Am Wochenende band sie sich die Schürze um, daheim im Toggenburg, trug Teller zwischen Küche und Gastraum hin und her. Sonst wäre sie nicht über die Runden gekommen. Priska, damals zarte 26 Jahre alt, frisch gebackene Inhaberin einer Boutique für Hochzeits- und Festtagsmode in der Aarauer Kirchgasse.

Aus dem Bauch heraus hatte sie zugesagt, das Geschäft hier zu übernehmen. Ohne Aarau zu kennen, ohne Aarauer zu kennen.

Bis dahin hatte Priska Louis als Bekleidungsgestalterin und Zuschneiderin in einem Brautmodeladen in Zürich gearbeitet. Das Brautmode-Geschäft in Aarau hatte ihr die Chefin schmackhaft gemacht. «Die damalige Inhaberin, eine Kundin von uns, hätte ohne Nachfolgerin das Geschäft geschlossen», sagt Priska Louis. Also nahm sie Mut und Geld zusammen und machte sich selbstständig. Nähte und entwarf, schnitt und stickte in Haus Nummer 5, beriet und verkaufte nebenan in Haus Nummer 3.

Da entstanden Freundschaften

Kellnern musste sie nicht lange, das Geschäft lief gut. So gut, dass die Räume an der Kirchgasse rasch zu eng wurden. 1984 zog sie in die Rathausgasse 25, ins «schmale Handtuch», und 1991 an die Rathausgasse 28.

Und hier sagt Priska Louis heute Adieu. 38 Jahre nach dem Bauchentscheid gibt sie ihr Geschäft in neue Hände. Mit Lianna und Artak Papoyan hat sie die Nachfolger gefunden, auf die sie all die Jahre gehofft hat. «So etwas übergibt man nicht einfach so», sagt Priska Louis und streicht gedankenverloren über ein dickes Album, eingebunden mit rauer Jute. Es ist das Album, das sie seit 38 Jahren begleitet.

Auf den dicken Seiten kleben Dankeskärtchen. Unterschrieben von Monika und Klaus, Claudia und Martin, glückselig, strahlend, am schönsten Tag ihres Lebens, gehüllt in Taft und Tüll, Volant und Spitze. Bei ihnen allen hat Priska Louis etwas zu diesem Glück beigetragen. «Ein schönes Gefühl», sagt sie und lächelt.

Und selbst bei den ältesten Kärtchen erinnert sie sich noch an die Geschichten dahinter, süffige und traurige, fröhliche und überraschende. «Mit vielen Bräuten haben sich über die Jahre Freundschaften entwickelt», sagt Priska Louis. Viele würden immer wieder im Geschäft auf einen Schwatz vorbeischauen. «Das Allerschönste ist, wenn heute die Bräute von damals mit ihren Töchtern wieder zu mir kommen.»

Unterhaltsam ist das Album nicht nur für Priska Louis, die die Paare kennt. Was damals getragen wurde! Hütchen und Schirme, Stufenkleider, Schulterpolster und Stirnbänder, Diademe, tief in die Stirn gezogen. Und Puffärmel. So bauschig, dass die Braut fast zwischen den Stofflagen verschwand. Priska Louis lacht. «Die meisten Trends kommen nach 15 bis 20 Jahren wieder, aber bei den Puffärmeln bin ich mir sicher, dass sie nie mehr erscheinen.»

Aktuell in sind schmal geschnittene Kleider aus Spitze und mit durchsichtigen, bestickten Ärmeln oder Rückenansichten; sogenannte Tattoo-Spitze. Ein Kleid, wie es auch Priska Louis tragen würde, würde sie denn noch einmal heiraten. Damals, vor 32 Jahren, fiel ihr der Entscheid mit dem Kleid schwer; natürlich, bei all der Auswahl, die sie täglich um sich herum hatte. «Der Lieferant durfte das Kleid erst 14 Tage vor der Hochzeit liefern, damit ich keine Zeit hatte, um mich umzuentscheiden.» Breit geschnitten sei es gewesen, mit kleinen Puffärmeln.

Dabei war Priska Louis nie das Mädchen, das vom Heiraten träumte. «Ich wollte nichts lieber als ein Junge sein», sagt sie und lacht. Erst später, in der Lehre als Schneiderin, packte sie die Faszination für das Heiraten, für Brautmode, für die Stoffe, das zarte Material, das sorgfältige Arbeiten. Für das Glück eines verliebten Menschen. «Bräute haben etwas Magisches an sich, man muss sie sich einfach anschauen.» Noch heute komme es vor, dass sie der Anblick einer Braut, die ihr Hochzeitskleid gefunden hat, das wichtigste Kleid ihres Lebens, so berühre, dass sie eine Träne verdrücken müsse.

Auch kohlrabenschwarze Zeiten

Heute verkaufen Priska Louis und ihr Team auf rund 240 Quadratmeter Fläche rund 380 Brautkleider pro Jahr, nebst der Festtagsmode und Mode für den Bräutigam. Eine Zahl, die seit Jahren konstant ist. Denn geheiratet wird immer. Und anders als bei Festtags- oder Alltagsmode macht der Online-Handel der Brautmode keinen Strich durch die Rechnung. «Eine Braut will ihr Kleid suchen, anprobieren, fühlen. Dieses Erlebnis gehört dazu, das kann das Internet nicht bieten.»

Trotzdem kann Priska Louis auf eines nicht bauen: Stammkundschaft. «Ich lebe von der Mundpropaganda, vom Wohlfühlen der Kundinnen.» Dass sie das beherrscht, zeigen die nackten Zahlen: Knapp 14'500 Brautkleider hat sie in den 38 Jahren verkauft, 14'500 Frauen glücklich gemacht. «Ein schönes Fazit, nicht wahr?»

Doch Priska Louis hat auch schwarze Zeiten erlebt. Kohlrabenschwarze Zeiten. Im Dezember 2002 brach in ihrer Boutique ein Feuer aus. Am Freitag, dem 13., kurz vor der grossen Modeschau in der Bärenmatte Suhr mit Hunderten geladenen Gästen. Eine Katastrophe. Was nicht Feuer gefangen hatte, war schwarz, getränkt vom Löschwasser. Vermutlich hatte eine Weihnachtsdekoration den Brand verursacht. Priska Louis spricht nicht gern darüber. Nur so viel: «Ich habe danach doppelt so viel gearbeitet wie davor, habe funktioniert wie ein Roboter.» Die Modeschau fand wie geplant statt.

Und jetzt sagt sie also Adieu, die Grande Dame der hiesigen Brautausstatter mit dem gebliebenen St. Galler Zungenschlag. Wobei, gänzlich zurückziehen wird sie sich nicht. An die Messen in Barcelona, Düsseldorf und Mailand wird sie weiterhin mitreisen. Und sonst? Sie wolle jetzt mehr Skifahren und Golfen, und einen grossen Garten habe sie auch, sagt Priska Louis. «Aber eigentlich habe ich noch gar nicht realisiert, was jetzt auf mich zukommt.»