Aarau
Sprengmeister Weber: «Wenn es schiefläuft, bin ich der Depp der Nation»

Walter Weber aus Erlinsbach AG sprengt in der Nacht auf morgen Freitag den Rockwell-Turm, Gattin Brigitte ist seine engste Mitarbeiterin – ein explosives Familienunternehmen! Weber gibt zu: In der kommenden Nacht wird er nervöser sein als sonst.

Toni Widmer
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Walter und Brigitte Weber mit dem 3-jährigen Damian und Schäfer-Rüde Yankee.Toni Widmer

Walter und Brigitte Weber mit dem 3-jährigen Damian und Schäfer-Rüde Yankee.Toni Widmer

«Mein Hobby?» Walter Weber zeigt auf den nackten Rockwell-Turm und sagt: «Das da! Gebäude sprengen ist nicht nur mein Beruf, das ist mein Leben.»

In der 15 Jahre jüngeren Gattin Brigitte hat der 48-Jährige eine Partnerin gefunden, die seine Leidenschaft teilt. Auch sie hat eine Sprengausbildung.

Und wenn in der Freitagnacht um 2 Uhr mit drei kurzen Hornstössen die bevorstehende Detonation der rund 1500 angebrachten Ladungen im 47-jährigen Hochhaus angekündigt wird, drückt anschliessend nicht ihr Mann, sondern sie selber den Knopf.

Einen zweiten betätigt Arnaud Gächter, Chef Pyrotechnik in Webers GU Sprengtechnik AG.

Die Schweiz schaut auf Aarau

Die kommende Nacht ist eine Nacht der Superlative: So sicher, wie es das erste Mal ist, dass in der Schweiz ein Hochhaus gesprengt wird, so kühn kann man behaupten, dass Aarau noch nie so im Fokus der gesamtschweizerischen Öffentlichkeit stand. Bei der Immobilienfirma Mobimo, die sich von ihrem Objekt «Sprecherhof» knall auf fall trennt, seien sehr viele Medienanfragen eingegangen. «Das Interesse ist riesig», sagt Mobimo-Sprecherin Christine Hug.

Auch die «Nordwestschweiz» wird am Samstag in der Print-Ausgabe umfassend über die Sprengung berichten. Auf unserer Website www.aargauerzeitung.ch und auf den az-Apps läuft die Berichterstattung zeitgleich mit den Ereignissen vor Ort in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Unsere Reporter beliefern die Nachtschwärmer unter den Leserinnen und Lesern mit einem Online-Liveticker und einem Video-Livestream. Kurze Zeit nach der Sprengung erfahren Sie alle News, Fakten und Hintergründe zur Sprengung auf www.aargauerzeitung.ch.

Tele M1 strahlt am Freitagmorgen um 7 Uhr eine viertelstündige «Aktuell»-Sondersendung aus. Sie wird bis 8 Uhr und zwischen 12 und 13 Uhr viertelstündlich wiederholt, zwischen 8 und 12 Uhr stündlich. (trö)

«Das muss einfach rund laufen»

Letztlich ist es doch der Chef, der die landesweit erste Gebäudesprengung dieser Dimension auslöst. Bevor Brigitte und Arnaud die Knöpfe drücken können, muss das Steuergerät aktiviert werden. Den Schlüssel dazu hat Walter Weber.

Er gibt zu, dass ihn die Sprengung doch etwas stärker beschäftigt, als ihn die bisherigen Gebäudesprengungen mit ähnlichem Ausmass im Ausland beschäftigt haben: «Es ist ein Referenzobjekt. Wir wollen zeigen, dass man auch in der Schweiz grosse Gebäude auf diese Art gefahrlos zurückbauen kann. und schon deshalb muss es ganz einfach rund laufen.»

«Man muss das Gebäude spüren»

Der erfahrene Spezialist ist überzeugt, dass die Sprengung rund läuft. Er hat sich während Monaten seriös vorbereitet.

«Man muss sich an ein Gebäude herantasten, es kennen lernen und spüren», sagt er. Das Unterfangen beginnt mit einem ersten Augenschein und vielen weiteren Besuchen vor Ort. Auch die Bau- und Ausführungspläne aus dem Jahr 1966 hat Weber ausführlich studiert.

«Leider entspricht die Realität am Bau nicht immer den Plänen», sagt er.

Und so schaut er sich Mauer für Mauer und Stütze für Stütze genau an, testet die Festigkeit des Betons anhand von Bohrkernen und lässt Öffnungen in Decken und Wände meisseln, um herauszufinden, wie die Armierung verläuft.

Schicken Sie uns Ihre Fotos der Sprengung

Wenn das Rockwell-Gebäude in der kommenden Nacht gesprengt wird, dürften zahlreiche Schaulustige Zeuge der einmaligen Aktion werden. Dazu wurden extra Zuschauerzonen eingerichtet – in sicherer Entfernung zum grossen Knall. Wenn Sie ein Handy dabei haben und Ihnen ein guter Schnappschuss gelingt, freut sich die az-Redaktion auf Ihre Zusendungen. Schicken Sie uns entweder ein MMS, das mit dem Wort REPORTER beginnt, an die Nummer 959, oder schicken Sie ein Mail an mobile@aargauerzeitung.ch. Die besten Fotos werden in der Aargauer Zeitung am Samstag publiziert.

Wenn 4 und 4 plötzlich 10 ergibt

Aus den gewonnenen Erkenntnissen resultiert der Ladeplan. Weber berechnet, welche Stütze und welche Mauer wie fallen muss, damit das Gebäude wie geplant in sich zusammenstürzt.

Das Konzept dazu steht in keinem Lehrbuch. «Es braucht jahrelange Erfahrung. Man steigert sich von leichten zu immer schwierigeren Objekten und lernt damit Schritt für Schritt, ein Gebäude richtig zu lesen.»

Absolute Sicherheit gibt es laut Walter Weber dennoch nie. Köbi Keller, einer von Webers Mitarbeitern mit über 30 Jahren Erfahrung, sage jeweils: «4 und 4 gibt beim Sprengen nicht 8, es gibt zwischen 6 und 10. Aber wir versuchen stets, möglichst nahe an die 8 heranzukommen.»

Und wenn 4 und 4 bei der Sprengung am Freitag 10 gibt? «Viel könnte nicht passieren», sagt Walter Weber.

Auch wenn es Abplatzungen geben und deshalb Trümmerstücke etwas weiter fliegen sollten, ist die Gefährdung von Menschenleben ausgeschlossen.

Vorausgesetzt, die Sperrzonen werden beachtet. Nicht ausschliessen könnten wir jedoch allfällige kleinere Gebäudeschäden.»

Ein Ur-Aargauer

Walter Weber ist in Rothrist aufgewachsen und führt mittlerweile sein eigenes Unternehmen in Erlinsbach AG.

Weber hat Tiefbau- und Eisenbetonzeichner gelernt. Nach einem kurzen Ausflug in den Sicherheitsdienst bildete er sich zum Bauleiter und später zum Bauingenieur weiter.

Der erste Sprengfunke zündete, als er in seinem Nebenamt als Mitglied im Zentralvorstand des Schweizerischen Baukaderverbandes eine Weiterausbildung organisierte: «Es ging um das Sprengen. Der Vortrag von Kursleiter Marco Zimmermann hat mich total gefesselt und das Thema schliesslich nicht mehr losgelassen.»

Marco Zimmermann (heute bei der Swissbohr tätig) war dann auch sein Mentor beim Einstieg in die neue Branche.

Walter Weber sammelte erste Erfahrungen und bildete sich nach und nach zum eidgenössisch diplomierten Sprengfachmann aus. Seine erster selbstständiger Auftrag war die Fällung eines 90 Meter hohen Kamins bei Roche in Genf.

Inzwischen ist Weber im In- und Ausland als Sprengspezialist anerkannt, sein explosives Familienunternehmen floriert.

Trotz grosser Erfahrung und seriöser Vorbereitung ist Weber im Hinblick auf Freitagnacht etwas nervöser als sonst: «Ich sprenge ein grosses Objekt vor meiner Haustür. Das ist toll. Aber es hat zwei Seiten. Geht es gut, bin ich der Held. Klappt etwas nicht, bin ich der Depp der Nation.»

Das Rockwell-Hochhaus in Aarau ist zur Sprengung bereit
17 Bilder
Das Rockwell-Hochhaus ist zur Sprengung bereit: Die exklusive Sicht über das verschneite Aarau
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Rockwell Sprengung, die Vorarbeiten sha (16)
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Im Hintergrund sind die eingespitzten Löcher zu sehen, in denen die Sprengkörper montiert werden
Die eingespitzten Löcher, in denen die Sprengkörper montiert werden
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Hochoben wird gearbeitet: Bauarbeiter entfernen nach und nach die Gerüste
Die Bestätigung für die Bauarbeiter: Die Stockwerke sind leer geräumt
Nur noch die Grundmauern sind vom ehemaligen Sprecher & Schuh-Hochhaus zu sehen

Das Rockwell-Hochhaus in Aarau ist zur Sprengung bereit

Silvan Hartmann