Seit kurzem ist David Mägli Pfarrer in der Reformierten Kirchgemeinde Kirchleerau. Als Erstes möchte er die Sonntagsschule wieder einführen, die irgendeinmal in der Gemeinde eingeschlummert war. Es sei grundlegend, dass bereits Kinder religiöses Wissen vermittelt bekommen, findet er.

«Sie sind aufnahmefähiger und die biblischen Geschichten gehen bei ihnen mehr ins Herz als bei Erwachsenen.» Er erinnert sich, wie gerne er als Knabe in die Sonntagsschule ging. Die Besuche hätten dazu beigetragen, dass er Pfarrer geworden sei, ist er überzeugt.

Mitte Februar findet in Kirchleerau nun parallel zum sonntäglichen Gottesdienst erstmals wieder Sonntagsschule statt. Die Frau vom Pfarrer sowie andere Mütter aus der Kirchgemeinde werden die Sonntagsschule leiten. Durch Geschichten und Lieder, beim Zeichnen und Theaterspielen sollen die Kinder spielerisch in den Glauben eingeführt werden.

Begriff hat ausgedient

Ursprünglich vermittelte die Sonntagsschule den Protestanten nicht nur religiöses Wissen, sondern half auch unterprivilegierten Schichten bei der Alphabetisierung. Die Sonntagsschule war oft die einzige Möglichkeit, armen Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen. Diese Funktion hat die Sonntagsschule bis heute in unterentwickelten Ländern beibehalten.

Sind aber bei uns Sonntagsschulen noch zeitgemäss? «Ja, auch wenn es die klassische Sonntagsschule nur noch in wenigen Kirchgemeinden gibt», findet Jutta Bossard, Katechetin in Erlinsbach und Fachmitarbeiterin des religionspädagogischen Konzepts «Pädagogisches Handeln» der Reformierten Landeskirche Aargau.

Bei der Umsetzung dieses Konzepts vor etwa 20 Jahren sei man vom Begriff «Sonntagsschule» weggekommen, weil sich dieser vom Verständnis her nicht mit dem Religionsunterricht in der Schule vertrage. «Die Sonntagsschullehrerin gibt es heute nicht mehr.»

«Sonntagsschule» erwecke den Eindruck, dass es sich um eine Schule handelt. Inhaltlich würde es die Sonntagsschule aber nach wie vor geben, sagt Jutta Bossard, nur tragen die Angebote andere Namen: Kindertreff, Kinderbibelstunde (Kibis), «Chinderchile», «Sonntagsgeschichte», «SoFA», «KiGo’s». All diese kirchlichen Angebote seien eine Ergänzung zum Religionsunterricht in der Schule, wobei die Kinder ganzheitlich in den christlichen Glauben eingeführt würden.

Am Sonntag lieber zu Hause

Viele der Angebote finden nicht mehr sonntags, sondern auch samstags oder unter der Woche statt. Auch hier habe ein Umdenken stattgefunden, so Jutta Bossard: «Die Familienstrukturen haben sich verändert. Der Sonntag ist oft ein heiliger Familientag. Die Eltern wollen mit ihren Kindern in Ruhe zmörgele oder einen Ausflug machen und nicht an einem kirchlichen Anlass teilnehmen.»

Aus diesem Grund seien die Sonntagsanlässe nicht mehr so gut besucht wie früher. Hingegen kämen an speziellen Feiertagen viele Kinder mit ihren Eltern in die Familiengottesdienste, sagt Bossard. Diese begeistern Kinder und Eltern gleichermassen.

Seengen machts vorbildlich

Die Angebote in den verschiedenen Kirchgemeinden werden laut Bossard gut besucht. Dabei spielten die Mitarbeiter der Kinderkirche eine wichtige Rolle: Ihnen biete die reformierte Landeskirche Aargau den Ausbildungslehrgang «Kaleidoskop» an, in dem sie viel über Erzählmethoden oder Entwicklungspsychologie lernten.

Die ersten Berührungen mit der Bibel sollten für Kinder positiv sein, weiss Jutta Bossard aus eigener Erfahrung: Als Mädchen besuchte sie die Sonntagsschule. «Meine Sonntagsschullehrerin erzählte uns wundervolle biblische Geschichten.»

Als Paradebeispiel wie die Arbeit mit Kindern funktioniert, nennt Jutta Bossard die reformierte Kirchgemeinde Seengen. Für das kirchliche Angebot habe sie extra Stellenprozente geschaffen und ein starkes Beziehungsnetz zwischen Kirche und Kinder respektive Eltern geknüpft.

Reitnau hält Tradition aufrecht

Auf traditionelle Weise führt die Kirche Reitnau die «Sonntigschuel» durch: Jeden Sonntag, während dem die Eltern in die Kirche gehen, besuchen die Kinder die Sonntagsschule. Wobei sie die erste halbe Stunde noch mit ihren Eltern in der Kirche verbringen. Danach hören sich bis zu 40 Kinder zwischen 5 und 12 Jahren Geschichten an, singen, beten oder basteln.

Es sei wichtig, dass bereits junge Menschen in Berührung mit dem Evangelium kommen, sagt der Reitnauer Pfarrer Matthias Schüürmann. Natürlich seien früher mehr Kinder in die Sonntagsschule gekommen, so Schüürmann. «Da waren die Familien auch noch kinderreicher.»

In Erlinsbach führt die Kirche zwar keine sonntäglichen Kinderanlässe mehr durch, lädt dafür alle zwei Monate am Samstag zur «Chinderchile» ein: Kinder bis zu sechs Jahren besuchen mit ihren Eltern, Geschwistern oder Grosseltern den ökumenischen Gottesdienst abwechslungsweise in der reformierten oder in der katholischen Kirche. Die Besucherzahl liege durchschnittlich bei 20 Kindern und sei in den letzten Jahren gleichbleibend, heisst es bei der reformierten Kirchgemeinde.

Gottesdienst und Stadtbesuch

Eine «Chinderchile» gibt es ebenfalls in Aarau: Einmal im Monat, am Samstagmorgen, feiern Kinder einen Gottesdienst, erleben eine Geschichte, singen, beten und basteln. Sie dürfen sich in der Nähe der Kanzel in der Kirche auf bunte Kissen setzen, dem Orgelspiel lauschen und bei jedem Gottesdienst ihre eigene Kerze anzünden.

Die Kinder sollen die Kirche mit Ritualen erleben», sagt Pfarrer Daniel Hess. Der Samstagmorgen sei dafür ideal: Die Eltern haben Zeit, ihre Kinder zu begleiten. Manche Eltern verbinden die «Chinderchile« auch mit einem Einkauf in der Stadt. Der Sonntag habe für das Kinderangebot nicht mehr funktioniert, sagt Daniel Hess. Die Eltern hätten keinen Grund mehr gehabt, um in die Stadt zu gehen.