Suhr
Seit Gründung der «Lerninsel» müssen weniger Schüler ins Heim

Die Schule Suhr wurde für ihr Förderprogramm «Lerninsel» ausgezeichnet. Seit es diese gibt, also seit fünf Jahren, mussten erst zwei Kinder in ein Heim. Eine solche Quote bei 1300 Kindern ist aussergewöhnlich.

Katja Schlegel
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Die Lerninsel ist ein Ort, an dem sich Oberstufenschüler sammeln und erzählen können, was zu Hause oder im Kollegenkreis gerade Spezielles läuft. bigfish.ch

Die Lerninsel ist ein Ort, an dem sich Oberstufenschüler sammeln und erzählen können, was zu Hause oder im Kollegenkreis gerade Spezielles läuft. bigfish.ch

Die Probleme kommen meist nach der Zähni-Pause. Dann, wenn die Schüler erst richtig aufwachen. Wenn der Bauch anfängt zu knurren, weil es zu Hause kein Frühstück gab. Oder wenn es in der Pause Lämpen absetzte. Deshalb startet auch die Lerninsel erst um 10 Uhr. Dort landet, wer den Unterricht stört, wer verschlossen, über- oder unterfordert ist, wer Aufmerksamkeit braucht, wem es offensichtlich nicht gut geht. Mal sind es die Lehrpersonen, die den Impuls geben, mal sind es die Schüler selbst. Auf der Lerninsel gibt es jemanden, der sich um sie kümmert, von Angesicht zu Angesicht. Da erhalten sie die ungeteilte Aufmerksamkeit. Da ist es mit der Aufmüpfigkeit vorbei.

Schule auch fürs «Fötzelen» ausgezeichnet

Die Schule Suhr ist in diesen Tagen nicht nur für die Lerninsel ausgezeichnet worden, sondern auch für die Aktion während des schweizweiten Clean-up-Days. Die Initianten und Organisatoren des Clean-up-Days, die IGSU (Interessensgemeinschaft für eine saubere Umwelt), führen jedes Jahr einen Wettbewerb unter allen teilnehmenden Schulen durch. Die kreativste und am besten umgesetzte Clean-up-Aktion wird jeweils mit einem Ausflug im Wert von 1500 Franken geehrt. In Suhr waren an diesem Tag unter dem Motto «Die Schule räumt auf» 1300 Kinder unterwegs und haben auf dem gesamten Gemeindegebiet und bis nach Gränichen und Hunzenschwil «gefötzelet». Dabei kamen 380 Kilogramm Abfall zusammen. Weiter fanden Workshops und Filmvorführungen zu den Themen Littering und Abfall statt. «Wir waren völlig überrascht, dass wir diesen Preis gewonnen haben», sagt Gesamtschulleiterin Denise Widmer. Sie habe noch nicht einmal gewusst, dass ein Wettbewerb laufe. Das Preisgeld will Widmer in einen Anlass für die ganze Schule investieren, beispielsweise in einen Sternmarsch im Frühling. (ksc)

Aussergewöhnliche Quote

Suhr ist kein einfaches Pflaster, die Klassenzusammensetzungen sind sehr heterogen und herausfordernd. 60 Prozent der Kinder reden zu Hause eine andere Sprache. Viele Kinder – ob Ausländer oder Schweizer spielt keine Rolle – wachsen in schwierigen Elternhäusern auf; ob nun sehr bildungsfern oder im Gegenteil mit Überbehütung und exzessiver Einmischung.

Bis zur Gründung der Lerninsel vor fünf Jahren musste die Schule jedes Jahr fünf Schüler fremdplatzieren, weil es einfach nicht mehr ging. Seit es die Lerninsel gibt, waren es gerade noch zwei Heimeinweisungen; eine vor vier Jahren, eine kürzlich. Eine solche Quote bei 1300 Kindern ist aussergewöhnlich. Nicht zuletzt deshalb wurde die Schule Suhr jetzt mit dem Anerkennungspreis des Kantons Aargaus, Departement Gesundheit und Soziales, ausgezeichnet.

«Anders als andere Schulen arbeiten wir nicht mit dem Strafaspekt, sondern fördern bei allen die Sozial- und Selbstkompetenz», sagt Gesamtschulleiterin Denise Widmer. «Wir sind der Überzeugung, dass es immer einen Grund gibt, wenn Schüler stören oder sich nicht konzentrieren können.» Die Lerninsel sei denn auch keine Gefängnisinsel, sondern ein einfaches Schulzimmer. Ein Ort, an dem sich Oberstufenschüler sammeln und erzählen können, was zu Hause oder im Kollegenkreis gerade speziell läuft. Und in der Pubertät sei es so, dass oftmals auch Kinder aus sogenannten «normalen« Elternhäusern gern in die Lerninsel gehen. Schulthemen können hier in Ruhe aufgearbeitet werden.

Betreut werden die Schüler dabei von drei Lehrpersonen, unter anderem von Priska Lussi, Schulleiterin Real- und Sekundarschule und Initiantin der «Lerninsel». Die drei kümmern sich jeweils um je einen bis acht Schüler. «Mit Kindern zu arbeiten ist immer eine Beziehungsarbeit», sagt Widmer, und die Beziehungsarbeit sei gerade in der Pubertät wahnsinnig wichtig. «Das Bedürfnis nach einer Bezugsperson ist in dieser Zeit besonders gross.» So gross, dass viele Schüler sogar am Mittwochnachmittag freiwillig auf die Lerninsel kommen, um beispielsweise Bewerbungen zu schreiben.

Wer von einer Lehrperson hingeschickt wird, bleibt mal zwei Nachmittage, mal eine Woche, mal mehrere Monate. Nützt das nichts, können die Schüler als letztes Mittel sechs Wochen vom regulären Unterricht ausgeschlossen werden. In dieser Zeit lernen sie auf der Lerninsel und arbeiten gleichzeitig, beispielsweise in der Badi, in der Behindertenwerkstatt oder im Altersheim. In den vier Jahren als Gesamtschulleiterin hat Widmer sechs solcher Ausschlüsse erlebt.

Auch Bezler profitieren davon

Bezahlt werden die wöchentlich 16 Lektionen der Lerninsel vom Kanton via Zusatzlektionen. Das ist denn auch der Tolggen im Reinheft: «Die Bezirksschule ist von den Zusatzlektionen ausgenommen», sagt Martin Meyer, Schulleiter der Bezirksschule. Für ihn unverständlich, schliesslich gebe es auch in der Bez auffällige Schüler. Mit der Lerninsel hat man es nun aber so lösen können, dass auch Bezler vom Angebot Gebrauch machen können.

Dass die Schule Suhr für ihr Projekt mit dem mit 3000 Franken dotierten Anerkennungspreis ausgezeichnet wurde, freut Gesamtschulleiterin Widmer ungemein: «Wir haben eine Wahnsinnsfreude, dass wir uns gegen so viele Mitbewerber durchsetzen konnten.» Für sie sei dabei zentral, dass mit diesem Preis die Lehrpersonen eine Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten. «Die Lerninsel ist nicht zuletzt auch eine praktische, gute Art, die Lehrer zu entlasten.»