Stadtammann Marcel Guignard steht in seinem letzten Amtsjahr. Die Arbeit nimmt darauf keine Rücksicht, sie wird nicht weniger. Dieses Jahr erwartet Guignard den Entscheid für die Erweiterung des Bahnhofgebäudes Richtung Osten. Bei der Kunsteisbahn scheint der Durchbruch geschafft, sodass Anfang 2014 mit Bauen begonnen werden könnte. Zu Guignards besonderem Highlight dürfte der Startschuss für den Bau des neuen Stadions im Torfeld Süd werden.

Herr Guignard, Sie stehen am Anfang Ihres letzten Amtsjahres. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Marcel Guignard: Durchmischt. Einerseits kommt etwas Wehmut auf, wenn ich daran denke, dass in einem Jahr eine ausserordentlich spannende und aktive Zeit zu Ende geht, anderseits verspüre ich auch Gwunder, wie ich die Zeit danach erleben werde. Und ich freue mich, Manager der eigenen Zeit und nicht mehr von einer fremdbestimmten Agenda getrieben zu sein.

Welches persönliche Ziel haben Sie für dieses letzte Amtsjahr gesetzt?

Ich möchte mit voller Kraft und Engagement die anstehenden Geschäfte vorantreiben und meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger einen in jeder Hinsicht aufgeräumten Arbeitsplatz hinterlassen.

Welches Projekt, welches Thema hat Sie rückblickend am meisten gefordert?

Der Bahnhof. Als ich das Amt von Markus Meyer übernahm, standen der zweite Stadttunnel, die Erneuerung der Perronanlagen und der Ausbau der Strecke Aarau-Rupperswil auf vier Spuren vor der Realisierung. Der Ersatz des alten Bahnhofgebäudes stand noch in weiter Ferne. Mit dem neuen Bushof und der Neugestaltung des Bahnhofplatzes wird das Dossier noch nicht ganz geschlossen. Den Entscheid für die zweite Etappe, die Erweiterung des Bahnhofgebäudes Richtung Osten, erhoffe ich für dieses Jahr. Während meiner Amtszeit nicht fertig werden der Zugang zum Bahnhof von Süden und das Veloparking, wo die Bauarbeiten begonnen haben.

25 Jahre lang hat Sie das Projekt Bahnhof beschäftigt, das ist eine lange Zeit.

Ja, und es zeigt, dass gewisse komplexe Geschäfte mitunter enorme Zeit beanspruchen, nicht nur Zeit, auch Durchhaltewillen und Kraft, zumal man die Realisierung solcher Vorhaben nicht in der eigenen Hand hat und immer auch auf Partner angewiesen ist.

Nicht immer ist schlecht geworden, was lange gedauert hat.

Natürlich kann die Zeit ein Projekt optimieren. Ob es dafür aber gerade 25 Jahre und mehr braucht? Das ursprüngliche Projekt von Theo Hotz wurde nicht wesentlich verändert, es hat sich in seinen Grundzügen in betrieblicher Hinsicht und bezogen auf das Erscheinungsbild bewährt.

Im Entwicklungsleitbild der Stadt Aarau wird die Stärkung der Region gefordert. Als Vision wird eine Stadt mit gesamtschweizerischer Ausstrahlung und 100'000 Einwohnern postuliert. Ein Luftschloss?

Mich trieb immer die Überzeugung an, dass wir als Zentrumsgemeinde alles Interesse daran haben müssen, mit den Nachbarn ein gutes Einvernehmen zu haben. Mein Ziel war und ist es, die Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden zu stärken und die Türen für Fusionen zu öffnen. So gesehen war die Fusion Aarau Rohr am 1. Januar 2010 ein Meilenstein.

Die Stadt Aarau hat letztes Jahr die Gemeinden der Region angefragt, ob sie zu einer engeren Zusammenarbeit bereit sind. Ermutigt Sie das Feedback der Gemeinden?

Eine grosse Zahl von Nachbargemeinden hat die Absichtserklärung unterschrieben. Sie erklären damit ihre Bereitschaft, die Grundlagen zur Stärkung der Region zu erarbeiten. Damit wird kein Fusionsentscheid vorweggenommen, das Ziel am Horizont kann eine Fusion sein, muss aber nicht.

Eine grosse Zahl von Gemeinden hat unterschrieben, sagen Sie, also nicht alle.

Angeschrieben waren die Gemeinden des Planungsverbandes der Region Aarau PRA, also auch Gemeinden im Kanton Solothurn. Nicht unterschrieben haben die Solothurner Gemeinden Erlinsbach SO, Eppenberg-Wöschnau und Gretzenbach sowie Buchs und Gränichen. Suhr ist noch offen, beteiligt sich aber an den weiteren Vorarbeiten. Das ist gesamthaft gesehen ein erfreuliches Resultat.

Man hat nicht den Eindruck, dass die Zeit günstig ist für Fusionen. Der Widerstand gegen die Gemeindereform des Regierungsrates war gross. Im Februar 2008 haben über 100 Gemeinden die Resolution von Wohlenschwil für mehr Gemeindeautonomie unterschrieben.

Und doch hat sich in der Aargauer Gemeindelandschaft einiges getan. Denken Sie an Brugg-Umiken, Bözberg, Mettauertal oder Oberflachs-Schinznach Dorf. Es gibt Beispiele mehr. Gut ist, dass sich die Diskussion versachlicht hat. Es ist halt so wie bei vielem in der Schweiz, man geht den Weg in helvetischer Manier Schritt für Schritt.

Wo liegt das grundsätzliche Problem, das Ihrer Meinung nach einen Zusammenschluss der Gemeinden nötig macht?

Die Gemeinden zersplittern sich in Kooperationen und Verbänden. Ob Abwasser, Schule, Feuerwehr, Polizei, Zivilstandsamt, jeder Aufgabenbereich wird für sich, wenn möglich noch in unterschiedlicher Beteiligung der Gemeinden in Gemeindeverbänden oder mittels Gemeindeverträgen bewältigt. Das stärkt weder die Gemeindeautonomie noch die demokratische Mitwirkung.

Ein Thema, das Sie auch dieses Jahr umtreibt, ist der städtische Finanzhaushalt. Aus der laufenden Rechnung kann nur noch ein kleiner Teil der wachsenden Investitionen finanziert werden. Die Stadt zehrt am Vermögen.

Das ist so, die Selbstfinanzierung aus der laufenden Rechnung muss deutlich über 10 Mio. Franken, lieber bei 15 Mio. Franken liegen. Mit dem Stabilisierungsprojekt Stabilo 1 haben wir im Budget 2012/2013 Massnahmen getroffen, die sofort wirksam werden. Nun muss neben Kostenoptimierungen und Effizienzsteigerungen auch eine inhaltliche Diskussion geführt werden. Mit Stabilo 2 werden deshalb auch Investitionen und Aufgaben unter die Lupe genommen.

Die linken Parteien befürchten, dass die Stadt dabei verlieren wird.

Der Einwohnerrat ist gespalten. Die linke Ratshälfte befürchtet, dass die Qualität der Stadt unter dem Spardiktat leidet, die bürgerliche Ratshälfte erhofft sich mit einem effizienten und kostenbewussten Umgang der Einnahmen, einen positiven Saldo für mehr Handlungsspielraum.

Wenn der Stadtrat mit Stabilo 2 Aufgaben und Investitionen notgedrungen auf Einsparpotenzial abklopft, so droht doch genau das, was die linken Parteien befürchten.

Während der Arbeit am Projekt Stabilo 2 kann ja die Erkenntnis wachsen, dass wir A wollen und also auch B sagen müssen. Stabilo 2 ist nun aufgegleist, damit diese Diskussion konkret geführt wird. Die Einwohnerratsfraktionen sind eingebunden und reden in der Begleitgruppe mit.

Die Stadt Aarau hat viele happige Bauprojekte in der Pipeline. Bei manchen harzt es. Geben Sie dieses Jahr den Startschuss für das Stadion?

Noch sind Einwendungen gegen die Baugesuche der Stadion-Bauherrschaft hängig. Doch hinter den Kulissen wird fleissig gearbeitet: Die Betriebsgesellschaft wird gegründet, der Kaufvertrag für den Miteigentumsanteil am Stadion ausgehandelt. Ich hoffe, dass noch dieses Jahr mit dem Bau begonnen werden kann.

Ein Durchbruch wäre auch bei der Kunsteisbahn Keba nicht nur fällig, sondern überfällig.

Die erforderlichen Baubewilligungen für die Keba und die Fussballtrainingsfelder Brügglifeld sind nach Beschwerdeentscheiden des Kantons soeben rechtskräftig geworden. Der Baubeginn ist voraussichtlich anfangs 2014.

Einweihung Bahnhofplatz und Bushof, Baubeginn Stadion, das wären zünftige Highlights am Ende ihrer Karriere. Welche Meilensteine stehen noch auf ihrer Agenda?

Etliche. Baubeginn Schulhauserweiterungen, Konzessionserneuerung Aarekraftwerk IBAarau, Inbetriebnahme Aaredüker, Baubeginn für weitere Wohnüberbauungen in der Aarenau. Darüber hinaus gilt es, die Ergebnisse der Entwicklungskonferenz Altstadt umzusetzen sowie die Massnahmen des Gegenvorschlags zur Esak-Initiative Energiestadt Aarau Konkret festzulegen. Im Stadtteil Rohr soll Tempo 30 eingeführt werden. Lanciert ist die Revision der Bau- und Nutzungsplanung.

Herr Guignard, in welchem Zustand ist Ihre Stadt?

Aarau hat an Ausstrahlungskraft gewonnen, kantonal und national, und ist im Dreieck der grossen Nachbarn Zürich, Bern und Basel gut positioniert. Auch im Vergleich mit den Städten ähnlicher Grösse schneidet Aarau bezüglich Lebensqualität, wirtschaftlicher Stärke und Infrastrukturanlagen gut ab. Auch das äussere Bild unserer Stadt hat sich stark verändert, sie macht sich gut und ist auf gutem Weg, wie das auch die Entwicklung im Torfeld Süd zeigt.