«Als Aarauerin verstehe ich die ganze Aufregung in Buchs nicht», sagte Kreisschulrätin Regula Haag Wessling (CVP) an der Ratssitzung vergangene Woche. Diskutiert wurde die Strategie der Kreisschulpflege Aarau-Buchs, künftig eine integrative Schule sein zu wollen. Die Kleinklassen, die es an der alten Kreisschule Buchs-Rohr gegeben hatte und deren Fortbestand in den Fusions-Abstimmungsunterlagen in Aussicht gestellt wurde, werden verschwinden. Der Entscheid darüber obliegt der Schulpflege, was diese an der Kreisschulratssitzung nochmals ausführte. Gestützt wurde sie von Stadträtin Franziska Graf sowie Gemeinderat Anton Kleiber, die beide betonten, dass vor der Abstimmung lediglich empfohlen wurde, sowohl eine integrative Sonderpädagogik als auch Kleinklassen zu führen, aber die Kreisschulpflege in ihrem Entscheid frei sei.

Schulpflegerin Franziska Zimmerli betonte, man habe den Entscheid nicht rasch und nicht aus dem Bauch heraus gefällt, die Schulpflege habe «diskutiert und gestritten», Fachliteratur und Ähnliches konsultiert. Man werde ausserdem nicht einfach das an der Schule Aarau geführte integrative Modell eins zu eins weiterführen: «Es wird auch in Aarau Veränderungen geben.»

«Nonchalance im Elfenbeinturm»

Hinter vorgehaltener Hand sagen aber selbst Buchser Kreisschulratsmitglieder, dass die Schulfusion in ihrer Gemeinde wohl abgelehnt worden wäre, hätten die Stimmbürger gewusst, dass die Kleinklassen abgeschafft würden (die Vorlage wurde in Buchs mit nur 21 Ja-Stimmen mehr angenommen). Nicole Burger (SVP, Aarau) hat dazu bereits eine Motion eingereicht und betonte an der Ratssitzung erneut, dass sie sehr enttäuscht sei über den Entscheid, da seien die Stimmbürger «gelinggt» worden. «Ich hätte mir ein bisschen mehr politische Sensibilität gewünscht.» Philippe Kühni (GLP, Aarau) sprach von einer «Nonchalance», mit dem die Kreisschulpflege den Entscheid «im Elfenbeinturm» gefällt habe, ohne die Betroffenen im Sinne einer Vernehmlassung zu konsultieren.

Nicole Lehmann (FDP, Aarau) äusserte grundsätzliche Bedenken zur integrativen Schule, die «in der Praxis nicht gut funktioniere». Ganz anders sieht es Regula Haag Wessling (CVP, Aarau): «Die integrative Schule ist das Grundprinzip im 21. Jahrhundert, separative Beschulung gehört ins letzte Jahrhundert.»

Ist das tatsächlich so? Die AZ hat bei Prof. Dr. Jan Weisser nachgefragt. Er ist Leiter des Instituts Spezielle Pädagogik und Psychologie an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Angenommen, Sie müssten für eine Schule die Sonderpädagogik aufgleisen. In welche Richtung ginge es?

Jan Weisser: Die Weichenstellung in der Diskussion ist gemacht: In der Schweiz wird das integrative respektive inklusive Modell klar bevorzugt. Das ergibt sich auch aus den Rahmenbedingungen. Zu diesen gehören etwa das Konkordat Sonderpädagogik, das Gleichstellungsgesetz, die aktuelle Rechtsprechung und die in vielen Kantonen entsprechend revidierten Schulgesetze. Es geht auf der normativen Ebene also klar in Richtung Integration.

Und auf der praktischen Ebene?

Die Möglichkeiten der Ausgestaltung und Interpretation sind vielfältig. Es gibt Schulen, die auf konsequente gemeinsame Beschulung setzen, also ganz ohne Klein- oder Einführungsklassen fahren. Eine Schule muss sich fragen, inwiefern alle Kinder gemeinsam lernen können, und wann oder für welche Lerninhalte es allenfalls sinnvoll ist, individualisierte Lerngefässe zu schaffen.

Sie haben die aktuelle Rechtsprechung erwähnt. Heisst das, dass Eltern die Inklusion ihrer Kinder in eine Regelklasse gerichtlich durchsetzen können?

Ja. Wobei die Schulbehörde ihrerseits durch das Verhältnismässigkeitsprinzip geschützt wird.

Gibt es Kinder, die wirklich nicht in eine Regelklasse gehören?

A priori gibt es die nicht. Früher hat man zum Beispiel, Kinder mit Trisomie 21 immer sofort in einer Heilpädagogischen Schule unterrichtet. Heute wird individuell abgewogen, was in der konkreten Situation sinnvoll ist und was die Eltern für ihr Kind möchten. Generell gilt: Die Regelklasse ist die Norm, und wenn für ein Kind eine Sonderschule bevorzugt wird, muss das begründet werden.

Wie viele Kleinklassen gibt es eigentlich noch?

Das ändert laufend, aber man kann sagen, dass sie schweizweit sehr zurückgegangen sind. Es gibt kaum noch Kantone, die voll auf dieses Modell setzen - eben weil die Teilnahme der betroffenen Kinder am Regelunterricht und deren Gleichstellung eingeschränkt wird.

Eltern haben oft Vorbehalte gegenüber integrativen Klassen. Sie fürchten, dass Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf zu viele Ressourcen binden und für ihre eigenen Kinder dann nicht genug übrig bleibt. Was sagen Sie diesen Eltern?

Die Forschung zeigt: Im integrativen Kontext lernen alle mehr! Kinder mit Lernschwierigkeiten profitieren von einem spannenden Umfeld. Und Kinder, die sowieso gut mitkommen, sind schwierig zu bremsen – es ist also nicht so, dass sie weniger lernen.

Warum?

Weil integrative Schulen gelernt haben, sich auf zentrale Aspekte von Schulqualität wie zum Beispiel gute Klassenführung und gutes Feedback zu fokussieren. Es gibt mehr individuelle Lernmöglichkeiten – für die schwächeren, aber auch für die stärkeren Schüler. Die Lehrpersonen sind besser darauf sensibilisiert, wer was bereits kann und was nicht. Die stärkeren Schüler profitieren ausserdem davon, wenn sie anderen etwas erklären können – das stärkt die meta-kognitiven Fähigkeiten und ist ein zusätzlicher Lernbooster. Es ist wichtig, dass dies den Eltern auch so kommuniziert wird.

Was braucht es, damit eine integrative Klasse funktioniert?

Unverzichtbar ist spezifisches Fachpersonal: Logopäden und Heilpädagoginnen zum Beispiel. Sie müssen Knowhow mitbringen, es aber vor allem auch mit den anderen Lehrpersonen teilen. Etwa im Team-Teaching oder als individuelle Beratung. Lehrperson zu sein, ist heute generell eine anspruchsvolle Aufgabe, für die es angemessene Rahmenbedingungen braucht.

Sie würden also auch bei einer grossen Schule nicht empfehlen, Kleinklassen und integrative Sonderpädagogik nebeneinander anzubieten.

Der Nachteil zweier Modelle ist, dass Kräfte nicht gebündelt werden können. Die Schulbehörden müssen sich deshalb die Frage stellen, ob sie ein Spezialangebot mit entsprechend viel Fachpersonal möchten, oder doch ein Modell, das viel durchlässiger ist. Für die Tragfähigkeit der Schule ist es aber auch wichtig, dass alle am gleichen Strick ziehen und sich niemand über den Tisch gezogen fühlt.