Wir wüssten es ja: Nachts durch schlecht beleuchtete Gassen nach Hause laufen, alleine im Wald joggen oder auch nur abends auf den Bus warten – das sind Situationen, die besonders für Frauen potenziell gefährlich sein können. Manchmal lassen sie sich aber nicht vermeiden, und allzu gerne schieben wir den Gedanken an die Gefahren beiseite – immerhin leben wir in einem der sichersten Länder der Welt.

Umso schockierender sind Neuigkeiten wie die von der jungen Studentin, die am Sonntag vor einer Woche in Aarau überfallen wurde. Um 7 Uhr morgens, als es längst hell war. Und nicht in einer dunklen Gasse, sondern am Aareufer auf einem beliebten Spazierweg. Auch wenn solche Übergriffe selten sind, machen sie Angst. Was können wir tun?

Straftaten Aargau

Viele Frauen gehen ohne Pfefferspray nicht mehr zum Joggen oder in den Ausgang; der Absatz hat zugenommen. Immer grösser wird aber auch die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen. Besonders bei Frauen und bei Jugendlichen bestehe der Wunsch, Techniken für den Notfall zu erlernen, heisst es bei mehreren Kampfsportschulen in der Region, darunter der Aikido-Club Aarau.

Aikido ist „eine gewaltlose Form der Selbstverteidigung, wobei gewaltlos nicht mit wehrlos verwechselt werden darf“, sagt Susanne Lüscher vom Aikido-Club. „Man will den Angreifer nicht vernichten, sondern lässt ihn erkennen, dass seine Angriffe sinnlos sind, was bei ihm schliesslich einen Sinneswandel bewirkt.“

Ein bisschen anders klingt das bei der Aarauer Kampfsportschule SKEMA. Dort wird im Training gezeigt, wie man richtig – und effektiv – zuschlägt, wenn man sich verteidigen muss. Im Kurs lernen die Teilnehmenden auch, wie sie Alltagsgegenstände wie Regenschirm, Handtasche oder sogar die Kreditkarte als Selbstverteidigungs-Waffe einsetzen können.

Eine einmalige Instruktion reicht aber nicht. Üben, üben, üben heisst die Devise. „Im Notfall bleibt keine Zeit zum Nachdenken“, sagt der Leiter von SKEMA Aarau, Emilio Lomazzo. „Ziel muss deshalb sein, dass sich durch Wiederholungen die Bewegungsabläufe im Nervensystem so festigen, dass man in einer Gefahrensituation mit einem unbewussten Reflex reagiert.“

Trainiert wird in gemischten Gruppen – damit sich Frauen an die Kraft eines männlichen Angreifers gewöhnen können. Denn: Die meisten Gewalttäter sind Männer. Entsprechend oft besteht die Selbstverteidigung darin, ihnen zwischen die Beine zu treten oder zu schlagen.

9 Angriffe, 9 Techniken zur Verteidigung

Zum Beispiel in folgender klassischer Situation: Die Frau ist im Ausgang, ein Mann nähert sich, legt ihr grob den Arm um Schultern und Hals – „Baby, chunnsch mit mir hei?“ Wie Frauen aus dieser Situation rauskommen, zeigen hier Lorena Ramoscello und Ruedi Bickel von der SKEMA-Kampfsportschule, kommentiert von Emilio Lomazzo:

Im Schwitzkasten

Im Schwitzkasten

 Packt der Mann die Frau bei den Handgelenken, kann sie sich so wehren:

Festhalten an den Handgelenken

Festhalten an den Handgelenken

Die Halsregion ist eine unserer empfindlichsten Körperstellen. Packt ein Angreifer da zu, geht es um Leben und Tod. Da braucht es eine schnelle Reaktion.

Ob beim Würgen von vorne

Würgen von vorne

Würgen von vorne

… oder beim Würgen von hinten:

Würgen von hinten

Würgen von hinten

Bei der Selbstverteidigung ist es wichtig, dass man nur mit der flachen Hand zuschlägt – macht man eine Faust, ist das Risiko gross, dass einer der empfindlichen Mittelhandknochen bricht. Auch die Handgelenkstrukturen können in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn auch eher in Form einer Stauchung. Läuft man Gefahr, selber einen Faustschlag einzustecken, gibt es ebenfalls Techniken, um diesen abzuwenden:

Faustschlag

Faustschlag

Hat der Angreifer eine Waffe, sieht die Sache noch einmal anders aus. Besonders mit Messern kann er einem Opfer innert Sekundenbruchteilen eine tödliche Verletzung zufügen. Das kann man tun:

Messer von vorne

Messer von vorne

Und der Klassiker: Der Angreifer hält dem Opfer von hinten das Messer an den Hals, um es zu bedrohen. Die schlechte Nachricht: Ist das Messer mal an der Kehle, hat das Opfer kaum Möglichkeiten, sich zu wehren, ohne verletzt zu werden. Besser, man lässt es gar nicht erst dazu kommen:

Messer an den Hals

Messer an den Hals

Mit etwas Glück hat das Opfer einen einen Schirm dabei – das ist eine prima Abwehrwaffe:

Messer mit einem Schirm oder Stock abwehren

Messer mit einem Schirm oder Stock abwehren

 Wenn der Täter mit dem Baseballschläger auf sein Opfer los geht, wehrt es sich am besten so:

Angriff mit Schlagwaffe

Angriff mit Schlagwaffe

Ziel: Weglaufen, Polizei informieren

Alle diese Selbstverteidigungs-Techniken haben zum Ziel, als Opfer möglichst rasch aus der Gefahrensituation rauszukommen. Sprich: Zeit für die Flucht zu gewinnen, damit man sich in Sicherheit bringen und die Polizei informieren kann. Besser wäre jedoch, die Situation gar nicht erst eskalieren zu lassen. Wie man das erreichen kann, warum regelmässiges Selbstverteidigungs-Training wichtig ist und ob es auch ein Zuviel an Notwehr gibt, verraten Emilio Lomazzo (rechts) und Ruedi Bickel von der SKEMA-Kampfsportschule im Interview:

Wollen sich seit Emmen und Köln mehr Frauen selbst verteidigen können? Und gibt es auch ein Zuviel an Notwehr?

Wollen sich seit Emmen und Köln mehr Frauen selbst verteidigen können? Und gibt es auch ein Zuviel an Notwehr?

Wer genauer wissen will, wieviel Notwehr erlaubt ist, findet die Antwort hier:

Cards: Notwehr