Aarau
Selbstversuch: Wie man im Kantonsspital eine Gallenblase entfernt

Am Samstag, dem Tag der Chirurgie, dürfen im Kantonsspital Krethi und Plethi Chirurg spielen. AZ-Redaktorin Katja Schlegel hat einen Selbstversuch gewagt. «Es macht Spass, mit den Instrumenten zu hantieren, ohne Schaden anzurichten», schreibt sie.

Katja Schlegel
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Gallenblase-Entfernung im Kantonsspital Aarau
6 Bilder
Richard Glaab, leitender Arzt, assistiert
Mit dem Schraubenzieher wird die Schraube im Knochen versenkt
Gar nicht einfach, mit den Greifhändchen die Gallenblase zu packen
Mit Bohrer und Platte wird der gebrochene Knochen fixiert
Den Faden zu verknoten sieht einfach aus, ist es aber nicht

Gallenblase-Entfernung im Kantonsspital Aarau

Emanuel Freudiger

Nach sieben Minuten und neun Sekunden wird es brenzlig. Der Gallenblasengang ist durchtrennt, die Galle läuft aus. Der Patient muss aufgeschnitten und das Auslaufen gestoppt werden, bevor sich die ganze Galle im Bauchraum verteilt.

Zum Glück ist der Patient nur ein Computer, die auslaufende Galle nur ein Haufen grüner Pixel. An solchen Simulatoren üben angehende Chirurgen die laparoskopische Operationstechnik, die sogenannte Schlüssellochtechnik. Dabei wird der Patient nicht aufgeschnitten, sondern die Instrumente über kleine Zugänge in die straff aufgeblähte Bauchhöhle eingeführt.

Der Chirurg arbeitet mit Greifhändchen, ähnlich einem Krokodilmaul, das Bild liefert eine Kamera via Bildschirm. Genau das können nun ganz gewöhnliche Besucher am Tag der Chirurgie (siehe Box) ausprobieren: Automechaniker, Blumenverkäuferinnen, Juristen und Buchhalterinnen. Oder eben Journalistinnen.

Tag der Chirurgie im KSA

Am Samstag, 23. November, gewähren Chirurgen in der ganzen Schweiz Einblick in ihr Fachgebiet. Dies im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie.

Im KSA können Besucher von 10 bis 16 Uhr (Empfang im Haus 1) an sieben interaktiven Posten - und je nach Andrang - ihr chirurgisches Talent testen: beispielsweise beim Entfernen einer Gallenblase am Operationssimulator, beim Nähen einer Wunde, bei der Gelenkspiegelung am Kniemodell, beim Schrauben am künstlichen Knochen. Kinder können sich im Gipsatelier einen Gips modellieren. (ksc)

In der glitschigen Gallenblase

Es ist unglaublich knifflig. Linkisch stochere ich mit den Greifhändchen in der glitschigen Gallenblase herum, bis ich sie endlich zu packen kriege und den Gallenblasengang lang ziehen kann, um mit einem elektronischen Instrument die Gefässe zu verschweissen. Fetzchen für Fetzchen lege ich den Gang frei, setze zwei Clips und trenne den Blasgang dann doch am falschen Ort, oh Schreck, die Galle läuft aus.

Ausserdem, so wertet der Computer aus, habe ich einen Clip verloren, die Gallenblase ein Mal perforiert und zwei Blutungen verursacht. Immerhin liegt die Quote der Schweissnähte bei 90 Prozent. Ist der Patient jetzt tot? Ärztin Swantje Heidtmann lacht. «Den kann man schon noch retten.»

Sieben Minuten am Simulator haben für eine saftige Verspannung völlig ausgereicht, die Hände sind klitschnass und zittrig. Keine guten Voraussetzungen, um einem klaffenden Schnitt eine schöne Naht zu verpassen. Aber Jürg Finger hat Geduld, er kennt das von seinen Studenten. Normalerweise üben die an speziellen Nähkissen, meines ist frisch vom Metzger: ein Schweinefuss.

Durch die Haut stechen

Das sei realistischer als Plastik, sagt Finger und kneift mit der Pinzette in den Hautlappen. Haut packen, erklärt er, die krumme Nadel mit dem Nadelhalter fassen und locker im rechten Winkel durch die Haut stechen, durchziehen und den Faden vier bis sechs Mal knöpfen. «Keine Hausfrauenknoten, sondern chirurgische Knoten», mahnt Finger.

Chirurgie: Früher 1 Arzt, heute 28

Die Chirurgie spielt im KSA seit jeher eine zentrale Rolle. 1887, als die «Kantonale Krankenanstalt Aarau» nach 45-jähriger kantonaler Standortdiskussions- und Planungszeit als erstes Spital im Kanton eröffnet wurde, wurde der 37-jährige Heinrich Bircher als erster Chefarzt der Chirurgie eingestellt - ohne chirurgische Ausbildung.

Seine Erfahrungen hatte er auf den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Krieges gesammelt, wo er in einem Kriegslazarett operierte. Und auch im brandneuen Spital gab es keinen Operationssaal, der Aufenthaltsraum des chirurgischen Pavillons wurde zu einem Operationssaal umfunktioniert.

Medizinisch liess sich Bircher nicht bremsen, 1891 führte er die erste Verkleinerung eines «krankhaft erweiterten Magens» durch. Er war auch der Erste, der Brüche innerhalb des Knochens mittels Elfenbeinstiften zu fixieren versuchte. Die Methode gilt als Vorläuferin der späteren Marknagelung.

Bis 1910 war Heinrich Bircher der einzige Chirurg am Spital, dann stellte man seinen Sohn Eugen Bircher ein. Dieser erfand 1921 die Gelenkspiegelung.
Heute arbeiten auf der Abteilung Chirurgie 28 Ärzte. «Die Chirurgie wurde von einem vergleichsweise einfachen zu einem hochkomplexen Fach», sagt Walter Richard Marti, Bereichsleiter, Klinikleiter und Chefarzt Chirurgie. Heute gebe es praktisch für jedes Organ einen eigenen Spezialisten. (ksc)
Quelle: «125 Jahre Kantonsspital Aarau 1887 - 2012», KSA AG

Richtige Knoten, die gleichen, wie sie auch in der Schifffahrt verwendet werden. Wenn doch nur die Fäden dick wie Taue wären, es würde die Sache deutlich vereinfachen. Mal glitscht die Nadel aus dem Halter, mal rutscht der Faden über das Instrument. Aber Knoten fünf und sechs können sich sehen lassen, der Schweinefuss sieht aus wie neu.

Bei den Knochenbrüchen wird es grob. Die Instrumente sehen nach Autowerkstatt aus, nicht nach Operationssaal. Chirurg Richard Glaab hat einen künstlichen Knochen in den Schraubstock gezwängt, den ich mit einem Bohrer und Gewindeschneider bearbeite: Ein Bruch muss geschient werden, mit Schrauben und Metallplatten.

Das ist einfacher als das Operieren und Nähen, so am freiliegenden Knochen, ohne Mensch darum herum. Es macht Spass, mit den Instrumenten zu hantieren, ohne Schaden anzurichten. Aber wie heisst es so schön, «Schuster, bleib bei deinem Leisten». In meinem Fall bei Kugelschreiber und Block.