Aarau

Seniorenresidenz in der Krise: Woher das Sorgenkind «Walthersburg» die Burg hat

Hier stand die alte Zurlinden-Villa. Heute befindet sich im Neubau die Cafeteria. UHG

Hier stand die alte Zurlinden-Villa. Heute befindet sich im Neubau die Cafeteria. UHG

Die Geschichte der Seniorenresidenz «Auf Walthersburg» in Aarau begann um 1830 mit einem Bauernhof.

Die «Walthersburg». Das tönt nach Rittern und Schlachtrössern, nach Mittelalter. Doch der Name täuscht. Eine Burg stand nie im heutigen Zelgli-Quartier. Es war vielmehr die vielleicht ehrfürchtige Bezeichnung der Aarauer für das mächtige Gut des Johann Jakob Walther, das einst trutzig und einsam auf dem offenen Gelände stand. Beim Blick aus dem Schachen hoch hat das Anwesen aufgrund seiner Fassadengestaltung tatsächlich den Eindruck einer Burg erwecken können.

Bis zum Jahr 1900 waren weder das Zelgli noch der Gönhard überbaut; sie galten als abgelegenes Wies- und Ackerland, wie Werner Doebeli in den Neujahrsblättern 1969 schreibt. Der Grund: Es fehlte an Wasser. Bis 1860 bezogen die Aarauer ihr Trinkwasser aus dem Stadtbach, danach aus einer Quelle auf Unterentfelder Boden südlich des Gönhard. Doch erst, nachdem in den Jahren 1899 und 1900 bei der Echolinde ein Wasserreservoir gebaut und die Trinkwasserversorgung der Stadt auf Hochdruck umgestellt worden war, siedelten sich die Städter oben im Zelgli an. Hier, wo bereits seit Jahrzehnten die drei Bauernhöfe der Familien Walther (Oberholzstrasse), Baumann (an der Hohlgasse) und Riniker (Binsenhof) standen.

Der Hof der Familie Walther dürfte um 1830 gebaut worden sein. Erbauer war besagter Johann Jakob Walther, Lohnkutscher, Postpferdehalter und Holzhändler, der Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Kanton Bern nach Aarau gekommen war. Walther kaufte sich nach und nach Liegenschaften, Äcker und Wiesen im Zelgli, in der Telli, im Gönhard und im Rössligut. 1824 kaufte er am Steinbruchweg, wie die Oberholzstrasse damals hiess, ein Stück Land mit einem Sommerhaus und einem Steinbruch mitsamt Quelle. Auf dem Land liess Walther ein Wohnhaus sowie eine Scheune mit Stall und Speicher errichten. Nach 1854, als Sohn Gottlieb Walther das Gut übernommen hatte, wurde der Hof weiter vergrössert, wie auf der undatierten Aufnahme (wohl um 1900) von Eduard Müller zu sehen ist (aus «Ansichten – Die Fotoserien von Eduard Müller, 1854–1915» von Martin Kundert). Nach dem Tod Gottliebs wurde der Hof bis 1910 verpachtet. Dann wurde das Gelände als Bauland verkauft. 1917 wurde das letzte Gebäude – das Wohngebäude – abgebrochen.

An seiner Stelle baute sich Ferdinand Zurlinden eine grosse Villa mit Nebengebäuden, quasi die «Zurlinden-Villa 2». Sein Vater, Zementfabrikant Friedrich Rudolf Zurlinden, hatte 1888 bereits die Villa an der Bahnhofstrasse gekauft und nach seinem Gusto umgebaut (seit 1928 im Besitz der Stadt, seit 1929 Sitz des Schweizerischen Turnverbandes). Ferdinand Zurlindens Sohn Rudolf liess die alte Villa auf dem Areal «Auf Walthersburg» 1967 abbrechen. An ihrer Stelle wurde ein Neubau gestellt, der heute das Kernstück des Seniorenzentrums bildet.

Für Pioniertat belächelt

Dieses Seniorenzentrum wurde 1990 eröffnet, nachdem Rudolf Zurlinden 1987 das Anwesen samt Umschwung an die Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft AG (heute Swiss Re) verkauft hatte. Diese hatte um die Villa herum 29 Seniorenwohnungen sowie zwei Mehrfamilienhäuser mit Mietwohnungen errichtet.

Das Seniorenzentrum wird von einer gemeinnützigen Betriebsgenossenschaft geführt (Genossenschafter sind unter anderem die Einwohnergemeinde Aarau, der Gemeinnützige Frauenverein Aarau, Katholische Ortskirchenpflege Aarau, Pro Senectute Aargau, die Reformierte Kirchenpflege, das Schweizerische Rote Kreuz Aargau, die Spitex und der Verein 60 Plus Aarau und Umgebung). Eine ungewohnte Rechtsform, arbeitet sie doch, anders als andere private Anbieter, nicht gewinnorientiert. Auch die Idee der «betreuten Alters-WG» wurde vor knapp 30 Jahren noch belächelt. Das Seniorenzentrum versteht sich weder als Alters- und Pflegeheim noch als Altersresidenz für Gutbetuchte, sondern als Zentrum für ältere Menschen, die zwar unterstützt, aber noch selbstständig leben möchten.

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