Alter
So kann Wohnen im Alter auch aussehen

Bei der Genossenschaft Hestia handelt es sich um ein Wohnprojekt, bei dem Wohnen im Alter, Nachbarschaftshilfe und Solidarität keine leeren Worte sind, sondern im Alltag gelebt werden.

Hubert Keller
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Elisa Bolliger (links) und Marianne Merkler haben in der Genossenschaft ihre Wohnform fürs Alter gefunden. Patricia Schoch

Elisa Bolliger (links) und Marianne Merkler haben in der Genossenschaft ihre Wohnform fürs Alter gefunden. Patricia Schoch

Bereits früher wohnte ich einmal in einer Mietwohnung. Doch als Mieterin konnte ich damals nicht mitreden», sagt Marianne Merkler. «Man hat gemotzt, nur genutzt hat es nichts.» In der Hausgemeinschaft an der Tannerstrasse in Aarau können die Mieter und Mieterinnen mitreden, sie sind sogar dazu aufgefordert. «Wer bei uns motzt, wird ernst genommen», sagt Marianne Merkler. Denn die Mieterinnen und Mieter sind auch Genossenschafter. So einfach ist es aber doch nicht: «Manchmal denke ich auch, jetzt könnt ihr mir. Doch sich aneinander zu reiben, hält den Kopf fit.»

Marianne Merkler und Elisa Bolliger gehören der Genossenschaft Hestia an. Dabei handelt es sich um ein Wohnprojekt von Frauen, an dem von Anfang an aber auch Männer beteiligt waren. Heute bewohnen neun Genossenschafterinnen und Genossenschafter das Haus.

Wohnen im Alter, Nachbarschaftshilfe, Solidarität sind Themen, die den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen. In Suhr wurde die Genossenschaft «LEBENSuhr» gegründet mit dem Ziel, mit bedürfnisgerechten Wohnungen dafür zu sorgen, dass die Suhrerinnen und Suhrer ein Leben lang in Suhr wohnen bleiben können. Die Frauen der Genossenschaft Hestia machen vor, wie älteren Menschen dieser Wunsch erfüllt werden kann.

Gemeinsam statt einsam

Elisa Bolliger erinnert sich, wie sich 1998 ein paar Frauen und ein Mann zu einer Interessengruppe zusammenfanden. In vielen Gesprächen erarbeiteten sie das Konzept für eine Hausgemeinschaft. Im Juni 2002 gründeten sie die Genossenschaft Hestia, der mittlerweile zwanzig Personen angehören.

Frauen, vor allem Frauen in der zweiten Lebenshälfte, sollen im stattlichen Haus wohnen, aber auch alleinstehende Leute, Paare, Mütter und Eltern mit Kindern. Elisa Bolliger und Marianne Merkler sind um die 70. Sie sind von den Mietern die ältesten, ein junger Mann und zwei junge Frauen haben sich auch im Haus eingenistet. «Wir wollen nicht, dass nur alte Leute hier wohnen, es soll eine gemischte Gruppe von Menschen sein, die gut miteinander auskommen.»

2001, ein Jahr vor der Gründung, schrieben die Frauen in das Konzeptpapier: «Wir Mieterinnen verwirklichen mit dem Wohnprojekt unser Bedürfnis nach verlässlicher Gemeinsamkeit und persönlicher Individualität, nach vertrautem Kontakt und Eigenständigkeit.» Der gemeinsame Garten ist ebenso wichtig wie die Wohnungstür, hinter der man sich zurückziehen kann.

«Die Mieterinnen und Mieter sind aufgefordert, sich selber, den Mitmenschen und der Umwelt gegenüber achtsam und rücksichtsvoll zu sein», liest man in den Zusatzbestimmungen zum Mietvertrag der Genossenschaft Hestia. Oder: «Erwartet wird Konfliktbereitschaft und Konfliktfähigkeit.» Die Mieter stehen dazu mit ihrer Unterschrift.

Eine Altersgenossenschaft

Ein vierköpfiger Vorstand, darunter gleichsam als neutrale Instanz, ein externes Genossenschaftsmitglied, zieht die Fäden. Doch Entscheide werden in der Gemeinschaft gefällt. Kleinere Probleme werden bei den monatlichen Hausessen besprochen. Diese finden mangels eines Gemeinschaftsraums in einer der grösseren Wohnungen statt. Für wichtige Entscheide werden ordentliche Sitzungen einberufen.

Als sie zur Kur war, putzte eine Mitbewohnerin ihre Wohnung. Das habe sie riesig gefreut, sagt Bolliger, doch erwartet wird solche Hilfe nicht. Marianne Merkler war Pflegefachfrau, doch für die Krankenpflege im Haus ist nicht sie, sondern die Spitex zuständig. Und wenn die eigenen Kräfte für die Reinigung der Wohnung nicht ausreichen, kann Pro Senectute einspringen.

Den guten Mittelweg zwischen Gemeinschaft und Eigenständigkeit zu finden, war nicht einfach. «Wir haben sicher zwei bis drei Jahre dafür gebraucht», erklärt Bolliger. «Den Ausgleich zu finden zwischen dem, was die andern wollen, und dem, was ich will, ist nicht immer einfach», fügt Merkler an.

Jetzt im Winter hat sich eine Lesegruppe gebildet, in der man sich abwechslungsweise vorliest. An den Sonntagen trifft man sich zum Abendessen, wer Lust dazu hat, bringt etwas mit. Und im Frühling gibt es wieder im Garten zu tun. «Zum Glück ist er nicht zu gross», meint Elisa Bolliger.

«Für mich ist es immer wieder eine Überraschung, wie vielfältig die Erlebnisse und Erfahrungen in der Hausgemeinschaft sind», sagt Elisa Bolliger. «Die Kontakte sind offen und unkompliziert. Wir pflegen ein gefreutes Miteinander.» Das halte sie lebendig und beweglich, fährt sie fort. In der Hausgemeinschaft könne sie sich in Toleranz üben, gleichzeitig aber auch ihre Eigenheiten und Überzeugungen einbringen.

Die beiden Frauen sitzen am Küchentisch in der gemütlich eingerichteten Wohnung von Elisa Bolliger. Das Fenster geht auf den Garten hinaus, in dem ein Handwerker über eine lange Leiter zum Dach hochsteigt. Für eine Baueingabe werden die Ausmasse der Solaranlage markiert, mit der künftig das Wasser aufgeheizt werden soll. Eben wurde eine Pelletheizung installiert, nachdem die 18-jährige Ölheizung ausgestiegen war. Nun sollen die Aussenwände isoliert werden. «Gut, haben wir nicht gewusst, was uns erwartete», sagt Marianne Merkler. «Doch es sind Herausforderungen, die uns nicht nur auf Trab, sondern auch fit halten.»