Im Jahr 2013 haben Primarschüler das Programmheft des Maienzugs gestaltet. Sie pausten Maienzugfotos ab, die nun das Heft zieren. Auch die Maienzugsprüche, die dieses Jahr in der Stadt hängen werden, stammen aus Schülerhand: Eine 3. Bez-Klasse hat Haikus und lyrische Kurzformen gedichtet.

So was wäre vor 123 Jahren unvorstellbar gewesen. In dem 16-seitigen Programmheft von 1890, welches die Lehrerin Astrid Wieser auf einem Flohmarkt gefunden hat, ist das meiste in alternierender Versform geschrieben: «Trommelwirbel, Hörnerklänge/ Kranzgewinde, Rosendüfte/ In den Strassen bunt Gedränge,/ Jubellieder durch die Lüfte!/ Fahret wohl, gelehrt Geschäfte,/ Heut ein bessrer Meister ruft!»

So lautet ein Vers aus der Feder eines gewissen R. Wernly. Trotz der altmodischen Worte tönt das Gedicht ganz nach dem Maienzug von heute: «O welch’ schöne gold’ne Tage,/ Maienzug, du immer schaffest!»

Von Blondchen und Brünetten

Von den «tatendurstigen Kriegskadetten» ist nur die friedliche Kadettenmusik übrig geblieben, aus «Blondchen» wurden Blondinen: «Schau! da zieh’n in strammem Zuge/ Thatendurst’ge Kriegskadetten,/ Und dann – oh in welchem Fluge! –/ Hübsche Blondchen und Brünetten./ Vorn der Kleinen Sektionen,/ Traulich Hand in Hand geeint,/ Trippeln Zukunftsamazonen:/ Jede sich die Schönste meint!

Zum Schluss wirds schön pathetisch – und moralisch: «Schütz’ dich Gott mit seinem Gnade,/ Warmgeliebte, frohe Jugend!/ Lern’ und lieb’ auf jedem Pfade/ Treu nur Wahrheit, Recht und Tugend!»

Vorfreude auf Meringues

Nach dem Maienzuggedicht folgt im Programmheft ein Dialog zwischen Friedi, Röseli und dem kleinen Dölfi. Friedi schwärmt von seinem weissen Kleid, der rosa Schärpe «von purer Seide, zwei Rosen in den Locken und Goldkäferschuh».

Röseli hat dem Artillerieoffizier «Miggi» gesagt, er solle sie zum ersten Walzer aufbieten, Dölfi träumt von Meringguen, Makronen, und: «Ach, wenn ich dann nur auch viel essen kann/ Von den Fleischpasteten von Kunz u. Siebenmann!»

Bezüglich der Rede im Telliring hofft Röseli: «Ach nein, wenn’s der Herr Rektor nur nicht gar so lang macht! Denn so lang halt ich das Stillsein nicht aus, es zieht mich an allen Löcklein auf die Schanz hinaus...» Dort wartet ja sein Miggi und sie wollen tanzen «bis zum Abendthau und zum Mondenschein,/ Da schlupf ich müde und selig in’s Nest: Ade, du liebes, du schönes Jugendfest!»

Schweizerpsalm war obligatorisch

Im Programm der Morgenfeier vom Jahr 1890 stand ein «Choral» mit Begleitung der Stadtmusik, eine Festrede vom Rektor des Lehrerinnenseminars, ein musikalischer «Morgengruss» für den gemischten Chor der Schuljugend sowie der Schweizerpsalm gesungen vom Cäcilienverein und vom Sängerbund.

Lange Zeit blieb die Morgenfeier fast unverändert. Erst nach dem Jubiläumsmaienzug 1998 wurde der heutige Ablauf mit modernen Tänzen unter der Leitung von Astrid Wieser eingeführt. Seither ist sie auch Maienzugskommissionsmitglied.

Bankett nur für «Eingeladene»

Am Zapfenstreich wurden damals 22 Böllerschüsse abgefeuert, heute sind es 11 – für jeden Bezirk einen. Der Umzug am Freitag startete ebenfalls um 8.30 Uhr, die Route verlief, grob gesagt, in der Gegenrichtung: die Kasinostrasse hinauf über Bahnhofstrasse, Rathausgasse, Laurenzenvorstadt in die Telli.

Es folgten Turnspiele der Mädchen und die «Speisung der Kadetten», welche am Nachmittag das Manöver durchführten. Tanz auf der Schanz war für Primarschüler bis 20 Uhr, für Bezirksschüler bis 22 Uhr. «Später: Tanz nur für Erwachsene. Die am Tanze theilnehmenden Herren haben an der Kasse Marken à Fr. 1.– zu lösen.» Das Bankett war übrigens nur für Behörden und Eingeladene.