Stadtwandern
«Solothurn Olten Aarau»: Wandern, wo die Schweiz entstand

Mit ihrem Buch «Solothurn Olten Aarau» geht das Autorenpaar Bauer/Frischknecht neue Wege. Auf einer Wanderung ab Aarau berichten sie vom Amerikaweg, Sauerländer und einem pinken Hotelzimmer

Andrea Weibel
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«Dort hinten müsste die Jungfrau sein», sagt Ursula Bauer zu ihrem Mann und Co-Autor Jürg Frischknecht auf dem Aarauer Alpenzeiger. Alex Spichale

«Dort hinten müsste die Jungfrau sein», sagt Ursula Bauer zu ihrem Mann und Co-Autor Jürg Frischknecht auf dem Aarauer Alpenzeiger. Alex Spichale

Alex Spichale

Wir treffen uns dort, wo auch das Kapitel über Aarau im neuesten Wanderbuch von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht beginnt: «Auf dem Bahnhofplatz von Aarau ist immer Ostern. Und der Himmel ist immer blau», heisst es dort. Lachend erklärt Bauer: «Ja, wir wissen mittlerweile, dass die witzigen roten Stühle keine Ostereier, sondern Tulpen darstellen. Das wurde uns mehrfach gesagt. Natürlich werden wir das in der nächsten Auflage richtigstellen.» Den zwei Autoren ist wichtig, dass ihre Texte inhaltlich korrekt sind. Genauso sind ihnen aber auch die Eindrücke wichtig, die sie beim Bewandern der jeweiligen Orte bekommen. Denn Aarau kannten sie vorher höchstens von ihren Besuchen im Kunsthaus. Umso lieber spazieren sie durch die Gegend und schnappen hier und dort kleine Trouvaillen auf, denen sie leidenschaftlich gern auf den Grund gehen. «In Aarau gibt es einen Amerikaweg beim Wald oben. Wir haben uns gefragt, ob dort vielleicht Holz geschlagen wurde, dessen Erlös den Auswanderern nach Amerika mitgegeben wurde», berichtet Bauer. Das stellte sich als falsch heraus. «Hätte aber sein können», findet sie.

Drei Städte, eine ganze Epoche

Das bekannte Wanderer-Paar, das seit 1995 gemeinsam Wanderlesebücher schreibt und zuletzt ein Stadtwanderbuch über seine Wahlheimat Zürich verfasst hat, gibt sich nicht mit den Wanderwegen allein zufrieden. Sie wollen Hintergründe und Geschichten aus der Gegend zusammentragen, in der sie unterwegs sind. «Dazu eignen sich die drei Städte Solothurn, Olten und Aarau sehr gut», so der Journalist und vielseitig interessierte Frischknecht. «Solothurn als Ambassadorenstadt, Aarau als erste Hauptstadt der Helvetischen Republik und Olten als Eisenbahnknotenpunkt und Vorreiter der Moderne.» Grosse Worte, die wohl sogar vielen Einwohnern wenig bekannt sind.

Doch im Wanderlesebuch sind sie «für Stadt- und Weitwandernde und für sofawandernde Leseratten» mit vielen Hintergrundinfos und Anekdoten verständlich erklärt. Mehrere Seiten sind beispielsweise den Herren Zschokke (publizistisches, revolutionäres Multitalent), Meyer (Textilindustrieller und Mäzen) und Sauerländer (Verleger, «Vorreiter der Pressefreiheit») gewidmet, von denen Frischknecht auch beim Wandern geradezu schwärmt. Er erzählt, dass die Alte Kanti gar nicht die älteste Kantonsschule der Stadt ist, denn in der ersten Kanti in der Laurenzenvorstadt sei heute die Kantonspolizei untergebracht. Man merkt den beiden an, dass sie sich mit ganzem Herzen und wachen Augen der Stadt und deren Umgebung gewidmet haben.

In Solothurn aufgewachsen

Dabei hatten sie zuvor wirklich wenig mit Aarau zu tun. «Ich bin in Solothurn aufgewachsen und wollte schon lange etwas über die Gegend rund um die Stadt schreiben», erklärt Ursula Bauer. «Und meine Vorfahren waren Eisenbahner aus Deutschland, sie kamen natürlich via Olten in die Schweiz.» Und weil Aarau zeitlich und historisch genau zu den beiden Städten passte, wurde es kurzerhand mit aufgenommen und neu entdeckt. «Die drei Orte sind auch durch die Natur miteinander verbunden», hält Jürg Frischknecht fest. Diese natürlichen Verbindungen bilden den Rahmen all der Geschichten im Buch. Denn sie beginnen mit einer mehrtägigen Aarewanderung von Aarberg via die drei Städte bis nach Schinznach-Bad. Und am Ende schliessen sie den Bogen beinahe aus der Vogelperspektive: von Aarau entlang des Jurakammes bis nach Grenchen hinter Solothurn. Die Tagesetappen der Fernwanderungen sind ebenso nach Gutdünken festzulegen wie die zu lesenden Kapitel.

Das erzählen sie, während wir gemeinsam am alten Zschokke-Haus, das heute das Zentrum für Demokratie beherbergt, zum Alpenzeiger hinaufspazieren. «Ich war immer so fasziniert von dem Begriff Alpenzeiger», sagt Bauer. Ganz so faszinierend ist der Ort dann doch nicht, gerade am Wandertag sieht man die Alpen durch den Nebel leider nicht. Doch das Paar zeigt auf die verschiedenen Quartiere und weiss viele Geschichten zu erzählen. Besonders das Telli, das durch sein verdichtetes Bauen schon in den 70er-Jahren seiner Zeit voraus war.

Hotels abschlafen

Wo übernachtet werden kann, wird selbstverständlich ebenfalls mitgeliefert – und zwar fachkundig getestet vom wandernden und schreibenden Paar. «Manchmal teilen wir uns fürs Abschlafen der Unterkünfte auf, denn wir wollen nicht abschreiben, sondern die surrenden Radiatoren oder die pinken Wände selbst erlebt haben», erklärt Frischknecht mit einem breiten Grinsen. Bei dem Zimmer mit den pinken Wänden in einem Hotel in Aarau, das sie via Internet kurzfristig gefunden hatten, sind die beiden rucksackbepackten Gäste übrigens direkt rückwärts wieder hinaus. «In einem Puff habe ich noch nie geschlafen», hatte Bauer damals zum Hotelier gesagt. «Und als wir dann auf dem Flur den Polizisten sahen, der Ausweiskontrollen durchführte, schauten wir uns gegenseitig belustigt an und gingen dann in ein Hotel nach Erlinsbach.» Die 20-minütige Zugfahrt nach Hause kommt für die beiden selbst in einem solchen Fall nicht infrage. Sie können schliesslich nicht davon ausgehen, dass ihre Leser das eigene Bett in Reichweite haben.

«Solothurn Olten Aarau» Ursula Bauer und Jürg Frischknecht, Rotpunktverlag, 297 Seiten, ISBN: 978-3-85869-669-4

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