In Aarau braut sich etwas zusammen: Neun Bierliebhaber haben sich zusammengetan, um der Stadt etwas zurückzugeben, was seit genau 100 Jahren fehlt: ein eigenes Bier. Diese Woche wurde die Brauerei Aarau AG gegründet.

Geschichte verpflichtet – die Ambition, der Stadt ein Bier zu brauen, auch. Und so haben sich die Brauer ihr Lokal nicht irgendwo gesucht, sondern in der Stadt. Fündig geworden sind sie in den Räumen des ältesten Aarauer Handwerkbetriebes, der Glockengiesserei H. Rüetschi AG, deren Geschichte 650 Jahre zurückreicht.

«Ein Aarauer Bier muss unbedingt mitten in Aarau gebraut werden», sagt Daniel Richner. Dass man ausgerechnet im Kellergewölbe neben der Glockengiesserei brauen könne, sei ein Glückstreffer. «Zwei alte Handwerke, zwei alte Traditionen – das passt wunderbar zusammen.»

Geschichte auf der Etikette

Der Grund, ein Aarauer Bier zu brauen, liegt auf der Hand: In der Schweiz gibt es weit über 700 angemeldete Bierbrauereien – doch ausgerechnet in der Kantonshauptstadt gibt es keine. Ein Manko, das die Gründer – sie alle kennen sich aus der Pfadi und haben gemeinsam diverse Projekte und Events durchgeführt – schon lange umtreibt.

«Die Idee eines Aarauer Biers geistert seit Jahren herum», sagt Oliver Bachmann. «Aber erst im Spätsommer 2017 beschlossen wir, es tatsächlich anzupacken.»

Seither brüteten die neun über dem Geschäftsplan, feilten an den Rezepten, besuchten andere Brauereien und bildeten sich in Workshops weiter – und suchten das mitunter Wichtigste: den perfekten Namen.

Und auch da spielt die Historie eine wichtige Rolle. Das Aarauer Bier heisst «Stadtwächter», in Anlehnung an die Nachtwächter, die während Jahrhunderten mit ihren Laternen durch die dunklen Gassen zogen.

«Wir wollen mit dem ‹Stadtwächter› eine fiktive Figur schaffen, die die Geschichte Aaraus miterzählt», sagt Oliver Bachmann. So könnte beispielsweise Stadtwächter Otto bei der Stadtgründung durch die Kyburger mit dabei gewesen sein. Oder Stadtwächter Louis bei der Gründung der Helvetik, als Aarau deren erste Hauptstadt wurde. Kapitel der Aarauer Geschichte, die auch auf den Etiketten erzählt werden sollen.

Ein Maienzug-Bier?

Bis das erste Aarauer Bier gertrunken werden kann, wird es noch ein paar Monate dauern. Erst müssen die Brauer das Lokal umbauen; das entsprechende Gesuch soll in diesen Tagen eingereicht werden. Ausserdem läuft ab sofort eine Crowdfunding-Aktion (100-days.net), um die fehlenden 50 000 Franken für die Anschaffung grosser Drucktanks und weiterer Infrastruktur aufzutreiben.

Youtube-Video für das Crowdfunding:

Ausgeschenkt werden soll das Bier vorerst nirgends; geplant ist nur der Verkauf ab der Brauerei. «Wenn wir mit Gastrobetrieben zusammenarbeiten, müssen wir von Anfang an grosse Mengen in gleichbleibender Qualität liefern können», sagt Daniel Richner.

Dafür müsse sich der Betrieb erst einspielen. «Bisher haben wir die Rezepte erst auf einer 20-Liter-Anlage getestet, wir müssen jetzt erst pröbeln, bis wir das gleiche Resultat auf den grossen Anlagen hinbekommen», sagt Braumeister Leander Isenring, der Erfahrungen bei «Rabenbrau» in Gränichen gesammelt hat.

Geplant ist, dass ab Spätsommer jeden Samstag im Doppelsud gebraut wird; pro Sud gibt es 250 Liter, also knapp 1500 Flaschen pro Woche. Diese sollen für um die 3 Franken pro Stück verkauft werden.

Zu Beginn wird es drei verschiedene Sorten geben, es sollen aber mehr werden. «Wir möchten ein Bier für jeden Geschmack brauen», sagt Leander Isenring. Gut möglich seien auch saisonale Sorten, je nach Jahreszeit – oder Aarauer Brauch. Wer weiss, vielleicht gibt es nächstes Jahr sogar ein Maienzug-Stadtwächter-Bier mit Granatapfel-Geschmack.