Haben Sie bemerkt, dass Aarau diesen Sommer grüner ist als sonst? Dass überall in der Altstadt Holzkisten mit allerlei Pflanzen stehen? Etwa auf dem Fenstersims des Restaurants «Laterne», mit Kapuzinerkresse, Peterli, Zitronenmelisse. Vor dem Tourismusbüro Aarau Info, mit Ringelblume, Buchweizen, Borretsch. Oder beim «Unverpackt»-Laden: Storchschnabel, wilde Geranien, roter Krautstiel.

Dahinter steckt der Verein «Garten für Aarau». «Wir wollen Aarau zu einer nachhaltigen Stadt machen», sagt die gebürtiger Grazerin Nadine Almer. Ihr sei aufgefallen, dass viele Menschen den Bezug zur Ursprünglichkeit von Lebensmitteln und zur Natur verloren haben. Die Idee, die Natur in Form von Pflanzen wieder in die Stadt zu holen, sei zu ihrem «Herzenswunsch» geworden. Das Problem: «Ich hatte keine Ahnung vom Gärtnern.»

Mehr als die Hälfte der Ladenbesitzer machte mit

Mit Sabrina Richter fand Nadine Almer schliesslich eine begeisterte Hobbygärtnerin im Freundeskreis, und gemeinsam mit ihren Partnern und einem befreundeten Paar gründeten die beiden vor rund einem Jahr «Garten für Aarau».

Erste Aktion: die Planzenkistchen. «Ein Ladeninhaber oder -mieter kann auf der Strasse vor seinem Laden machen, was er will, solange er die Regeln der Stadt einhält», sagt Nadine Almer. «Wieso also nicht ein bisschen Natur?» Die Idee: Holzkisten mit verschiedenen standortangepassten Blumen, Kräutern und Gemüsen, alle handgezogen in der Region, werden Ladenbetreibern als «Pflanzenpaten» übergeben. Das soll für Wissensaustausch sorgen, für Gespräche, für ein neues Bewusstsein zu Natur, Regionalität, Nachhaltigkeit. Bei fast fünfzig Gewerbetreibenden ging der Verein vorbei und stellte seine Idee vor; bot an, für Bewilligung und Ferienbetreuung der Pflanzen zu sorgen. Über die Hälfte sagte zu. Auch der «Globetrotter» am Graben, wo Carla Riss arbeitet. Sie war so begeistert vom Projekt, dass sie sich der Bewegung gleich anschloss. Sie ist dort jetzt unter anderem fürs Marketing zuständig.

«Die vielen Brunnen haben uns echt gerettet»

«Ohne Materialspenden, unser tolles Helferteam und viel ehrenamtliche Arbeit wäre es nicht gegangen», sagt Nadine Almer. Denn der Sommer war hart – und heiss. Dreimal in der Woche musste der Verein vor 9 Uhr Kontrollgänge machen, damit der Werkhof allfällige Schäden oder Verunreinigungen nicht wegräumen musste. Eine der vielen Auflagen der Stadt. Und die Pflanzen mussten bei Abwesenheit der Ladenbesitzer gegossen werden. «Zum Glück hat es in Aarau so viele Brunnen, die haben uns echt gerettet.» Probleme mit Vandalismus oder Littering hat es übrigens nur ganz selten gegeben: «Vielleicht ein, zwei Mal ein umgestossenes Kistli und vielleicht ab und zu mal ein Plastikbecher zwischen den Pflanzen. Wir sind positiv überrascht.»

Jetzt wäre eigentlich Erntezeit – für alle. Passanten dürfen sich an den Kistli bedienen. Bloss: Kaum jemand getraut sich. Und: «Viele Leute wissen nicht recht, was sie mit den Pflanzen machen sollen», sagt Nadine Almer. Peterli kennt man ja, aber wie sieht Krautstiel noch mal aus? Und wie bereitet man ihn zu?

Die Website gartenfueraarau.ch gibt Antworten. Dort schreibt der Verein auch: «Der Garten für Aarau soll auch einen Anstoss geben, über die Themen Nachhaltigkeit, Verschwendung, Monokulturen und Samenmonopole nachzudenken.»

Der Verein sucht grössere Gartenflächen

Um dieses Ziel zu erreichen, reichen Pflanzenkistli nicht. Der Verein hat grosse Pläne: «Wir suchen – neben weiteren Mitgliedern und Sponsoren – auch nach grösseren Flächen», sagt Janina Lüscher. Die gelernte Floristin macht eine Ausbildung im Bereich Permakulturen. Darunter versteht man Gartenbau, der den natürlichen Kreislauf der Natur nutzt. «Wer in Aarau einen Garten hat, den er nicht selber oder nicht allein bewirtschaften möchte, darf sich gerne bei uns melden», sagt Janina Lüscher. «Wir würden gerne Gemeinschaftsgärten einrichten, vielleicht sogar einen Lerngarten oder einen Waldgarten.»

Zusammen mit der Stadt führt der Verein zudem einen Nachhaltigkeitsmarkt durch (21. 9., 10 bis 16 Uhr, Markthalle). Wobei das Wort «Markt» nicht im Sinne einer Konsumveranstaltung zu verstehen ist – vielmehr soll das Thema Nachhaltigkeit mit regionalen Akteuren ausgeleuchtet werden.