Analyse
Stadt- und Gemeindewahlen im Westaargau: Über die Bücher muss vor allem die SVP

Urs Helbling
Urs Helbling
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Am Sonntag stimmte der Aargau ab.

Am Sonntag stimmte der Aargau ab.

Das traditionell bürgerliche Aarau hat künftig eine Mitte-Links-Regierung. Auch in Suhr hat neu ein Bündnis aus Mitte-Links-Parteien (Zukunft Suhr) das Sagen. In Küttigen stellen die Sozialdemokraten neu den Gemeideammann. Im Gemeinderat Unterentfelden gewannen die Genossen ein Mandat dazu (auf Kosten der FDP) und in Gränichen gelang ihnen der Wiedereinzug in die Dorfregierung. Ja, der Westaargau ist gestern ein Stück weit nach links gerutscht. Für die Bürgerlichen gab es nur ganz wenige Lichtblicke: Ein solcher war der Gewinn des zweiten Sitzes durch die FDP im Stadtrat Lenzburg.

Bei den Freisinnigen heben sich Gewinne und Verluste in etwa auf. In Suhr, der drittgrössten Gemeinde (nach Aarau und Zofingen) des Westaargaus, schafften sie es nicht einmal, einen Kandidaten für das Gemeindepräsidium (Nachfolge Beat Rüetschi) aufzustellen. Dafür wurde ihr Markus Bircher in Oberentfelden zum Ammann. Ob Seon künftig von einem FDP-Mann geleitet wird, entscheidet sich erst im zweiten Wahlgang: Der SVP-Kandidat hat sich allerdings gestern eine bessere Ausgangsposition verschafft. Chancen, ein Gemeindepräsidium zu gewinnen, haben die Freisinnigen auch in Menziken. Aber auch dort muss sich ihr Vertreter im zweiten Wahlgang gegen einen SVP-Vertreter durchsetzen.

Schon das Vorspiel zum Wahlwochenende verlief für die SVP enttäuschend. In Erlinsbach (Markus Lüthy), Küttigen (ihr ehemaliges Mitglied Dieter Hauser) und Oberentfelden (Markus Werder) fand sie keine Kandidaten, mit denen sie ihre Sitze hätte verteidigen können. In Schafisheim brachte sie Roland Huggler als Nachfogler von Adolf Egli durch. Und in Othmarsingen gewann sie mit Hans Rätzer ein Ammann-Amt dazu. Einer der Ihren steht neu auch Birrwil vor (Max Härri).

Das waren aber die einzigen Lichtblicke für die SVP am gestrigen Sonntag. Denn sie erlitten einige schwere Niederlagen. So verlor die SVP ihren einzigen Sitz im Stadtrat Aarau. Der Leitende Staatsanwalt Simon Burger konnte den Sitz von Regina Jäggi (ehemalige Frau Gemeindeammann von Rohr) nicht verteidigen. Eine bittere Niederlage ist zudem die Nichtwahl von Beat Woodtli in Suhr. Der in Feuerwehrkreisen bestens verankerte Woodtli hätte der Suhrer SVP, die seit Jahren für ein Gemeinderatsmandat kämpft, zu einem Sitz verhelfen sollen.

Der SVP erging es in Aarau und Suhr gleich wie im Frühsommer in Zofingen und Oftringen: Sie versagte bei Exekutivwahlen. Das muss der Partei zu denken geben. Denn – abgesehen von Oftringen (wo ein altgedienter SVP-Mann den Abgang verpasste) – ist sie mit Kandidaten angetreten, die wählbar erschienen. Auf die Länge dürfte es nicht gut sein, wenn immer mehr mittelgrosse Gemeinden und Städte keine SVP-Vertretung mehr in der Regierung haben. Jedenfalls entspricht es nicht unserer bisherigen politischen Kultur. Schon gar nicht in einem Kanton, in dem die SVP bei Parlamentswahlen zwischen 30 und 40 Prozent Stimmenanteil zu erreichen pflegt.

Eine der Hoffnungsträgerinnen der SVP war Michelle Rütti. Sie ist Vizepräsidentin der Kantonalpartei und im nationalen Parteivorstand. Die 32-Jährige schien eine blendende politische Karriere vor sich zu haben. Doch gestern gabs für die ambitionierte Frau eine schwere Niederlage. Sie ist an ihrem neuen Wohnwort Meisterschwanden auf der ganzen Linie durchgefallen. Ob sie sich bis zu den Nationalratswahlen 2019 von diesem Rückschlag erholen wird? Es ist wahrscheinlich, dass Michelle Rütti längere Zeit etwas kleinere Brötchen backen muss, als ihr lieb ist. Und es besteht die Gefahr, dass sie in den bevorstehenden Jahren der Ochsentour die Lust am Politisieren verlieren wird.

Für die Frauen verlief das Wahlwochenende zwar nicht enttäuschend, aber es gab auch keine markanten Fortschritte. Fest steht: Sie haben die Mehrheit in der Stadtregierung von Aarau verloren. Und sie werden in der grössten Aargauer Stadt künftig auch nicht mehr die Präsidentin stellen (aktuell Jolanda Urech). Angelica Cavegn Leitner (Pro Aarau) wurde vom SP-Kandidaten Daniel Siegenthaler so klar distanziert, dass sie am 26. November nicht mehr antreten wird. In Lenzburg musste die SP-Kandidatin Beatrice Burgherr dem Freisinnigen Andreas Schmid den Vortritt lassen. Hier war offensichtlich die Generationenfrage (Jugend) wichtiger als die Frauenfrage. Obschon die Frauen Aarau verloren haben, haben sie wenigstens Erlinsbach (Monika Schenker) und Holziken (Jacqueline Hausmann ) gewonnen. In beiden Gemeinden stellen sie neu die Präsidentin. Und im SVP-Dorf Holziken haben die Frauen neu die Mehrheit im Gemeinderat.

Ein Amt in einem Gemeinderat scheint für Junge immer weniger attraktiv zu sein. Möglicherweise wegen der zeitlichen Beanspruchung. Sicher gilt das für das Amt des Gemeindeammanns. Das wird immer mehr zu einer Aufgabe, die sich besonders für Männer um die 60 eignet. Also für Menschen, die ihren beruflichen Zenit überschritten haben, sich aber noch fit für eine neue Aufgabe fühlen. Allenfalls bereits (früh-)pensioniert sind, also Zeit für ein politisches Mandat haben. Aktuelle Beispiele sind Roland Huggler (Schafisheim), Peter Stirnemann (Gränichen) oder Willy Wenger (Biberstein).

Ein Fazit des Marathonsonntages? Erstens gelang es, was keine Selbstverständlichkeit ist, in nahezu allen Dörfern und Städten (Ausnahmen: Leutwil. Menziken und Uerkheim) genügend Gemeinderäte zu finden. Zweitens deutet nichts darauf hin, dass das künftige politische Personal schlechter wäre als das bisherige. Und drittens sind die Sachzwänge ohnehin wichtiger als die politischen Präferenzen der Gewählten.