Aarau
Sie sind eine Rettungsinsel für Abhängige: die Anonymen Alkoholiker

Seit 50 Jahren haben die Anonymen Alkoholiker Gastrecht im «Goldige Öpfel». In dieser Zeit hat die Gruppe schon vielen Menschen das Leben gerettet. Betroffene erzählen gegenüber der az, wie die Anonymen Alkoholiker auch ihnen geholfen haben.

Eddy Schambron
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Sie sind trocken, aber bleiben Alkoholiker. (Symbolbild)

Sie sind trocken, aber bleiben Alkoholiker. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Die Aarauer Gruppe der Anonymen Alkoholiker hat schon vielen Menschen das Leben gerettet. «Auch meines», sagt Pius, seit 13 Jahren trocken. Die Selbsthilfegruppe besteht seit genau 50 Jahren. Jeden Mittwoch treffen sich alkoholkranke Menschen im «Goldige Öpfel» an der Kasernenstrasse zum Meeting.

Pius (Name geändert) ist 56 Jahre alt. Er hat wegen seiner Alkoholkrankheit den Job verloren, seine Ehe und Familie beinahe der Bierflasche geopfert und mehrere Anläufe unternommen, um seiner Sucht wegzukommen. «Als ich auf Hinweis meines Hausarztes das erste Mal vor dem ‹Goldige Öpfel› stand, hoffte ich, niemand würde kommen und ich könnte zwei, drei Häuser weiter zum Bier», bekennt Pius. Aber sie kamen, seine Leidensgenossinnen und -genossen.

Anonyme Alkoholiker und Al-Anon: Selbsthilfe mit einem 12-Schritte-Programm

In der Schweiz wurde 1956 die erste AA-Gruppe ins Leben gerufen. Die AA-Gruppe Aarau, 1965 gegründet, gehört damit zu den ältesten. Inzwischen besteht in der ganzen Schweiz ein Netz von etwa 170 lokalen und regionalen Gruppen. Die AA sind eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die sich ausschliesslich aus freiwilligen Spenden finanziert.

Die Anonymität ist das Grundprinzip der Anonymen Alkoholiker. Alter, Beruf, Konfession und Herkunft spielen innerhalb der Gemeinschaft keine Rolle. Durch den ständigen Kontakt mit inzwischen trockenen Kolleginnen und Kollegen können «Neulinge» den Zwang zum Trinken durchbrechen. Dabei geht es vorerst nicht darum, dem Alkohol für alle Zeiten abzuschwören. Der Einsteiger konzentriert sich darauf, jetzt nicht zu trinken und den Alkohol die nächsten 24 Stunden stehen zu lassen.

Für Angehörige von Alkoholkranken gibt es die Al-Anon, für Kinder und Jugendliche mit alkoholkranken Eltern die Alateen. Auch bei diesen Organisationen, die sich ebenso wie AA ausschliesslich selbst finanzieren, ist Anonymität das Grundprinzip. Sie sind nach denselben Grundsätzen wie die AA organisiert und arbeiten mit einem Zwölf-Schritte-Programm. Beide führen eine Hotline: Unter 0848 848 885 erreicht man rund um die Uhr die AA, unter 0848 848 843 die Al-Anon. Weitere Informationen und Meetingsdaten unter www.anonyme-alkoholiker.
ch und www.al-anon.ch. (es)

«Erstmals traf ich Leute, die verstanden, was der Alkohol mit mir und in mir anrichtet. Ich fand Leute, mit denen ich offen über meine Probleme reden konnte.» Das half. Pius ist seit 13 Jahren trocken. Und er geht weiterhin regelmässig in das Meeting der Anonymen Alkoholiker (AA): «Alkoholismus ist eine tödliche Krankheit, die ich aber stoppen kann. In der AA-Gruppe unterstützen wir uns dabei.»

Gründung 1965

Es waren drei Aarauer Männer, die vor über 50 Jahren erkannten, dass sie sich mit ihrem Alkoholkonsum zugrunde richteten. Sie besuchten als letzte Rettungsmöglichkeit in Luzern AA-Meetings und kamen zum Schluss, dass es auch in Aarau eine solche Gruppe braucht. Mithilfe der Luzerner Kollegen gründeten sie die AA-Gruppe Aarau 65; die Zahl bezieht sich auf das Gründerjahr. Unterkunft fanden sie im damaligen «Helvetia», das dem Bund abstinenter Frauen Aarau gehörte und später in «Goldige Öpfel» umbenannt wurde. Seither sind viele alkoholkranke Menschen zu den Meetings gekommen, sind geblieben und trocken geworden oder auch wieder gegangen. Bei den Anonymen Alkoholikern ist alles freiwillig und es gibt keinen Druck. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.

Keine Vorwürfe

Das war auch bei Sabrina so. Die Hausfrau und Mutter war am Ende. «Mit Alkohol funktionierte das Leben nicht, weil man in betrunkenem Zustand nichts auf die Reihe kriegt, ohne Alkohol ging es auch nicht, weil ich abhängig war und den Alkohol körperlich und seelisch brauchte.» Der Besuch der Meetings in Aarau zeigten ihr, dass es möglich ist, die nicht heilbare, schwere Krankheit zum Stillstand zu bringen. «Es wurden mir keine Vorwürfe und keine Vorschriften gemacht, ich wurde so angenommen, wie ich war.» Wichtig sei ihr neben der Anonymität auch gewesen, dass immer nur eine Person redet und alle andern zuhören. «Es wurde nicht kritisiert oder schulmeisterlich berichtigt. So hatte ich die Möglichkeit, meinen eigenen Weg in die Freiheit zu gehen.» Durch die gehörten Lebensgeschichten der Anonymen Alkoholiker sei es ihr möglich gewesen, den harten und schwierigen Weg mit Ausdauer und vielen Hochs und Tiefs zu gehen. «Ich bekam in den Meetings den Mut, die Kraft und die Hoffnung, weiterzumachen.»

Pius und Sabrina sind heute trocken. Aber sie bleiben Alkoholiker. Weil ihnen das bewusst ist, besuchen sie weiterhin das Mittwoch-Meeting ihrer inzwischen 50-jährigen Stammgruppe im «Goldige Öpfel». Oder auch das Montags-Meeting, das sich seit 1993 im katholischen Pfarrhaus etabliert hat. «Wir treffen uns jeweils um 20 Uhr. Wir kennen uns nur beim Vornamen, was im Meeting gesagt wird, bleibt unter uns. Damit helfen wir einander», erklärt Pius. «Ich habe in den Meetings erfahren, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und nichts mit Charakterlosigkeit oder Willensschwäche zu tun hat», erzählt Sabrina.

Mit den Besuchen der Meetings will sie nicht nur ihre eigene Trockenheit sichern, sondern diese Botschaft auch weitergeben an jene Menschen, die heute dort stehen, wo sie vor einigen Jahren stand: am Abgrund, gefangen vom Alkohol, ohne Hoffnung und Perspektiven. «Es gibt einen Ausweg», sagt sie, «ich habe ihn in Aarau an den Meetings der Anonymen Alkoholiker gefunden.

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