Aarau/Suhr

Sex-Messe «Ekstase»: Als die Keba heiss statt kalt war

Der «Blick» bildete im März 1998 detailliert ab, was in der Keba abging. Sogar auf die erste Seite schafften es die langen Schlangen vor den Kassen (oben links).

Der «Blick» bildete im März 1998 detailliert ab, was in der Keba abging. Sogar auf die erste Seite schafften es die langen Schlangen vor den Kassen (oben links).

Vor 20 Jahren kamen 20'000 Personen an die Sex-Messe «Ekstase». Ganz Aarau stand im Banne der Sex-Messe. Nicht alle waren davon begeistert.

Fast wäre das kleine Jubiläum vergessen gegangen. Im März 1998 stand Aarau, stand die Schweiz, im Banne der Sex-Messe «Ekstase». Natürlich ging niemand hin, aber nach vier Tagen meldeten die Veranstalter 20 000 zahlende Besucher. «Am Samstag gabs an der Kasse fünf Schlangen – jede über 40 Meter lang!», meldete der «Blick». Der deutsche Veranstalter Ralph Lorenz jubelte: «In Aarau kam das ideale Publikum: gutbürgerliche Paare und sogar Grüppchen von Frauen.

Am Samstagabend dann sehr viele junge, attraktive Menschen. Auch Single-Frauen.» Freude herrschte auch bei Kurt Lüscher, dem Präsidenten der damaligen «AMA-Messe und -Kongress GmbH» (sie hatte die Keba im Sommer gemietet und an die «Ekstase» untervermietet): «Wir sind sehr zufrieden. Dafür muss sich Aarau ganz sicher nicht schämen. Im Gegenteil: Das ist ein positives Zeichen für die Zukunft!»

«Schädigung des Rufes»

Ganz so toll fanden die Veranstaltung, an der 15 000 Lustspielzeuge angeboten und auf zwei Bühnen Erotikshows gezeigt wurden, allerdings längst nicht alle. «Aus städtischer Sicht besteht kein Bedarf für eine Wiederholung dieses Anlasses», liess sich der damalige Stadtpräsident Marcel Guignard im «Blick» zitieren. Die reformierte Kirchenpflege Aarau hatte im Vorfeld des Anlasses mit «Erstaunen und Befremden» von der Erotik-Messe Kenntnis genommen: «Eine solche Messe stellt eine Entwürdigung vieler Menschen, die in Aarau wohnen, und eine Schädigung des Rufes unserer Stadt dar.»

Unter dem Titel «Wenn Erotik zum Ärgernis wird» berichtete die AZ, wie den Behörden bei Bewilligungen von Anlässen auf der Keba die Hände gebunden sind. Wenige Jahre zuvor hatte sich die Standortgemeinde Suhr gegen ein Konzert der «Zillertaler Schürzenjäger» gewehrt, war dabei aber beim Kanton unterlegen. Heute, nach der Totalsanierung der Keba für über 20 Millionen Franken, wäre weder das eine noch das andere möglich. Mehr noch: Es kann aktuell noch nicht einmal so viel Schlittschuh gelaufen werden, wie in den wirklich heissen Keba-Jahren (die AZ berichtete).

Schweizweit einzigartig

Eine Massenveranstaltung wie die Sex-Messe war vor der Jahrtausendwende etwas Einzigartiges. Nicht nur in Aarau, sondern auch in der ganzen Schweiz. In der Kantonshauptstadt war das Geschäft mit der nackten Haut allerdings nichts Aussergewöhnliches (schliesslich steckte das Internet noch in den Kinderschuhen). Es gab mehrere Cabarets. Das Bekannteste befand sich am Aargauerplatz («Kupferdächli»). Und am Fusse des Weinbergs hatte es gar einen kleinen, schummrigen «Sex-Shop».

Als dann allerdings im Spätsommer 1998 im Einkaufszentrum Telli ein Beate-Uhse-Erotikladen aufging, protestierte das Lehrerkollegium der Primarschule Telli: «Wir finden es moralisch und erzieherisch höchst fragwürdig, in einem Zentrum, wo täglich viele Schulkinder alleine ein und aus gehen, ein solches Geschäft zu eröffnen.» Direkt genützt hat der Protest nichts. Der Erotikladen (später unter dem Namen «Magic X») blieb bis 2007 offen – bis das Telli-Zentrum umgebaut wurde.

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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