Aarau
Sie helfen Asylbewerbern – und schauen genau, wem sie das erzählen

Wer sind die Leute, die sich mit den Fremden abgeben, obwohl diese meist wieder gehen müssen? Warum tun sie es? Ein Besuch bei den Freiwilligen des Vereins Netzwerk Asyl Aargau

Sabine Kuster
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Rolf Geiser an einem Rundgang von Netzwerk Asyl Aargau im April 2014.

Rolf Geiser an einem Rundgang von Netzwerk Asyl Aargau im April 2014.

Peter Weingartner

Der Raum ist zu klein, eng stehen die Stühle beieinander. 21 Freiwillige des Vereins Netzwerk Asyl Aargau sind an diesem Abend gekommen. Rolf Geiser hat aus Gewohnheit pessimistisch gerechnet, denn sein Verein geniesst nicht die grösste Popularität in der Bevölkerung.

Eine der anwesenden Freiwilligen hatte ihrer Nachbarin vom Engagement für Asylbewerber erzählt und Unverständnis geerntet. Diese Leute müssten raus aus dem Land, man solle ihnen sicher nicht noch helfen oder sie beschäftigen. «Man muss überlegen, wem man es sagt», bilanziert die Frau. Max Heimgartner, der den Asyl-Treff Contact in Aarau leitet, sagt: «Wir sind auf weiten Strecken in Opposition mit unseren Miteidgenossen. Wir stossen auf Stirnrunzeln oder auf mehr.»

Diana Haus, Erlinsbach, KV-Angestellte: «Mein Herz schlägt für die Randgruppen allgemein.» «Ich gehöre einer christlichen Gemeinde an und habe auch schon in einem Obdachlosen-Café gearbeitet. Asylbewerber werden besonders benachteiligt, weil sie das Wissen übers Land nicht haben. Wo ich Ungerechtigkeit sehe, muss ich einfach etwas tun.»
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Elisabeth Straumann, Erlinsbach SO, pens. Lehrerin: «Ich habe eine Freiwilligenarbeit gesucht.» «Und da ich schon in Erlinsbach Asylsuchende betreut habe, habe ich mich fürs Netzwerk Asyl entschieden. Ich finde es wichtig, sich für Asylsuchende einzusetzen, weil man so viel Negatives hört und fühlt. Es ist ein Frust, bei den Abstimmungen stets bei den Verlierern zu sein.»
Simon Jung, Suhr, IT-Berater: «Mich interessiert die Welt.» «Ich hatte vorher nie einen Bezug zu Asylanten. Dabei kenne ich teilweise ihre Länder vom Reisen. Ich wollte wissen, wie es den Leuten hier geht. Es ist ein guter Einsatz in meiner Freizeit. Die meisten wissen nur Oberflächliches und können sich gar nicht vorstellen, was für Probleme sie zu Hause hatten.»
Heinz Oppliger, Tägerig, pensioniert: «Wir können die Asylbewerber nicht einfach hocken lassen. «Sie haben viel zu viel Freizeit und keine Beschäftigung. Ausserdem: Mir geht es gut, ich habe eine christliche Erziehung und ich kam hier zur Welt ohne etwas dafür getan zu haben. Ich glaube, es ist für ihre Psyche besser, wenn sie merken, dass nicht alle gegen sie sind.»

Diana Haus, Erlinsbach, KV-Angestellte: «Mein Herz schlägt für die Randgruppen allgemein.» «Ich gehöre einer christlichen Gemeinde an und habe auch schon in einem Obdachlosen-Café gearbeitet. Asylbewerber werden besonders benachteiligt, weil sie das Wissen übers Land nicht haben. Wo ich Ungerechtigkeit sehe, muss ich einfach etwas tun.»

HO

Revolutionäres tut der Verein nicht. Er gibt gratis Deutschkurse, er bietet einen Treffpunkt und es gibt das Projekt «BBB», Bildung, Begegnung und Beschäftigung, für welches Rolf Geiser vor einer Woche als «Held des Alltags» vom Schweizer Radio SRF 1 nominiert worden war. «BBB» organisiert jeden Samstag Besuche an verschiedenen Orten in und um Aarau. Am nächsten Samstag wird eine Theatergruppe besucht, die Woche drauf geht es auf die Eiskunstbahn und dann steht das Thema «1 Schweiz, 26 Kantone» auf dem Programm.

Es gebe sogar Asylbewerber, die nicht verstünden, warum sie dafür freiwillig arbeiten würden, sagt Max Heimgartner. Und versucht es dann zu erklären: Er tue es, gerade, weil es ihm niemand befehle. Die übrigen Anwesenden begründen das Engagement so: Etwas Sinnvolles tun, will eine. «Etwas geben, denn das tut wohl», sagt Geiser. «Der Not etwas entgegnen», sagt ein Junger. Noch zu etwas nütze sein, will eine Seniorin. «Es ist die simple Neugierde», sagt Regula Wunderli, Projektleiterin von «BBB». Ja, das seien total interessante Leute, pflichtet eine junge Frau bei. Seit er dabei sei, lese und höre er die Nachrichten aus dem Ausland anders, sagt Heimgartner.

Kontakt mit einer anderen Welt

Und doch haben die Mitglieder nicht immer Lust mitzumachen. «Manchmal fühlt es sich wie eine Verpflichtung an», sagt Rolf Geiser. «Aber meine Frau und ich kommen dann doch immer total aufgekratzt heim. Wir bekommen von deren Lebensmut viel mit.» Es täten sich Welten auf, sagt eine Frau, «und wir leben in einer Scheinwelt. Wenn ich dort bin, sehe ich auf einmal den Boden der Wirklichkeit.»

Die Anwesenden geben sich nicht der Illusion hin, sie seien selbstlose Helfer. Sie sagen, sie wüssten, dass sie es auch für sich täten. Dabei gefällt ihnen längst nicht alles. «Ich vermisse die Selbstverantwortung mancher Asylbewerber», sagt eine Frau. «Wenn zum Beispiel einer schon länger hier ist und sich im Deutsch doch keine Mühe gibt.» Er wünsche sich manchmal beim einen oder anderen, er würde die Ärmel aufkrempeln statt immer direkt ans Buffet zu gehen, sagt auch Max Heimgartner.
Es gibt viele «Dankeschön», viele gute Beispiele von Asylbewerbern, es gibt die Erfolgserlebnisse. Aber Geiser sagt: «Man muss bescheiden sein. Man muss das Gras wachsen sehen.» Viele Asylbewerber kommen nur kurzzeitig. Denn das nahe Aufnahmezentrum Torfeld in Buchs ist nur eine Zwischenstation. Umso mehr freut er sich, wenn einer später mal wieder vorbeischaut.

Viele sind gläubige Christen

Wer sind sie, die da eng beieinander im Raum der Beratungsstelle «Integration Aargau» auf Stühlen hocken? Bis zum Ende des Abends zeigt sich: Auffallend viele von ihnen haben einen christlichen Hintergrund. Heimgartner nennt die «Liebe zum anderen» und dass er es wie Jesus tun wolle, den Leuten helfen, sich aufzurichten. «Aber ich habe auch eine Ahnung, was passieren könnte, wenn wir es sausen lassen. Wenn noch mehr Wut entsteht. Für den Frieden lohnt es sich langfristig, Gegensteuer zu geben.»

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