Aarau

Sollten wir Parlamentarier besser per Los bestimmen?

Das Zentrum für Anarchie Aarau wagte sich an die Diskussion «Lieber losen statt wählen».

Warum nimmt man die oft mühsamen, teuren Wahlkämpfe auf sich? Warum wählt man Parlamentarier nicht einfach per Los? An diese Frage wagte sich das Zentrum für Anarchie Aarau – ja, das gibt es. Als Pendant zum Zentrum für Demokratie (ZDA) kann man sich dort jeden Dienstagabend «anarchistisch beraten» lassen.
Das Wort ergriff zuerst aber der Direktor des ZDA, Andreas Glaser. Da in einer Demokratie alle Macht vom Volk ausgehe, befürworte er Abstimmungen. Politologe Nenad Stojanović konterte dann aber, dass das Los während Jahrhunderten die demokratische Wahlform schlechthin war: Etwa bei den Alten Griechen und Römern oder im Stadtstaat Venedig, wo ein kombiniertes Verfahren von Wählen und Losen benützt wurde. Und selbst in der Schweiz setzten bis ins 19. Jahrhundert mehrere Kantone auf das Los, die Helvetische Republik hatte es sogar in ihrer Verfassung verankert.

Gerechter, repräsentativer und effizienter

Drei klare Vorteile habe das Los: Jeder Mensch habe die selbe Chance, gewählt zu werden. Ein echter Spiegel der Gesellschaft im Parlament sei nur durch Auslosen möglich. Und nicht zuletzt sei Lose ziehen viel schneller und kostengünstiger als Wahlen veranstalten.
Um Korruption sowie «eine Polarisierung der Gesellschaft und soziale Konflikte» zu vermeiden, habe Basel vor 300 Jahren noch auf das Los gesetzt, sagte Nenad Stojanović. Heute hat der deutschsprachige Teil von Belgien einen Bürgerrat, der zur Hälfte per Los bestimmt wird. Und im US-amerikanischen Bundesstaat Oregon gibt es seit zehn Jahren den «Citizens’ Initiative Review», in dem ausgeloste Personen Volksinitiativen analysieren und den Stimmenden eine Empfehlung abgeben zusätzlich zum Abstimmungsbüchlein. Das Modell aus Oregon wird nun in Sion ausprobiert, Nenad Stojanović ist dort federführend.

Wahlen sind der fossile Brennstoff der Demokratie

Schriftsteller Wolfgang Bortlik las schliesslich einen satirischen Text, in dem er Wahlen als «der fossile Brennstoff der Demokratie» bezeichnete. Wer trotz so vielen gesellschaftlichen Veränderungen am Wahlmodell festhalte, der läute das Ende der Demokratie ein.
Nach Ansprachen der Nationalratskandidatinnen Laura Huonker (AL, ZH) sowie der Aarauerinnen Leona Klopfenstein und Lelia Hunziker (beide SP) – allesamt für ein Losverfahren – läutete Garage-Bar-Leiter Wenzel A. Haller eine Diskussionsrunde im Publikum ein, bei der die Sprechenden – passenderweise – jeweils ausgelost wurden.
«Ich habe beobachtet, wie bei den männlichen Rednern heute Abend das Auslosen eher ein Nice-to-Have, für die weiblichen aber eher dringend ist. Da merkt man, wer heute in der Politik untervertreten ist», sagte ein Mann. Andere erhofften sich, dass dank des Loses «keine Leute, die sich für besonders kompetent halten», im Parlament überrepräsentiert würden. «Das Los könnte dazu führen, dass Menschen sich mehr mit Politik befassen. Es könnte viel verändern.»
Es wurden aber auch Befürchtungen laut: «Wahl ist auch Auswahl», sagte ein Mann. Zudem müsste man auch darüber nachdenken, welche Eigendynamiken in den ausgelosten Parlamenten entstehen würden. «Plötzlich stünden wir vor neuen Problemen.» Eine Lösung könnte sein, Wahl und Los zu kombinieren, etwa mit einer ausgelosten Parlamentskammer und einer gewählten. Trotz Befürchtungen: Das Publikum gab sich weitgehend ausprobierfreudig – manchmal auch mit Vorbehalt: «Probiert das aus hier in Aarau. Ich bin aus Baden und beobachte es dann gerne aus der Ferne.»

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