er oft «der 8. Stadtrat» genannt wurde. Es kümmerte ihn nicht. Er war kein Politiker. Er war Stadtbaumeister. Ein Macher. «Es gefiel ihm nicht, wenn ein Geschäft beim Stadtrat lag und er die Wege der Politik abwarten musste», sagt André Liniger, Leiter der Zentralen Dienste im Stadtbauamt. Aber alt Stadtammann Marcel Guignard attestiert ihm grosses Geschick in der Zusammenarbeit mit der Politik. Das sagen auch der heutige Regierungsrat Urs Hofmann und Beat Blattner, die als Stadträte beide lange mit ihm zusammengearbeitet haben. Loyal sei er gewesen, sagt Blattner, und ein eloquenter Argumentator. Als schlauer Fuchs habe er seine Projekte gut verkauft, sagt Hofmann, und mit seinen politischen Vorgesetzten Mehrheiten geschaffen.

Und wenn ihm die Entscheidungsträger trotz guter Argumentation nicht folgten, hat er das Beste daraus gemacht. «Er war nie nachtragend», sagt Guignard. Er machte lieber vorwärts.

Fast zu schnell sei er gewesen, so Guignard. Auch André Liniger berichtet: «Er war oft schneller als die Verwaltung, er forderte Tempo von uns.» Der Chef der Sektion Tiefbau, Thomas Pfister, bestätigt: «Er schaute, dass nichts liegen blieb, stand manchmal im Türrahmen und sagte: ‹Ich nehme das Papier grad mit.›» Das habe es gebraucht, sagt Pfister. «Er legte sich ins Zeug für die Stadt. Aarau lag ihm von Anfang an am Herzen. Das trieb ihn an.»

Von sich selbst sagt Felix Fuchs: «Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Aber damit kommt man nirgends gut an.» Also versuchte er, die Ungeduld nicht zu zeigen. Er besiegte sie, Projekt für Projekt. Das längste dauerte so lange wie sein Amt und war doch sein liebstes: Der Bahnhof, der ihn nach Aarau gelockt hatte. Kaum da, schlug Fuchs dem Stadtrat vor, für den Bahnhof-Neubau einen Wettbewerb auszuschreiben. 20 Jahre vergingen bis zur Einweihung.

«Lange Verfahren sind manchmal mühsam», sagt Fuchs, «aber es hat sich gezeigt, dass man, wenn man eine Entwicklung fördern will, nicht nur fünf, sieben Jahre bleiben kann.» Also blieb er in Aarau. Er fand die Situation bei der Arbeit nicht immer super, aber die Projekte schon. «Top spannend», sagt er.

Leidenschaft für Kräne und Bahn

Die Stadt und die Entwicklung waren seine Leidenschaft. «Er hatte Freude, wenn Baukräne in der Stadt standen», erinnert sich Marcel Guignard. «Er war mit Haut und Haaren Stadtbaumeister», sagt André Liniger. Jeden Tag betrat Fuchs um 6:45 Uhr das Rathaus, Sitzungen plante er gerne schon um 7 Uhr ein. Und wenn ihm etwas wichtig erschien, rief er auch aus den Ferien ins Rathaus an.

So sehr war er Stadtbaumeister, dass er selten über Privates redete. Humorvoll war er schon, er habe «eine gute Portion Unbeschwertheit» verbreitet, sagt Blattner. Aber Privates? Urs Hofmann berichtet von Abenden im kleinen Kreis in der «Laterne», doch auch da gings um die Zukunft der Stadt. Auch jetzt vor der Pensionierung will er nicht mehr preisgeben als dass er verheiratet ist, eine Tochter und einen Sohn hat. Die Tochter, so viel darf wohl verraten werden, ist als Journalistin auf der ganzen Welt zu Hause und ihr Vater hat sie mehrmals besucht, in Damaskus, in China. Er besitzt ausserdem eine einfache Alphütte in der Surselva, wo er sich auch mal zum Heuen zurückzieht.

Sonst widmet Felix Fuchs seine Freizeit der Eisenbahn. Als junger Mann hat er beschlossen, nicht Bahningenieur zu werden, sondern die Eisenbahn als Hobby zu pflegen. Jetzt ist er ein Fachmann der «Spur 0», einer doppelt so breiten Spur wie bei der gewöhnlichen Modell-Eisenbahn. Da werden die Modelle selber gebaut. Fuchs besitzt nur ein Testgleis, auf dem er seine Werke probefahren lässt. 2007 holte er Modellbauer aus ganz Europa nach Aarau: Er hatte dafür eine Halle im Werkhof reserviert.

Fuchs hat schon lange kein Auto mehr. Sobald er nach Aarau zog, verkaufte er es und fährt seither Zug und Velo. Wir stehen am Behmen bei den Veloständern, als er sagt und dabei selbst verwundert tönt: «Veloabstellplätze hat es immer zu wenige, man kommt nie nach.»

Er wollte Gebäude mit Wirkung

In der Vorderen Vorstadt deutet er auf das Kopfsteinpflaster mit Flicken. «Der Handlungsbedarf ist offensichtlich. Da kann man die Chance nutzen und die Gestaltung jener in der Rathausgasse angleichen.» Es ist Fuchs wichtig, wie die Stadt erscheint. Zwar konnte er selber nie im Detail eine Fassade gestalten, aber er versuchte, die richtigen Leitplanken zu setzen und war oft Jurymitglied, wenn es um die Auswahl eines Projektes ging. «Ich bedaure, dass er geht», sagt Thomas Pfister. Dabei sei er als Stadt-Ingenieur der «natürliche Feind» des Stadtbaumeisters gewesen. Bei Pfister standen Funktion und Unterhalt im Vordergrund, bei Fuchs die Gestaltung sowie Kosten und Nutzen.

Eben, dazu wollte Fuchs noch etwas sagen. Wir sitzen draussen vor dem «OscarOne» auf dem neuen Schlossplatz. Im Hintergrund der Schlössli-Anbau. «Es stört mich, wenn die Leute von einem Luxusprojekt reden», sagt Fuchs. Es sei selbstverständlich, dass er versuche, das Optimum raus zu holen. «Ein Museum braucht eine Ausstrahlung, das gehört zu seinem Zweck.» Und auch zum Pont Neuf sagt er: «Es ist das richtige Projekt, die Brücke stützt das Ortsbild wie keine andere.» Das gehöre auch zu seinem Auftrag. Qualität und Ortsbild könne man nicht einfach unter den Tisch kehren. Gerade deshalb hat er als junger Stadtbaumeister die Stadtbildkommission ins Leben gerufen. Er findet: «Ein Bauwerk mit Ausstrahlung gehört zum Stolz einer Stadt und trägt zum Wohlbefinden der Bevölkerung bei.» Ausserdem sei eine gute Baukultur ein Wirtschaftsfaktor.

Ruhen wird er nicht

Felix Fuchs lässt sich ein Jahr früher pensionieren. Die Gründe dafür seien auch private, aber vor allem sei es ein guter Moment. Sein Büro hat er nach dem Maienzug geräumt, bezieht jetzt noch Ferien, offiziell pensioniert ist er Ende September. Und dann? «Was macht er, wenn er nicht mehr bei uns arbeiten kann?», fragen sich die Mitarbeiter des Stadtbauamtes. «Es ist ein komisches Gefühl», sagt Fuchs selber. Jedenfalls wolle er nicht auf der faulen Haut liegen. Nur Modelleisenbahnen bauen und den im Frühling geborenen Enkel betreuen, das kommt also nicht infrage. Er geht davon aus, dass er als Berater, Jurymitglied und Referent noch zu 50 Prozent weiter beschäftigt ist.

Ist er denn zufrieden, mit der Stadt, die er hinterlässt? Das müssten andere beurteilen, sagt er. «Ich habe noch zu wenig Distanz, um zu sehen, ob die Bilanz gut ist oder nicht.»

Aktuelle Nachrichten