Aarau
Skepsis gegenüber neuen Stadion-Plänen – fünf heikle Fragen bleiben

Die Bauherrin HRS sorgt mit ihrem Hochhaus-Zeitplan für ein grosses Rätsel, ihre Glaubwürdigkeit ist angeschlagen. Was hat sie zu dem sehr ambitionierten Zeitplan, der als unrealistisch kritisiert wird, veranlasst?

Urs Helbling
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Aarauer Stadionprojekt mit Hochhäusern
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Pläne für Aarauer Stadion bekannt Diese wurden heute vorgestellt. Ab dem Jahr 2021 könnten die ersten Spiele dort angepfiffen werden.
Bauherrin ist die HRS.
Die Einnahmen aus den vier geplanten Hochhäusern sollen das Stadion mitfinanzieren.
Visualisierung: So soll es vor dem neuen Aarauer Stadion aussehen.

Aarauer Stadionprojekt mit Hochhäusern

Zur Verfügung gestellt

Ein Stadion, vier Hochhäuser, 600 Wohnungen – eine Gesamtinvestition in der Grössenordnung von 400 Millionen Franken. Seit die Totalunternehmerin HRS am letzten Donnerstag ihr Projekt (ehemals «Plan B») präsentiert hat, wird in der Kantonshauptstadt wieder intensiv über das mögliche Stadion des FC Aarau diskutiert. Zu behaupten, es sei die grosse Euphorie ausgebrochen, wäre falsch. Es ist eher Ernüchterung, Fatalismus.

Die Glaubwürdigkeit der HRS ist angeschlagen. Nach all den Wendungen – zuletzt vier statt drei Hochhäuser– sind die Zweifel, ob es wirklich noch gut kommt, weit verbreitet. Das vor allem wegen des von der HRS präsentierten Zeitplanes: Stadion-Baubeginn in der zweiten Hälfte 2019 – bei Vorliegen einer rechtsgültigen Baubewilligung für die vier Hochhäuser. In den Diskussion sind viele der Ansicht von «meinstadion.ch»-Aushängeschild Michael Hunziker: «Dieser Zeitplan ist nicht nur völlig unrealistisch, sondern völlig utopisch.»

Arbeitet HRS auf den Ausstieg hin?

Das grosse Rätsel: Was veranlasst die HRS das scheinbar Unmögliche anzustreben? Ist es ein Akt der Verzweiflung, weil sie nun endlich Geld sehen will? Für ein Entwicklungsprojekt, in das sie seit dem Jahr 2000 viele Millionen investiert hat. Oder ist es der Versuch, sich mit Anstand von einem Vorhaben zu verabschieden, dass sie heute so für nicht mehr realisierbar hält? Fest steht: Die HRS ist nur bis zum 31. Dezember 2019 vertraglich verpflichtete, den Bau des Stadions in Angriff zu nehmen.

Danach ist sie frei, muss sich aber an die Vorgaben der Spezialzone Torfeld Süd halten (vom Volk genehmigt im Juni 2010). Mit der Spezialzone wurde zwar damals der Bau eines Stadions planerisch ermöglicht, nicht aber zur Bedingung für die weitere Überbauung des Grundstückes gemacht. Im Rahmen der jetzt laufenden Teilrevision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) betont Noch-Stadtrat Lukas Pfisterer dagegen immer wieder: Ohne Stadion gibt es keine Hochhäuser.

Glaubt man den Ausführungen von HRS-CEO Martin Kull, gibt es keine Zweifel am Realisierungswillen der HRS. Er sagte am Donnerstag: «HRS will nach wie vor dieses Stadion für die Stadt Aarau und den FC Aarau bauen und gleichzeitig dieses Areal städtebaulich sinnvoll entwickeln. Und zwar so schnell als möglich.»

Eine neue Grundsatzabstimmung?

Neben dem Rätsel gibt es eine Reihe von heiklen Fragen. Politisch am brisantesten ist diejenigen, die die SP Aarau am letzten Freitag gestellt hat. Entspricht das Projekt noch dem, was die Stimmbürger im Februar 2008 bewilligt haben? Oder braucht es nochmals eine Grundsatzabstimmung? Der Stadtrat hat sich bisher auf den Standpunkt gestellt, letzteres sei nicht nötig. 2008 hat der Souverän 17 Millionen Franken bewilligt für den Erwerb eines Miteigentumsanteils am Fussballstadion. Einem Komplex bestehend aus einer Schüssel, einem Einkaufszentrum und einer polysportiven Mantelnutzung. Geblieben ist davon nur die Schüssel (das eigentliche Stadion).

Städtebaulich so sinnvoll?

Mit dem Hochhausprojekt sollen 10 000 Quadratmeter Grünflächen geschaffen werden. Aber zwischen die die vier Türme kommt nicht ein Park, sondern ein Rasen (Stadion) zu liegen, der für die Bewohner nicht nutzbar ist und erst noch ab und zu indirekt Lärm verursacht. Im Torfeld Süd wird nicht eine neue Wohnsiedlung geplant, sondern es sollen um ein Stadion herum – als Querfinanzierung – 600 Wohnungen entstehen.

Ist das so sinnvoll? Diese städtebauliche Frage dürfte im Rahmen einer wahrscheinlichen Volksabstimmung (fakultatives Referendum) über die die Teilrevision der BNO ein grosses Thema werden. Die BNO-Revision soll gemäss dem am Donnerstag gezeigten Zeitplan bis im kommenden Herbst vom Einwohnerrat genehmigt werden. Eine allfällige Volksabstimmung würde dann spätestens im ersten Quartal 2019 durchgeführt.

Stimmt Volk Bankkredit zu?

Was passiert, wenn die HRS entgegen ihren bisherigen Beteuerungen die «meinstadion.ch»-Forderung nach einer teilweisen Entkopplung von Stadion und Hochhäusern akzeptiert? Dann wäre ein Bankredit von mindestens acht Millionen Franken notwendig. Dieses Geld wäre zu bekommen, wie «meinstadion.ch»-Aushängeschild Michael Hunziker am Freitag erklärte. Er habe mit sieben Banken gesprochen, die bereit wären, entweder alleine oder in einem Konsortium die Millionen bereit zu stellen (fix auf zehn Jahre, Verzinsung 1 Prozent, allenfalls mit Amortisation). Da es sich aber faktisch um einen Kredit der Stadt Aarau handle (über die hundertprozentige Tochter Stadion AG) müsse es über den Bankredit eine Volksabstimmung geben.

Eine UVP nötig?

Eine, auch was den Zeitbedarf betrifft, nicht unwichtige Frage stellte «meinstadion.ch»-Hunziker am Freitag: Braucht es für das Gesamtkonzept mit den vier Hochhäusern nicht eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP)? Laut Hunziker gibt es eine für das Stadion. Aber nicht für die Hochhäuser, die auf zwei Parkhäusern (Ost und West) mit insgesamt 600 Parkplätzen zu stehen kommen sollen. Die UVP-Frage wird sich spätestens im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens stellen – und könnte zu einem Ansatzpunkt für allfällige Einsprecher werden.

Wer könnte Einsprache machen?

Wer könnte sich als Anwohner gegen den Bau der Hochhäuser wehren? Beispielsweise wegen tatsächlicher oder gefühlter Schatten-Probleme. Tangiert ist etwa der legendäre Einsprecher. In der unmittelbare Nachbarschaft von dessen Wohnhaus käme der mit 57 Meter kleinste Turm zu liegen. Kaum Freude an den HRS-Plänen dürften zudem diejenigen haben, die innerhalb des letzten Jahres in ihre teuren Mobimo-Eigentumswohnungen zwischen dem Stadion und der Buchserstrasse eingezogen sind.

Die Akteure

- Das Thurgauer Generalunternehmen HRS besitzt das Land im Torfeld Süd. Es hat das Stadionprojekt entwickelt (ursprünglich mit einem Einkaufszentrum). Und es hat mit der Stadt Aarau einen Vorvertrag (festgeschrieben sind als Stadionpreis 36 Millionen Franken).

- Die Stadion AG ist eine 100-prozentige Tochter der Stadt Aarau. Ihr Verwaltungsrat besteht aus alt SP-Stadtrat Beat Blattner (Präsident), Noch-Stadtrat Lukas Pfisterer (FDP), alt Stadtrat Rudolf Zinniker (FDP), alt Stadtbaumeister Felix Fuchs und Peter Gloor als Vertreter der Platzgenossenschaft Brügglifeld.

- Im künftigen Stadtrat wird sich eine Task-Force bestehend aus Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (FDP), Hochbauvorstand Hanspeter Thür (Grüne) und Sportminister Daniel Siegenthaler (SP) um das das Stadion kümmern.

- Die Gruppe «meinstadion.ch» tritt in den letzten Wochen als verlängerter Arm des FC Aarau auf. Sie hat bereits 1,04 Millionen Franken (von angestrebten vier Millionen) gesammelt und weiss fast 5000 Personen hinter sich.