Neuzuzüger
So antworten Gemeinden auf Mails eines Zürchers und eines Tamilen

Elf Gemeinden haben für einen Test der az fiktive Mails von Neuzuzügern erhalten. Das Ergebnis: Der Schweizer Neuzuzüger hat längere Antworten erhalten als der Tamile.

DAVID EGGER
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Die Antworten der Gemeinden fielen unterschiedlich aus - je nach dem, ob ein Schweizer oder ein Tamile Interesse bekundet hatte. (Symbolbild)

Die Antworten der Gemeinden fielen unterschiedlich aus - je nach dem, ob ein Schweizer oder ein Tamile Interesse bekundet hatte. (Symbolbild)

Keystone

Wer vom Kanton Zürich in den Aargau ziehen will, hat die Qual der Wahl: Über 200 Gemeinden buhlen um möglichst zahlungskräftige Neuzuzüger.

Welche Ortschaft die passende ist, ist schwierig zu beantworten – gerade für Neuzuzüger, die vom Aargau bisher nur die Autobahn kennen. So wie zum Beispiel der fiktive Jürg Köchli. Der Zürcher ist verheiratet und hat drei Kinder. Vor kurzem trat er eine Arbeitsstelle im Westaargau an. Auf den langen Arbeitsweg hat er keinen Bock mehr: Er will zügeln. Darum hat er elf zufällig ausgewählten Gemeinden Mails geschickt. Er will herausfinden, wie hoch der Steuerfuss ist, welche Quartiere nahe der Schule sind und wie lebendig die reformierte Kirchgemeinde ist. Auch erkundigt er sich, ob die Gemeinden sicher sind.

Antwortzeit: 50 min bis 8 Tage

Eines vorneweg: Alle Gemeinden haben geantwortet. Die schnellste innert 50 Minuten. Von einer Gemeinde trudelte die Antwort erst nach 8 Tagen ins Postfach ein. Dafür antwortete der Gemeindeammann höchstpersönlich.

Zu dieser hohen Ehre kam der ebenfalls fiktive Aadithyavarman Maadeeswaran nicht: Auch der Mann aus Winterthur hat elf Mails verschickt, da er wegen seines Jobs in den Westen des Kantons Aargau ziehen will.

In nicht ganz sauberem, aber verständlichem Deutsch fragte er die Gemeinden, ob es im Ort einen tamilischen Verein gebe, ob die Lebenskosten für eine Fünfpersonen-Familie hoch seien, wie gut die Schule sei und ob es Sportangebote für Kinder habe.

Die mit Abstand beste Antwort erhält er aus Aarau: So wird ihm der Tamilische Verein Nordwestschweiz empfohlen plus eine tamilischsprachige Beratung bei der Anlaufstelle Integration Aargau. Dazu kommen einige Links zum Sportangebot und zur Schule. Bei weiteren Fragen könne er sich jederzeit melden.

Verfasst haben die Antworten aus Aarau die Mitarbeiter der Kommunikationsstelle der Stadt. Diese bewirtschaftet die Adresse info@aarau.ch, auf der täglich rund zehn Mails eingehen, Spam nicht eingerechnet. Als die az am Telefon ihre Tarnung aufgibt, erinnert sich die Leiterin Rahel Leibacher an die beiden im Abstand von zwei Wochen versandten Mails. «Bei Herrn Köchli habe ich noch gedacht, da könnte die Zeitung dahinterstecken. Aber wir nehmen jede Anfrage ernst und geben respektvolle Antworten», so Leibacher. Anfragen von potenziellen Neuzuzügern erhalte sie nicht häufig.

Kurz angebunden beim Fremden

Wenig Zeit für die Beantwortung von Herrn Maadeeswarans Anfrage nahm sich eine mittelgrosse an der Aare liegende Gemeinde. «Informationen finden Sie auf unserer Homepage», schreibt eine Angestellte lapidar. Herrn Köchli gab sie hingegen konkrete Auskünfte. Gleich bei mehreren Gemeinden fällt auf, dass die Antworten für Herrn Köchli ausführlicher ausfallen, manchmal sind die Antworten dreimal so lang. Auch die Sprache in den Mails an Jürg Köchli ist stilistisch ausgereifter, er wird mit schönen Worten umgarnt: Man würde sich über seinen Zuzug freuen, heisst ihn bereits herzlich willkommen und freut sich, dass er vorhat, in die Gemeinde zu ziehen.

Ähnlich nette Worte erhielt Herr Maadeeswaran nur zweimal. Eine Gemeindekanzlei aus dem Bezirk Zofingen schreibt: «Ihr Interesse freut uns.» Aber auch sie hält sich kurz: «Sportangebote: verschiedene Vereine und Schulsport.» Eine andere, kleine Gemeinde verzichtet auf eine Begrüssung in der Mail. Die gleiche Gemeinde gibt indes Herrn Köchli den Tipp, dass er auf der Gemeindewebsite auch zum Verkauf stehende Immobilien findet.

Eine Gemeinde teilt Herrn Maadeeswaran mit: «Uns sind momentan keine freien Wohnungen bekannt.» Eine der grössten schreibt, dass man «kein billiger Wohnort» sei und empfiehlt: «Etwas ausserhalb sind Wohnungen billiger.»

Trotz der Unterschiede zeigt der Test: Die Gemeindekanzleien nehmen Mails potenzieller Neuzuzüger ernst.

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