Aarau

Später Ladenschluss sorgt bei kleinen Geschäften für rote Köpfe

Längere Öffnungszeiten sind für kleinere Geschäfte im Einkaufszentrum Telli schwer zu stemmen.

Längere Öffnungszeiten sind für kleinere Geschäfte im Einkaufszentrum Telli schwer zu stemmen.

Das Einkaufszentrum Telli ist neu bis 20 Uhr offen – das stellt kleine Geschäfte vor Probleme. Sie kritisieren, dass ihnen die Verlängerung nur finanziellen Mehraufwand für Personal und Energie bringe, nicht aber zusätzlichen Umsatz.

Seit dem 1. Januar gelten im Einkaufszentrum Telli in Aarau verlängerte Öffnungszeiten: Statt wie bisher von 9 bis 19 Uhr ist das Zentrum werktags bis 20 Uhr geöffnet. Ausserdem kann man im Coop neu bereits ab 8 Uhr einkaufen.

Damit gibt es nicht nur Lebensmittel bis 20 Uhr zu kaufen, sondern beispielsweise auch neue Jeans, Gummistiefel, Halswehtabletten, einen Füllfederhalter oder ein Bügeleisen. Wer möchte, kann sich auch eine Frisur schneiden, die Hosenbeine kürzen lassen oder die Sommerferien buchen.

Was viele Kunden freut und bei Geschäften mit Lebensmitteln durchaus sinnvoll sein kann, ist für die kleineren Fachgeschäfte nicht einfach zu schlucken. «Die Erfahrung zeigt, dass die über die letzten Jahre stetig ausgedehnten Öffnungszeiten nur finanziellen Mehraufwand für Personal und Energie aber keinen zusätzlichen Umsatz generiert haben.

So war auch der bisherige Abendverkauf am Donnerstag noch nie ein lohnendes Geschäft für uns», sagen beispielsweise Felix und Brigitte Horlacher von der Telli-Apotheke. Das Zentrum habe eine gute Kundenfrequenz bis etwa 18.30 Uhr, danach laufe praktisch nichts mehr.

«Arbeitsstunden nach 17 Uhr sind wenig beliebt»

Das bestätigen auch andere Geschäftsinhaber: «Vor dem Zubettgehen will keiner eine neue Frisur haben», sagt Monika Schiess vom Coiffeur «FrisurenFabrik». Beim Reisebüro Knecht tönt es ähnlich: «Zusätzliche Buchungen haben wir bisher nicht, die Kunden holen nach 19 Uhr höchstens ihre Reiseunterlagen ab», sagt Reiseberaterin Stephanie Müller.

Es ist nicht das einzige Problem: Als Arbeitgeber verlieren die Geschäfte im Zentrum an Attraktivität. «Arbeitet man bis 20 Uhr, reicht es nicht mehr fürs Kino, fürs Konzert, einen Sprachkurs oder das Abendessen mit der Familie. Das soziale Leben leidet», sagt Felix Horlacher.

Und Brigitte Horlacher ergänzt: «Man spricht immer vom Kundenbedürfnis – dass das Verkaufspersonal auch Bedürfnisse hat, geht dabei vergessen.» Wollen Fachgeschäfte Erfolg haben, so seien sie auf qualifizierte Mitarbeiter angewiesen, sagt Brigitte Horlacher. «Wie gut diese zu finden und zu halten sind, hängt auch von den Arbeitszeiten ab. Arbeitsstunden nach 17 Uhr und am Samstag sind wenig beliebt.»

Auf Antrag der Ladenketten

Der Frust bei den kleinen Geschäften ist gross. Peter E. Renggli, Kommunikationsbeauftragter der zentrumsinternen Mietervereinigung, räumt ein, dass die Verlängerung für grosse Geschäfte einfacher zu stemmen sei, als für kleine.

Er verweist aber auch auf das Jahr 2009, als der Ladenschluss von 18.30 auf 19 Uhr verlegt wurde: «Da regte sich ebenfalls Widerstand, und kurz darauf zeigte sich, dass es eine gewonnene halbe Stunde war.»

Auch Stefan Küchler von der PSM Center Management AG, die das Einkaufszentrum verwaltet, kann die Bedenken aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehen. «Wir sind uns der Auswirkungen auf die Geschäfte bewusst. Aber wir wollen uns an die geänderten Kundenbedürfnisse anpassen, damit wir auch in Zukunft im immer stärker werdenden Konkurrenzkampf bestehen können.»

Die jetzige Verlängerung habe man laut Renggli auf Antrag verschiedener Ladenketten geprüft und vor die Mietervereinigung gebracht. Man habe sich dabei auf die Erfahrungen aus Einkaufszentren in anderen Kantonen gestützt sowie die Entwicklungen in anderen Zentren oder an den Bahnhöfen berücksichtigt. Der Vorstand der Mietervereinigung habe schliesslich im September beschlossen, die verlängerten Öffnungszeiten einzuführen, so Renggli.

Flexible Öffnungszeiten abgelehnt

In einem Brief an die Verwaltung schlugen die kleineren Geschäfte daraufhin vor, unterschiedliche Öffnungszeiten – Lebensmittel bis 20 Uhr, Non-Food bis 19 Uhr – einzuführen.

So, wie es laut Brigitte Horlacher auch in verschiedenen Einkaufszentren und unter anderem auch am Bahnhof Aarau praktiziert werde. Doch die Verwaltung lehnte die Anfrage ab. «Allen Geschäften wurden einheitliche Öffnungszeiten diktiert, ohne auf unsere Argumente einzugehen. Einzig der Post wurden kürzere Öffnungszeiten zugestanden», so Horlacher.

Renggli erklärt: «Für ein Einkaufszentrum ist es tödlich, wenn die einzelnen Geschäfte verschiedene Öffnungszeiten haben. Die Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass jedes Geschäft offen ist.»

Den Sonderfall der Poststelle, die weiterhin um 18 Uhr schliesst, begründet Renggli damit, dass man einen Kompromiss hätte eingehen müssen, um die Post zugunsten der Telli-Bewohner im Zentrum zu halten.

Jaisli-Beck leistet Widerstand

Evelina Balett, seit April Geschäftsführerin im Royal Bistro, nimmt die verlängerten Öffnungszeiten relativ gelassen: «Sobald es sich herumgesprochen hat, dass wir abends länger geöffnet haben, hoffe ich, dass die Besucher des Einkaufszentrums auch ins Bistro kommen.»

Offenen Widerstand leistet Beat Jaisli: Er lässt seine Bäckerei weiterhin um 19 Uhr schliessen. «Erstens bringen diese verlängerten Öffnungszeiten nichts, zweitens will ich mich gegen die Vorgehensweise der Verwaltung wehren, die uns kleinen Betriebe in diesen Entscheid nicht involviert hat.»

Die Verwaltung habe sich bereits bei ihm gemeldet, einfach einknicken will er aber nicht. «Ich warte jetzt ab, was passiert.»

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