Täter statt Opfer
Sozialfall wollte mit Überfall-Märchen seine Versicherung abzocken

Das Bezirksgericht Aarau hat einen Anzeigeerstatter wegen versuchten Versicherungsbetrugs verurteilt. Der vorbestrafte Sozialhilfeempfänger hatte behauptet, überfallen und ausgeraubt worden zu sein.

Ueli WIld
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Vier Jugendliche aus Bern griffen in Berlin ein Paar an (Symbolbild)

Vier Jugendliche aus Bern griffen in Berlin ein Paar an (Symbolbild)

Keystone

Ende der 80er-Jahre wars, als Ricky (Name geändert) zum ersten Mal mit Heroin in Kontakt kam. Beim Zelten am Hallwilersee fing alles an. 13 oder 14 war er damals. An einem Feuer wurde der Stoff auf Folien geraucht. «Der Scheiss hat mein Leben kaputtgemacht», sagte Ricky vor dem Bezirksgericht. Diverse Verurteilungen wegen Fahrens ohne Führerschein, wegen Irreführung der Rechtspflege, Diebstahl und versuchtem Raub kamen im Verlauf der Jahre zusammen. Und immer wieder finden sich – bis 2014 – Strafregistereinträge wegen Betäubungsmitteldelikten.

Vor dem Aarauer Bezirksgericht musste Ricky, der ausgesteuert ist und von der Sozialhilfe lebt, aber nicht wegen Drogengeschichten antraben. Der gravierendste Vorhalt war der des versuchten Betrugs. Im November 2014 meldete Ricky seiner Versicherung, er sei zwei Wochen zuvor in der Aarauer Bahnhofunterführung das Opfer eines Raubüberfalls geworden. Ein ihm unbekannter dunkelhäutiger Mann mit Rasta-Frisur habe ihn angerempelt und geschubst. Er habe versucht, ihm sein Portemonnaie und sein iPhone zu entreissen, das dabei beschädigt worden sei. Der Mann habe ihm einen Faustschlag versetzt und ihm einen Umschlag mit Bargeld in der Höhe von 1450 Franken entwendet. Um fünf Uhr abends sei das passiert und kein möglicher Zeuge habe sich gerade in der Unterführung aufgehalten.

Die Versicherung erklärte Ricky, dass er einen Polizeirapport einreichen müsse, damit ihm der Schaden vergütet werden könne. Hierauf ging Ricky zur Kantonspolizei in Aarau und erstattete – zweieinhalb Wochen nach dem geschilderten Vorfall – Anzeige. Die Kapo veröffentlichte einen Zeugenaufruf, kam jedoch zum Schluss, der in der Anzeige beschriebene Hergang des Ereignisses und die Geschichte mit dem gestohlenen Couvert stimmten so nicht. Ricky habe die Entwendung von 1450 Franken erfunden, um sich zulasten seiner Versicherung unrechtmässig zu bereichern.

Die Versicherung erstattete Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, die Ricky auch die Entwendung eines Motorfahrzeugs zum Gebrauch und das Führen eines solchen trotz Entzug des Führerausweises vorhielt, beantragte, Ricky sei schuldig zu sprechen und zu einer unbedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 90 Franken zu verurteilen.

Von Ex-Freundin belastet

Im April 2016 wurde Ricky in dieser Sache zu einem ersten Gerichtstermin aufgeboten. Er erschien damals aber nicht – im Gegensatz zu seiner früheren Freundin, die ihn schwer belastete. Ursprünglich hatte auch sie seine Geschichte gestützt, doch dann «kippte» sie. Laut Ricky hätte mit den von ihm als gestohlen gemeldeten 1450 Franken eine Ferienreise bezahlt werden sollen. Das Geld wollte er in einem Sparschwein gelagert haben.

Seine Ex sagte dem Gericht im April aber, sie hätten sich damals vom Reisebüro übers Ohr gehauen gefühlt, und in seiner Wut sei Ricky auf die Idee verfallen, sich dafür bei der Versicherung schadlos zu halten.

Als Ricky dies, als er nun zur zweiten Verhandlung erschien, aus dem Mund von Gerichtspräsident Reto Leiser vernahm, sagte er: «Entschuldigung, es kocht in mir.» Und als er auch noch damit konfrontiert wurde, dass die Ex das Vorhandensein eines Sparschweins in seinem Schlafzimmer bestritten hatte, befand er: «Das ist also schon dreckig von ihr.»

Zahlreiche Ungereimtheiten

Der Gerichtspräsident attestierte den Aussagen der Ex-Freundin aber eine weit höhere Qualität als jenen von Ricky, in denen er zahlreiche Ungereimtheiten fand. Reto Leiser sah daher keinen Grund, an den Aussagen von Rickys Ex-Freundin zu zweifeln. Diese habe sich sogar selber belastet, indem sie zugab, zuerst – in Rickys Interesse – falsch ausgesagt zu haben.

Auch am versuchten Betrug gebe es für ihn keinen Zweifel, auch wenn ärztlich belegt sei, dass eine Auseinandersetzung stattgefunden habe, bei der Ricky verletzt wurde und bei der sein Telefon kaputtgegangen sei. Die beiden andern Punkte der Anklage, die Entwendung des Autos der Ex und das Fahren ohne Führerschein, hatte Ricky mehr oder weniger zugegeben.

Reto Leiser sprach den Beschuldigten in allen Punkten schuldig. Dessen ständiges Dreinreden ignorierte der Gerichtspräsident meistens souverän. Zuletzt machte er ihm aber unmissverständlich klar, dass er seine Erläuterungen zum Urteil abbrechen werde, wenn er ihm nicht zuhören wolle.

Beim Strafmass blieb Leiser unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Er verurteilte Ricky zu einer unbedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 40 Franken. Der eine Tag, den Ricky in Untersuchungshaft verbracht hat, wird in Abzug gebracht: Daraus ergibt sich eine Geldstrafe von 11 960 Franken. «Und wenn ich das nicht bezahlen kann?», wollte Ricky wissen. Dann, liess ihn der Richter wissen, würden die Tagessätze eins zu eins in eine Haftstrafe umgewandelt.

«Und das in meinem Zustand», brach es – einmal mehr ungefragt – aus Ricky, heraus, der während der Verhandlung schon wiederholt ans Mitleid des Richters appelliert hatte – schluchzend und scheinbar zerknirscht. Immer wieder hatte er versucht, seine angeschlagene Gesundheit in die Waagschale zu werfen: Eigentlich sei er, an einer ganzkörperlichen Nervenbahnverengung leidend, ein 100-prozentiger Fall für die Invalidenversicherung. Das alles tat freilich nichts zur Sache: Seiner Vorstrafen wegen fiel eine bedingte Strafe in Rickys Fall ausser Betracht.

Sein Anwalt hatte dem Gericht übrigens gut zwei Stunden vor Verhandlungsbeginn per Fax mitgeteilt, er werde nicht erscheinen und er lege sein Mandat nieder. Grund: Es sei ihm nicht gelungen, mit seinem Mandanten Kontakt aufzunehmen.