Aareschulhaus
«So bleibt mehr Zeit für die Schüler»

Seit dem laufenden Schuljahr im August ist die Primarschule offiziell eine integrative Schule. Nicht alle Lehrer sind zufrieden.

Deborah Balmer
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Aareschulhaus

Aareschulhaus

Die Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse im Aareschulhaus stürmen ins Klassenzimmer. «Sali Sandro», begrüsst die Lehrerin Jeanine Leu einen Schüler und gibt ihm die Hand. «Grüezi Nina», sagt der Lehrer Fredi Carabin zu einer Schülerin. Die 14 Viertklässer werden an diesem Freitagnachmittag gleich von zwei Lehrern unterrichtet. Klassenlehrerin Jeanine Leu erklärt, was in den kommenden beiden Lektionen ansteht. Dann trennt sich die Klasse.

Ein Teil geht mit Fredi Carabin in ein Schulzimmer in einem anderen Schulhaustrakt: Rechnen steht auf dem Stundenplan. Seit diesem Schuljahr praktiziert Aarau offiziell das integrative Schulmodell (IS). Schon vorher wurde an Aaraus Primarschulen mit dem inte-grativen Schulmodell gearbeitet, allerdings noch nicht offiziell. Die Kleinklassen hat man bereits vor längerer Zeit abgeschafft.

Zurück im Klassenzimmer von Herr Carabin: «Vier Zehner minus drei Einer – wie viel bleibt da übrig?» Die sieben Schüler legen die Rechnung mit Papierstreifen. Fredi Carabin hilft ihnen, wenn nötig. Nimmt sich Zeit für jedes Kind.

Er ist Heilpädagoge, hat auch Erfahrung als Kleinklassenlehrer und dabei jahrelang mit lernschwachen Kindern gearbeitet. Bis zu drei Lek-
tionen pro Woche unterrichtet er in der Klasse von Jeanine Leu. «Möchte jemand noch eine Rechnung legen?», fragt Carabin die Schüler mit ruhiger Stimme. Sieben Hände schnellen in die Höhe. Die Schüler schwatzen nicht, legen ruhig die Rechnungen.

Nach der Rechenstunde werden die Gruppen getauscht: Die sieben Schüler, die bei Fredi Carabin gerechnet haben, basteln in der nächsten Stunde Laternen für den Bachfischet bei Jeanine Leu.

Nicht alle Schwachen stören

Nicht immer teilt sich die Klasse auf: Häufig ist der Heilpädagoge auch im Klassenzimmer mit dabei. Carabin ist auch nicht nur für allfällige Kleinklässler da, sondern für alle Schüler.

«Die integrative Schulform gibt einem eindeutig mehr Zeit für das einzelne Kind», sagt Jeanine Leu. Und: «Dass man sich mit der anderen Lehrperson absprechen kann, ist ein Vorteil, auch mal fragen kann: Wie siehst du das?»

Jeanine Leu betont aber, dass diese Unterrichtsform einen Mehraufwand für die Lehrer bedeutet. «IS ist nur sinnvoll, wenn man sich mit der zweiten Lehrperson immer sehr gut abspricht, und das braucht Zeit.»

Jeanine Leu hat Glück: «Derzeit gibt es in meiner Klasse keine Schüler, die grössere schulische Probleme haben.» In ihrer Klasse gibt es auch keine disziplinarischen Schwierigkeiten. Trotzdem hört man immer wieder Stimmen, die monieren, die Qualität des Unterrichts leide, wenn Kleinklassen in Regelklassen integriert werden. In den Schulzimmern werde durch die lernschwachen Schüler Unruhe geschaffen.

Lehrpersonen sagen, sie seien mit dieser Unterrichtsform überfordert. Was halten Jeanine Leu und Fredy Carabin davon? Sind solche Stimmen ernst zunehmen? «Auf jeden Fall», sagt Leu. «Wenn Schüler in einer Klasse stören, ist das eine Knacknuss.» Fredi Carabin gibt allerdings zu bedenken: «Nicht alle, die stören, sind leistungsschwach.» Er betont, dass er klar für das IS-Modell sei. Er bedauert es, dass es im Aargau möglich ist, auf die integrative Schulform zu verzichten.