Er habe sich damals bloss verteidigt, sagte Liridon (Name geändert) vor dem Bezirksgericht. In der Nacht auf den 5. September 2015 traktierte der damals knapp 19-jährige albanischstämmige Serbe in Aarau zwei Menschen mit einem Teleskopschlagstock, den er zuvor an der Aare gefunden haben wollte. Der erste Fall ereignete sich um 1 Uhr in der Altstadt, der zweite rund zwei Stunden später vor dem «Penny Farthing», dem Pub an der Bahnhofstrasse.

Gravierender jedoch: Liridon drosch eine Viertelstunde später auch noch mit einer Eisenstange auf das zweite Opfer ein. Zwei Schläge konnte der Antipode, ein 37-jähriger Bosnier, noch abwehren, erlitt dabei aber Brüche an beiden Unterarmen.

Der dritte Schlag mit dem Absperrpfosten traf ihn am Kopf, worauf der 100-Kilo-Mann das Bewusstsein verlor. Im Kantonsspital wurde unter anderem eine Riss-Quetschwunde hinter dem linken Ohr diagnostiziert, dazu ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma. Der bereits wegen einer Schlägerei vorbestrafte Liridon und sein Begleiter, ein 28-jähriger Albaner, wurden noch in der gleichen Nacht in dessen Wohnung festgenommen.

Primär beantragte die Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte sei wegen versuchter vorsätzlicher Tötung schuldig zu sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren zu verurteilen.

Der mit der Metallstange verletzte Bosnier, ein mässig erfolgreicher Kleinunternehmer aus der Baubranche, der vier Monate arbeitsunfähig war, trat vor dem Gericht als Privatkläger auf. Sein Anwalt verlangte Schadenersatz in der Höhe von über 27'000 Franken und eine Genugtuung von 8000 Franken.

Beweggründe «absolut nichtig»

Was genau zur Eskalation der Situation vor dem Pub geführt hatte, liess sich nur teilweise rekonstruieren. Alle Beteiligten waren in der Nacht auf den 5. September 2015 betrunken gewesen. In Liridons Blut fanden sich auch Spuren von Cannabis und Kokain.

Hatte es verbale Provokationen gegeben? «Irgendetwas war vorgefallen», sagte das auch als Auskunftsperson vorgeladene Opfer, «aber ich weiss nicht mehr, was es war.» Das Gesamtgericht ging laut Gerichtspräsident Andreas Schöb davon aus, dass die Beweggründe «absolut nichtig» waren.

Klar scheint: Von Liridons Teleskopschlagstock getroffen, verfolgte der Bosnier den Schläger, doch dieser und sein Kumpan konnten entwischen. Eine Viertelstunde später erschienen die beiden wieder, jetzt auf der andern Strassenseite. «Wir wollten zurück in die Stadt», so Liridons Erklärung.

Der Bosnier, der immer noch vor dem «Penny Farthing» sass, erspähte sie und lief ihnen, die Bahnhofstrasse querend, entgegen. Seine Behauptung, sie hätten die Metallstangen bereits in Händen gehabt, nahm ihm das Gericht nicht ab. Weshalb er denn angesichts der Stangen nicht geflüchtet sei, wollte Gerichtspräsident Schöb wissen. «Ich haue doch nicht ab», erklärte der Berg von einem Mann entrüstet. Und: «Ich dachte mir: Angriff ist die beste Verteidigung.»

Wars aber nicht. Denn der 30 Kilo leichtere Liridon bekam es angeblich mit der Angst zu tun. «Er ist grösser und stärker als ich», sagte er. Und eben: Da hätten diese Metallstangen am Boden gelegen. Nun ja, räumte Liridon ein, es sei keine gute Idee gewesen, damit dem Kontrahenten «Angst zu machen».

«Warum rannten Sie denn nicht einfach davon», fragte Gerichtspräsident Schöb den Beschuldigten. «Diese Frage», so dieser, «stelle ich mir oft, aber ich war betrunken.» Der Amtsverteidiger beantragte, Liridon der mehrfachen einfachen Körperverletzung schuldig zu sprechen und es bei einer Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren, die Hälfte davon bedingt, bewenden zu lassen.

Viereinhalb Jahre in den Knast

Das Gericht sah es anders: Es verurteilte Liridon wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Es ging aufgrund von Zeugenaussagen davon aus, dass er noch mit der Stange auf das Opfer einschlug, als dieses schon am Boden lag.

Dem Beschuldigten, so der Gerichtspräsident, habe klar sein müssen, dass ein Schlag mit der Metallstange auf den Kopf hätte tödlich sein können. Das habe er in Kauf genommen. Wegen des Vergehens gegen das Waffengesetz – als Serbe darf Liridon keine Waffe wie einen Schlagstock auf sich tragen – kassierte der junge Mann auch eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 30 Franken.

Die Schadenersatzansprüche des Opfers hiess das Gericht im Grundsatz gut, verwies die Bemessung aber auf den Zivilweg. Es sprach dem Bosnier eine Genugtuung von 6000 Franken zu. Nach Verbüssung der Strafe droht Liridon, der seit 2011 in der Schweiz lebt, die Ausweisung. Ein Asylgesuch wurde bereits abgewiesen.