Der Raum ist zu klein, eng stehen die Stühle beieinander. 21 Freiwillige des Vereins Netzwerk Asyl Aargau sind an diesem Abend gekommen. Rolf Geiser hat aus Gewohnheit pessimistisch gerechnet, denn sein Verein geniesst nicht die grösste Popularität in der Bevölkerung.

Eine der anwesenden Freiwilligen hatte ihrer Nachbarin vom Engagement für Asylbewerber erzählt und Unverständnis geerntet. Diese Leute müssten raus aus dem Land, man solle ihnen sicher nicht noch helfen oder sie beschäftigen. «Man muss überlegen, wem man es sagt», bilanziert die Frau. Max Heimgartner, der den Asyl-Treff Contact in Aarau leitet, sagt: «Wir sind auf weiten Strecken in Opposition mit unseren Miteidgenossen. Wir stossen auf Stirnrunzeln oder auf mehr.»

Revolutionäres tut der Verein nicht. Er gibt gratis Deutschkurse, er bietet einen Treffpunkt und es gibt das Projekt «BBB», Bildung, Begegnung und Beschäftigung, für welches Rolf Geiser vor einer Woche als «Held des Alltags» vom Schweizer Radio SRF 1 nominiert worden war. «BBB» organisiert jeden Samstag Besuche an verschiedenen Orten in und um Aarau. Am nächsten Samstag wird eine Theatergruppe besucht, die Woche drauf geht es auf die Eiskunstbahn und dann steht das Thema «1 Schweiz, 26 Kantone» auf dem Programm.

Es gebe sogar Asylbewerber, die nicht verstünden, warum sie dafür freiwillig arbeiten würden, sagt Max Heimgartner. Und versucht es dann zu erklären: Er tue es, gerade, weil es ihm niemand befehle. Die übrigen Anwesenden begründen das Engagement so: Etwas Sinnvolles tun, will eine. «Etwas geben, denn das tut wohl», sagt Geiser. «Der Not etwas entgegnen», sagt ein Junger. Noch zu etwas nütze sein, will eine Seniorin. «Es ist die simple Neugierde», sagt Regula Wunderli, Projektleiterin von «BBB». Ja, das seien total interessante Leute, pflichtet eine junge Frau bei. Seit er dabei sei, lese und höre er die Nachrichten aus dem Ausland anders, sagt Heimgartner.

Kontakt mit einer anderen Welt

Und doch haben die Mitglieder nicht immer Lust mitzumachen. «Manchmal fühlt es sich wie eine Verpflichtung an», sagt Rolf Geiser. «Aber meine Frau und ich kommen dann doch immer total aufgekratzt heim. Wir bekommen von deren Lebensmut viel mit.» Es täten sich Welten auf, sagt eine Frau, «und wir leben in einer Scheinwelt. Wenn ich dort bin, sehe ich auf einmal den Boden der Wirklichkeit.»

Die Anwesenden geben sich nicht der Illusion hin, sie seien selbstlose Helfer. Sie sagen, sie wüssten, dass sie es auch für sich täten. Dabei gefällt ihnen längst nicht alles. «Ich vermisse die Selbstverantwortung mancher Asylbewerber», sagt eine Frau. «Wenn zum Beispiel einer schon länger hier ist und sich im Deutsch doch keine Mühe gibt.» Er wünsche sich manchmal beim einen oder anderen, er würde die Ärmel aufkrempeln statt immer direkt ans Buffet zu gehen, sagt auch Max Heimgartner.
Es gibt viele «Dankeschön», viele gute Beispiele von Asylbewerbern, es gibt die Erfolgserlebnisse. Aber Geiser sagt: «Man muss bescheiden sein. Man muss das Gras wachsen sehen.» Viele Asylbewerber kommen nur kurzzeitig. Denn das nahe Aufnahmezentrum Torfeld in Buchs ist nur eine Zwischenstation. Umso mehr freut er sich, wenn einer später mal wieder vorbeischaut.

Viele sind gläubige Christen

Wer sind sie, die da eng beieinander im Raum der Beratungsstelle «Integration Aargau» auf Stühlen hocken? Bis zum Ende des Abends zeigt sich: Auffallend viele von ihnen haben einen christlichen Hintergrund. Heimgartner nennt die «Liebe zum anderen» und dass er es wie Jesus tun wolle, den Leuten helfen, sich aufzurichten. «Aber ich habe auch eine Ahnung, was passieren könnte, wenn wir es sausen lassen. Wenn noch mehr Wut entsteht. Für den Frieden lohnt es sich langfristig, Gegensteuer zu geben.»